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Antisemitismus in Italien : „Der Hass hat keine Zukunft“

Die Auschwitz-Überlebende Liliana Segre im Kreis italienischer Bürgermeister. Bild: AP

In Italien war die Zahl antisemitischer Vorfälle lange Zeit eher gering. Aber Beschimpfungen und Drohungen nehmen zu. Jetzt beginnt die Politik zu reagieren.

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          Sie tragen Schärpen mit einem grünen, einem weißen und einem roten Streifen und stimmen die italienische Nationalhymne an: „Brüder Italiens, Italien hat sich erhoben“. Auf einem Plakat steht „Der Hass hat keine Zukunft“. Durch die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand, die berühmteste Einkaufspassage Italiens, zieht am Dienstagabend ein Demonstrationszug, wie es ihn in Italien so noch nicht gegeben hat: Bürgermeister aus rund 600 Städten und Gemeinden im ganzen Land sind angereist, um gegen Antisemitismus und Rassismus zu demonstrieren und einer Frau ihre Solidarität zu bekunden: Liliana Segre. Die Holocaustüberlebende ist die Schlüsselfigur in der Antisemitismus-Debatte, die in Italien seit einigen Wochen andauert, und war die einzige Rednerin der Kundgebung. „Ich weiß, was es heißt, von der Gesellschaft abgelehnt zu werden, zu der man zu gehören glaubt“, sagt Segre. Sie fordert einen „Pakt der Generationen“, damit die Erinnerung an die Tragödien der Vergangenheit nicht verlorengehe.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Segre war als Kind nach Auschwitz deportiert worden und erzählt heute Schülern und Studenten von dieser Zeit; Staatspräsident Sergio Mattarella hatte sie wegen dieses Engagements 2018 zur Senatorin auf Lebenszeit berufen. Im Oktober hatte Segre im Senat, der zweiten Parlamentskammer, eine Kommission zur Bekämpfung von Hass, Rassismus und Antisemitismus vorgeschlagen. Die Holocaustüberlebende hat damit auch im heutigen Italien leidvolle Erfahrungen machen müssen: Täglich sei sie 200 antisemitischen Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt, vor allem im Internet, berichtete Segre. Der Senat stimmte ihrem Vorschlag ohne Gegenstimmen zu; die Senatoren der rechtsnationalistischen Lega, der Forza Italia von Silvio Berlusconi und der neofaschistischen Fratelli d’Italia enthielten sich jedoch der Stimme. Als die 89 Jahre alte Mailänderin im November schließlich unter Polizeischutz gestellt werden musste, war das Thema Antisemitismus endgültig auf der politischen Tagesordnung angekommen.

          Ein Professor twittert ein Hitler-Bild

          Der Polizeischutz für Segre war nur der Anfang. Eine Serie von weiteren Vorfällen hat die Antisemitismusdebatte seither befeuert. Großes Aufsehen erregte ein Philosophieprofessor der Universität Siena, der auf Twitter ein Bild von Adolf Hitler verbreitete und dazu schrieb: „Sie sagten euch, dass ich ein Monster war, damit ihr nicht erfahrt, dass ich gegen die echten Monster kämpfte, die euch heute regieren und die Welt beherrschen.“ Ebenfalls in die Schlagzeilen geriet die Gemeinde Predappio, der Geburtsort Benito Mussolinis, weil sie zwei Schülern Zuschüsse für eine Fahrt nach Auschwitz im Rahmen des Projekts „Zug der Erinnerung“ verweigerte. Die Begründung: Das Projekt sei „einseitig“. In Neapel äußerte sich die jüdische Gemeinde besorgt über die Ernennung einer Stadträtin für Kultur und Tourismus, der sie vorwirft, Zionismus und Nationalsozialismus gleichgesetzt und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit Hitler verglichen zu haben. Derweil hob die italienische Polizei eine rechtsextremistische Gruppe aus, die sich „Italienische nationalsozialistische Arbeiterpartei“ nannte und in deren Wohnungen auch antisemitisches Propagandamaterial sichergestellt wurde.

          Vertreter der jüdischen Gemeinde, die in Italien rund 30.000 Mitglieder zählt, äußerten sich besorgt über einen wachsenden Antisemitismus im Land. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Rom, Ruth Dureghello, forderte, man dürfe die antisemitischen Vorfälle nicht nur beobachten, sondern müsse einschreiten und sie unterbinden. Italien war in der Nachkriegszeit zwar keine von Antisemitismus freie Zone, aber im Vergleich zu Deutschland, Frankreich und vielen anderen europäischen Ländern waren judenfeindliche Äußerungen und antisemitisch motivierte Straftaten bis in die neunziger Jahre hinein sehr selten. Doch seit einigen Jahren ändert sich das. Im Jahr 2018 registrierte das „Observatorium für Antisemitismus“, eine jüdische Stiftung mit Sitz in Mailand, 197 antisemitische Vorfälle, in den beiden Vorjahren waren es demnach jeweils 130. Im Jahr 2012 waren es noch 16 gewesen. Für das Jahr 2019 zeichnet sich eine weitere Zunahme ab: In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden schon 190 Vorfälle gemeldet. Ein Grund für den Anstieg ist die steigende Zahl antisemitischer Beschimpfungen und Drohungen im Internet. Im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Italien allerdings immer noch gering. Hinzu kommt, dass Gewaltdelikte gegen Juden sehr selten sind. 2018 gab es nach Angaben des „Observatoriums für Antisemitismus“ keinen einzigen derartigen Fall.

          Salvinis Lega enthält sich

          Nach Mailand gekommen waren am Dienstag auch Bürgermeister der rechtsnationalistischen Lega. Die Senatoren der Partei von Matteo Salvini hatten sich in der Abstimmung über die Einrichtung einer Senatskommission zur Bekämpfung von Antisemitismus enthalten. Salvini hatte das damit begründet, dass die Linke bereits den Slogan „Italiener zuerst“ als Rassismus definiere. Zugleich hatte er jedoch versichert, seine Partei sei „ohne Wenn und Aber“ gegen Rassismus und Antisemitismus.

          In Mailand wollten die Organisatoren der Kundgebung parteipolitisches Gezänk vermeiden; Abzeichen oder Logos von Parteien waren ausdrücklich untersagt. Stattdessen wurde Unmut über die italienische Justiz laut. Der Mailänder Bürgermeister Giuseppe Sala, einer der Mitorganisatoren, beklagte, die Justiz gehe nicht immer entschieden genug gegen Rassismus und Antisemitismus vor. Er verwies auf Großbritannien als Vorbild. Dort war ein Fan des Fußballvereins Manchester City vor einigen Tagen nach rassistischen Beleidigung zweier Spieler mit Migrationshintergrund festgenommen worden: „Etwas Ähnliches möchte ich auch in Italien sehen“, sagte Sala.

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