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Erster Weltkrieg : Wie die Ukraine an den Brotfrieden erinnert

  • -Aktualisiert am

Am 9. Februar 1918 erhebt der Vorsitzende der ukrainischen Delegation Sevrjuk sein Glas auf den Frieden zwischen der Ukraine und den Mittelmächten. Bild: Picture-Alliance

Der Friedensschluss von 1918 machte die Ukraine unabhängig. Heute wird er in der Erinnerungskultur des Landes verklärt – und spielt auch im Verhältnis zu Putin eine Rolle.

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          Ziemlich genau vor hundert Jahren, am 9. Februar 1918, schlossen die Ukraine und die Mittelmächte Deutschland und Österreich den ersten Friedensvertrag des Ersten Weltkriegs: den Brotfrieden. Die diplomatischen Delegationen kamen in der heute zu Weißrussland gehörenden Stadt Brest-Litowsk zur Vertragsunterzeichnung zusammen. Mit dem Friedensschluss erkannten die Mittelmächte die Unabhängigkeit der Volksrepublik Ukraine an, die sich im Januar 1918 vom revolutionären Russland gelöst hatte.

          Damit gab es seit dem 17. Jahrhundert zum ersten Mal wieder einen unabhängigen ukrainischen Staat. Im Gegenzug für die Anerkennung sollten das Deutsche Reich und Österreich für ihre hungernden Bevölkerungen Getreidelieferungen aus der Ukraine bekommen – daher der Name Brotfrieden. Gleichzeitig wollten die Mittelmächte die militärische Situation im Osten mit solchen Friedensschlüssen absichern, um sich auf die Frühjahrsoffensive im Westen konzentrieren zu können.

          Im Zuge des 100-Jahre-Jubiläums versucht die ukrainische Politik, die Erinnerung an den Brotfrieden und die Volksrepublik wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. „2017 hat sich die Ukraine offiziell zum rechtmäßigen Erben dieser ersten ukrainischen Volksrepublik erklärt“, sagt der ukrainische Historiker Jaroslaw Hryzak, der in Lemberg lehrt.

          Eine weitere erinnerungspolitische Maßnahme war die Suche nach dem Botschaftsgebäude der ukrainischen Volksrepublik in Berlin. Mehrere Historikerteams waren laut der heutigen ukrainischen Botschaft damit beschäftigt, die Stelle am Kronprinzenufer ausfindig zu machen. „In wenigen Wochen werden wir eine Gedenktafel an dem Ort einweihen, wo sich das mittlerweile leider zerstörte Gebäude befand“, sagt der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk. In München sei schon vor einigen Wochen das Gebäude des damals dort ansässigen Generalkonsulats mit einer Gedenktafel versehen worden.

          Erinnerungspolitik ist in der neuen Ukraine wieder wichtig

          Seit die Ukraine 1991 unabhängig geworden ist, war Erinnerungspolitik immer wieder ein wichtiges Thema. „Unter Präsident Viktor Juschtschenko begab sich die Ukraine schon einmal auf eine solche Geschichtssuche, und es kam zu einer Ukrainisierung“, sagt die junge Ukrainerin Kateryna Pawlowa, die eine Ausstellung zum Brotfrieden geplant hat.

          Juschtschenko wollte dem Holodomor, der durch das sowjetische Regime unter Stalin herbeigeführten Hungersnot in der Ukraine 1932 und 1933, international Beachtung verschaffen. Damit wollte man sich von der Sowjetunion distanzieren, aus deren Konkursmasse man sich gerade herausgelöst hatte – natürlich wollte man auch Gerechtigkeit für die Opfer. „Lange wurde die Volksrepublik im kollektiven Gedächtnis der Ukraine vom Holodomor überlagert – und von der Gewalt des Zweiten Weltkrieges“, sagt Hryzak.

          Durch das Jubiläum tritt die Erinnerung an die Volksrepublik aus dem Dunkel des Vergessens hervor und trifft auf einen Nerv. Angesichts der Annexion der Krim durch Russland und des schwelenden Konflikts im Donbass will die Ukraine auf eine Tradition der Staatlichkeit verweisen und damit ihre Existenzberechtigung bekräftigen. Mit der Erinnerung an den Brotfrieden und die Volksrepublik wird betont, „dass die Ukraine nicht nur ein Opfer der Geschichte, sondern ein Akteur war, der sein eigenes Schicksal am Verhandlungstisch mit den Mittelmächten bestimmte“, sagt Tanja Penter, Osteuropa-Historikerin an der Universität Heidelberg.

          Dass der Brotfrieden ein Abkommen mit den heute westlichen Mächten Deutschland und Österreich war, passt zudem auf gewisse Weise zu der in der Ukraine heute vertretenen Westorientierung. Mit dem Verweis auf die Geschichte wird die Forderung nach einem noch stärkeren Engagement des Westens im heutigen Konflikt in der Ostukraine begründet: Am Einmarsch bolschewistischer Truppen und dem daraus resultierenden Untergang der Ukrainischen Volksrepublik im Jahr 1920 lasse sich beweisen, dass ein Nichteingreifen von westlicher Seite nur den russischen Eroberungshunger schüre.

          Putins Geist schwebt über allem

          So sagt der ukrainische Botschafter Melnyk, der Brotfrieden von 1918 sei „ein klarer Auftrag, sich für eine friedliche Lösung des russischen Kriegs im Donbass und der Besetzung der Krim vehement einzusetzen – und zwar gemeinsam mit unseren deutschen und westlichen Partnern“. Bei all der Folklore um das Jubiläumsjahr 2018 wird also klar, dass die Erinnerung an den Brotfrieden und die Volksrepublik auf Zwänge der Gegenwart reagiert.

          „Die Geschichte der ersten Ukrainischen Volksrepublik wird teilweise aber auch verklärt“, sagt Penter. So bleiben die Schattenseiten der kurzen Unabhängigkeit außen vor: zum Beispiel die Militärdiktatur unter Pawlo Skoropadskyj und das darauf folgende Regime des Nationalisten Symon Petljura. Die Mittelmächte hatten sich nämlich nach dem Brotfrieden tatsächlich noch in der Ukraine engagiert – aber damals nicht unbedingt zum Vorteil des Landes.

          Während der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk im Februar 1918: Ukrainische Abgeordnete sind im Gespräch mit deutschen Offizieren.

          Als den Mittelmächten die vereinbarten Getreidelieferungen zu langsam vorankamen, putschten sie im April 1918 den ehemaligen zaristischen General Skoropadskyj an die Macht – gegen das ukrainische Parlament, mit dem sie zwei Monate zuvor den Friedensschluss ausgehandelt hatten. In den folgenden acht Monaten ging das von den deutschen und österreichischen Besatzern gestützte Regime besonders hart gegen die Landbevölkerung vor, um die alte feudale Ordnung wiederherzustellen.

          Nach dem Sturz Skoropadskyjs und dem Rückzug der deutschen Truppen gegen Ende 1918 übernahmen nationaldemokratische Kräfte um Symon Petljura die Führung. Seine Regierung hatte jedoch nie wirklich die Kontrolle über das Gebiet der Ukraine, in dem Bolschewisten, Weiße und Polen Krieg führten. Petljura hatte auch seine eigenen Truppen nicht im Griff: Diese begingen – gegen seinen Willen – Pogrome an jüdischen Ukrainern, Zehntausende wurden getötet. Auch diese Episode wird mehr und mehr vergessen.

          Die Geschichte der Volksrepublik wird in der heutigen ukrainischen Erinnerungskultur teilweise geschönt und nicht vollständig aufgearbeitet. Projekte wie die der deutsch-ukrainischen Historikerkommission, der Hryzak und Penter angehören, können einen wichtigen Beitrag zu ihrer Erforschung leisten.

          Hryzak wirbt um Verständnis für die Ukraine: „Die Ukraine von 1918 und auch die heutige Ukraine wurden im Schmerz von Krieg und Revolution geboren und tragen all die dazugehörigen Geburtsmale.“ Das erkläre zumindest teilweise, warum die Ukraine so viele Probleme bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte hat, sagt Hryzak. „Im Vergleich zu Staaten wie Russland versucht die Ukraine aber zumindest, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Das sollte man ihr zugutehalten.“

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