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Drohnen über der Ostukraine : Krieg führen per Crowdfunding

  • -Aktualisiert am

Ukrainische Soldaten patrouillieren an einem Stützpunkt in Awdijiwka in der Ostukraine. Bild: dpa

Die Ukraine steht im Osten ihres Landes militärisch unter Druck und macht aus der Not eine Tugend: Das Militär gelangt auf unkonventionellen Wegen an innovative Drohnen.

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          Auf den Schlachtfeldern des Ukraine-Kriegs trieben die Separatisten die ukrainische Armee lange Zeit von einer Niederlage zur nächsten. Ihre effektivste Angriffstaktik war dabei mobile Artillerie und Raketenwerfer, die auf Lastwägen hinter der Front zusammengezogen wurden. Spähdrohnen über den ukrainischen Linien lenkten das massive Feuer dieser Geschütze-Pulks präzise auf die ukrainischen Einheiten. Versuchten die Regierungstruppen auszuweichen, ermöglichte die Echtzeit-Feuerleitung per Drohne ein rasches Nachjustieren des Beschusses - mit vernichtender Wirkung. Den Ukrainern fehlten dagegen moderne Aufklärungsdrohnen, der neue entscheidende Faktor auf dem Schlachtfeld.

          Als Reaktion auf den Drohnen-Mangel ist seit 2014 eine rege Drohnen-Forschung und Produktion in der Ukraine entstanden. Der Kauf ausgereifter strategischer Systeme aus dem Ausland war nie eine Option. Das gesamte Verteidigungsbudget der Ukraine betrug im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Euro. Die Bundeswehr kostet schon das Leasing ihrer drei Heron-Aufklärungsdrohnen mehr als 36 Millionen Euro jährlich. Die Merkmale der ukrainischen Drohnen-Beschaffung: Sie ist innovativ und unkonventionell.

          Kaum Geld, dafür aber Kreativität

          Das Beschaffungswesen der klammen ukrainischen Streitkräfte ist überfordert, eine Rüstungsstrategie für Drohnen zu entwickeln, die rasch einsatztaugliche Modelle an die Front bringt. Die Lücken füllen Crowdfunding-Projekte, Drohnen-Startups und Universitäten. So entwickelten Kiewer Studenten die Aufklärungsdrohne Spectator – ein kleines, taktisches System um feindliche Stellungen auszukundschaften. Sie bewährte sich im Kampfgebiet Ostukraine und wird nun vom staatlichen Rüstungskonzern der Ukraine Ukroboronprom für die reguläre Armee produziert.

          Kriegsführung im 21. Jahrhundert: Einfach die Drohne losschicken

          Die zahlreichen Freiwilligenbataillone wiederum besorgen sich ihre Drohnen über Crowdfunding-Aktionen. Die wichtigste Plattform dafür ist „The People's Projekt“. Gerade wird dort für sieben Aufklärungsdrohnen vom Typ PC-1 gesammelt. Deren Stückpreis beträgt nur rund 5700 Euro. Die PC-1 hat eine Reichweite von fünf Kilometern und kann 40 Minuten in der Luft bleiben. Ihre Videokamera befindet sich in einer spezialen Aufhängung, die unverwackelte Bilder ermöglicht. Der Hersteller, das Startup „Ukrspecsystems“ wirbt vollmundig auf seiner Webseite „We build Drones that win wars“.

          Tatsache ist: Der Innovationsgrad ist hoch. Die Modelle kommen sofort an die Front und werden laufend weiterentwickelt. So verfügte die PC-1 Ende vergangenen Jahres über vier Rotoren als Antrieb, seit Januar 2017 wird sie mit acht Rotoren produziert. Eine Verbesserung nach dem Feedback der Militärs, so Ukrspecsystems. Ein weiterer Hersteller nennt sich Matrix UAVs und hat das Modell „Oko“, zu deutsch „das Auge“, entwickelt. Eine Art fliegender Wachturm, der Kampfeinheiten eine 360-Grad-Beobachtung ihres Umfelds ermöglicht. „An die 30 Modelle haben die ukrainischen Streitkräfte gegenwärtig in Nutzung“, sagt David Hambling, Fachjournalist und Fachmann zum Thema Drohnen im Gespräch mit FAZ.NET. Zum Vergleich: Die Bundeswehr operiert mit lediglich sieben Drohnen-Typen.

          Deutsche Drohne: Die Bundeswehr lässt sich die Technik einiges kosten.

          Die ukrainischen Drohnen aus Eigenproduktion haben rasch an Qualität gewonnen. „Bei den ersten Crowdfunding-Aktionen wurden noch zivile Modelle eingekauft, wie die Phantom. Eine Drohne, die für Fotografen konzipiert wurde,“ sagt Drohnen-Fachmann Hambling. Im Kampfeinsatz konnte diese zivile Massenware nicht überzeugen. Deren Batterien erlahmten schnell und die Separatisten holten sie leicht mit russischen Störsendern, so genannten Jammern, vom Himmel, so Hambling. Inzwischen gibt es bessere Produkte aus der heimischen Drohnenindustrie wie etwa die „Fury“ von Athlone Air. Diese hat mehrere Radio-Kanäle zur Führung. Selbst wenn ein Jammer zwei blockiert, kann die Drohne weiterfliegen, erklärten deren Entwickler 2014 in einem Interview mit der ukrainischen Zeitung „2000“.

          Auch die „Fury“ ist eine taktische Drohne für das Schlachtfeld mit zwei Hauptaufgaben: Aufklärung feindlicher Stellungen und Leitung von Artilleriefeuer. Die von den Vereinigten Staaten an die Ukraine gelieferten „Raven“-Drohnen versagten dagegen im Aufklärungseinsatz. In Afghanistan hatte sich diese Mini-Drohne im Kampf gegen die Taliban bewährt und international einige Käufer gefunden. Der hochentwickelten russischen Jamming-Technik war die „Raven“ aber nicht gewachsen und konnte gehackt werden.

          Das Interesse ist groß: Innenminister Arsen Avakov und der damalige Parlamentspräsident Oleksandr Turchynov begutachten ein Drohne.

          Nun will die Ukraine selbst Drohnen-Exporteur werden. Die „Fury“ sowie die „Spectator“ finden sich auf der aktuellen Angebotsliste des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom. Am nächsten Schritt, der Erlangung bewaffneter Drohnen, arbeiten die Ukrainer bereits. Es gibt zwei Projekte für sogenannte „Kamikaze-Drohnen“. Das sind Modelle, die selbst Gefechtskopf sind und sich nach dem Aufsteigen ihr Ziel selbst suchen, um dann dort einzuschlagen. Dazu gehören die ukrainische „Yatagan 2“ und die „Warmate“, eine polnische Entwicklung, die etwa leicht gepanzerte Fahrzeuge zerstören soll. Diese Kampfdrohnen wollen die Ukrainer in Lizenz herstellen.

          Zudem versucht sich die Ukraine an ihrer ersten strategischen Drohne. Die „Turteltaube“ gibt es als Prototyp des ukrainischen Flugzeugbauers Antonov. Sie soll 1000 Kilometer weit fliegen, sieben Stunden in der Luft bleiben sowie in der Lage sein können, Raketen zu tragen.

          In den Konflikten unserer Zeit galt bis dato: Die eine Seite verfügt über hochentwickelte Drohnen, die andere über gar keine. Im Ringen zwischen Moskau und Kiew ist die Regel obsolet geworden.

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