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Geldsammeln für die Virusopfer : Wie Erdogan Corona bekämpft

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Videoansprache am Montagabend. Bild: dpa

Der türkische Präsident ruft dazu auf, Geld für von der Pandemie betroffene Bürger zu spenden. Dass Erdogan selbst mit gutem Beispiel vorangeht, verhindert nicht, dass ein Shitstorm über ihn hereinbricht.

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          Der türkische Präsident Tayyip Erdogan geht im Kampf gegen Sars-CoV-2 eigene Wege. Viele Türken hatten erwartet, dass er nach dem ersten Treffen seines Kabinetts per Videoschaltung eine landesweite Ausgangssperre bekanntgeben würde. Nach der fünfstündigen Besprechung trat Erdogan dann vor die Kameras – und verkündete etwas ganz anderes: Er rief am Montagabend seine Landsleute zu einer „Kampagne der nationalen Solidarität“ auf. Konkret: Jeder solle in einen Fonds einzahlen, der alle diejenigen unterstützen werde, die aufgrund des Kampfes gegen das neuartige Coronavirus ihre Arbeit verlieren würden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Er selbst gehe mit gutem Beispiel voran und spende sieben Monatsgehälter. Dem solle jeder Beamte, jeder Bürgermeister und jeder Funktionär seiner AKP folgen, sagte Erdogan. So verzichten die Minister auf sechs Monatsgehälter. Den größten Beitrag erwarte er von den Unternehmern und den Philanthropen des Landes. Der bekannteste Philanthrop, Osman Kavala, sitzt jedoch seit Oktober 2017 in Untersuchungshaft.

          Erdogan will bisher keine allgemeine Ausgangssperre

          Erdogan hatte am 27. März weitreichende Einschränkungen beim Reisen und im öffentlichen Leben verkündet. Weiterhin ist er jedoch nicht zu einer allgemeinen Ausgangssperre bereit, wie sie der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu fordert.

          Besorgt zeigt sich Erdogan, der aus Furcht vor einer Ansteckung nicht mehr in seinem neuen Präsidentenpalast lebt, sondern in seinem Sommersitz in Istanbul oder in Ankara im früheren Amtssitz Atatürks, über die wirtschaftlichen Folgen der Krise. Die Türkei müsse die Produktion aufrechterhalten und die Räder müssten sich weiter drehen, „wie auch immer die Umstände“ seien. Er versprach, die Regierung wolle sicherstellen, dass die Unternehmen, die weiter produzierten, ihre Beschäftigten auch schützten.

          Kaum hatte Erdogan seine Ansprache an die Nation beendet, brach ein Shitstorm über ihn herein. Sein Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun schrieb zwar, nicht dass der Staat vom Volk Geld wolle, sei nationale Solidarität, sondern dass man einander in einer plötzlichen Notlage beistehe; und die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ titelte, „wie eine Lawine“ wachse diese Unterstützung bereits an. Die Vorsitzende der oppositionellen Iyi-Partei, Meral Aksener, forderte von Erdogan jedoch, er solle sein Präsidentenflugzeug vom Typ Boeing 747-8 im Wert von 400 Millionen Dollar verkaufen, das ihm der Emir von Qatar geschenkt habe.

          Und in den sozialen Medien hagelte es Spott und Hohn. Auf Twitter hieß es etwa, Deutschland stelle ein Rettungspaket mit 750 Milliarden Euro zusammen, die Türkei gebe hingegen lediglich Iban-Nummern für eine Solidaritätsaktion bekannt – was jedoch nicht die ganze Wahrheit ist, denn am Dienstag gab die Zentralbank Stützungsmaßnahmen bekannt. Ein anderer Nutzer schlug vor, Erdogan solle doch auf sein Lieblingsprojekt eines Kanals zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer verzichten, dann gebe es genügend Geld für Solidarität.

          Desinfizierungsmaßnahme im Großen Basar von Istanbul Ende März.

          Empört schrieb der angesehene Intellektuelle Murat Yetkin, Erdogan sei nur am Wohlergehen der ihm nahestehenden Unternehmer im Baugewerbe und im Handel interessiert, nicht aber an Menschenleben. Sein „Heldentum“ überzeuge nicht.

          Yetkin will daher wissen, weshalb nicht auf die Arbeitslosenversicherung und die Reserven der Zentralbank zurückgegriffen werde und ob die Staatskassen, für die Erdogans Schwiegersohn und Finanzminister Berat Albayrak verantwortlich sei, leer seien. Er fürchte, dass die Spenden direkt in die Taschen der Unternehmer fließen könnten, die den nun verwaisten Istanbuler Flughafen gebaut haben.

          Eine Ärztin fürchtet italienische Verhältnisse

          Als Geste der Solidarität ist ein türkisches Schiff mit in der Türkei produzierten medizinischen Hilfsgütern nach Italien unterwegs, am Mittwoch startet zudem ein Flugzeug nach Spanien. Noch ist die Türkei, die den ersten Infektionsfall am 11. März gemeldet hat, weniger stark betroffen als viele Länder Europas.

          Gesundheitsminister Fahrettin Koca nennt in seinem täglichen Bericht auf Twitter 10.827 Infektionsfälle und 168 Tote. In der Türkei werden jedoch Zweifel an den Zahlen geäußert.

          So sprach Erdogan am 25. März von 8554 Patienten, die wegen Coronavirus-Infektionen in Krankenhäusern behandelt würden. Am selben Tag aber gab Gesundheitsminister Koca lediglich eine Zahl von 2433 Infektionsfällen bekannt.

          Wellen geschlagen hat ein Video, das am 18. März bei einer internen Besprechung in einem bekannten Krankenhaus in Ankara aufgenommen wurde. Dabei sagte eine Ärztin, sie befürchte in der Türkei italienische Verhältnisse. Denn man habe bereits Tausende Infektionsfälle und nicht Hunderte, wie die Regierung angebe. Am Tag darauf bat sie öffentlich um Entschuldigung und teilte mit, das sei keine politisch motivierte Stellungnahme gewesen.

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