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Krim-Krise : Von der ungeheuren Bedeutung der gestrichelten Linie

  • -Aktualisiert am

Von der Krise ist noch nichts zu erkennen: Die Krim in der Erstausgabe des Diercke Atlas Bild: dpa

Die Darstellung von annektierten Gebieten in Schulbüchern ist umstritten – schließlich wird damit Politik betrieben. Wie Kartographen mit der Abspaltung der Krim von der Ukraine umgehen.

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          Was Schüler in Schulatlanten sehen, prägt ihr Weltbild. Schulbücher können Feindbilder bedienen oder sie abbauen. Damit wird auch Politik gemacht – vor allem in Braunschweig, Sitz des wohl größten Schulbuchverlages wie auch eines Instituts, das Schulbücher erforscht. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit den deutschen Grenzen zwischen 1945 und 1990. Die Ausgabe des Diercke-Atlas von 1951 zeigte die Bundesrepublik Deutschland in den Grenzen von 1937, die DDR war nicht zu finden.

          Erst 1971 zeigte Diercke die Oder-Neiße-Grenze mit einer dicken (wiewohl durchbrochenen) Linie und nicht mehr mit kleinen roten Punkten. Erst nach der Wiedervereinigung 1990, als Bonn die Ostgrenzen endgültig anerkannte, reagierten die Verlage und zogen die Grenzen mit durchgezogener Linie. Ähnlich war das auf Druck der preußischen Schulverwaltung nach dem Ersten Weltkrieg – die politische Lage wurde ignoriert. Dabei ist in anderen Ländern der Einfluss der Politik größer als zumindest heutzutage in Deutschland.

          Atlantenzeichner orientieren sich an der Politik

          Wer also weiß, wie langsam Kartographen reagieren, sieht, dass die Darstellung der Krim zumindest derzeit noch kein Problem der Verlage ist. Das sagt Georg Stöber; er erforscht seit mehr als zwei Jahrzehnten die Darstellung von Ländern und Grenzen vor allem Osteuropas in Schulatlanten. Auch wenn Flughäfen und Städte auf der ukrainischen Halbinsel von Russland annektiert und auf der Krim die russische Währung wurde: In Schulatlanten, und damit in der Geschichtsdeutung, spiegelt sich das dadurch noch lange nicht. Noch ist nicht gewiss, wie sie die Krim künftig darstellen werden. Das könnte ein Aufdruck sein „unter russischer Besetzung“ oder neutraler „unter russischer Verwaltung“.

          Die Farbe wird gelb bleiben wie die Ukraine und nicht grün wie Russland. Und die umstrittene Grenze wird gestrichelt, nicht durchzogen. Bei grundlegenden Fragen orientieren sich Atlantenzeichner an Vorgaben der Politik. Vor allem an der Kultusministerkonferenz, die bei den Deutschlandkarten 1948 die Darstellung mit einem Beschluss festlegte. Damals mussten alle Schulatlanten von den Bundesländern genehmigt werden, bevor sie an Schulen benutzt werden durften. Mittlerweile wird das lockerer gehandhabt. In vier Bundesländern – Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein und dem Saarland – sind Zulassungen nicht mehr erforderlich.

          Auch die Zeitzonenkarte müsste geändert werden

          In anderen sind die Atlanten zustimmungspflichtig, in einigen wie Brandenburg und Sachsen-Anhalt aber mit einem ziemlich einfachen Verfahren. In einem Konfliktfall wie der Krim, der zudem auf starkes öffentliches Interesse stößt, halten sich Kartographen und Verlage an die Einschätzung der Bundesregierung und des Auswärtigen Amtes. Diese erkennen die Annektion der Krim durch Russland völkerrechtlich nicht an. Bei der Krim kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Zeitzone hat sich mit der Annektion geändert, damit müssten eigentlich die Zeitzonenkarten geändert werden.

          Bevor Kartenmacher diese ändern, besprechen sie sich mit Fachleuten, etwa Geographieprofessoren und Institutionen bis hin zum Deutschen Wetterdienst. Und sie orientieren sich an der großen Politik. Ein Beispiel ist das Kosovo. Deutschland erkennt das Kosovo anders als manch andere Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen als unabhängig an – also wird es in deutschen Schulatlanten nach 2008 als Staat vermerkt. Südsudan, Osttimor, Somalia: alle paar Jahre werden politische Grenzen neu gezogen. Damit werden Millionen im Erdkunde-Unterricht verwendete Schulbücher überholt.

          Nur mit offiziellem Urteil der Regierung

          Allein bei der Krim geben sich Verlage schon deshalb gelassen, weil sie „zu klein“ ist, um hinreichend auf großflächigen Karten dargestellt zu werden. Verlage würden erst dann tätig, wenn die Bundeskanzlerin oder der Außenminister ein offizielles Urteil abgeben. Ihre Einschätzung zur Krim sei bindend, heißt es etwa von der Verlagsgruppe Westermann, die den Diercke-Atlas herausgibt. Auch bei anderen Territorialkonflikten ist der Braunschweiger Verlag standhaft: Er zählt Südossetien und Abchasien weiter zu Georgien, auch wenn Russland beide Gebiete als Staaten anerkannt hat, und Transnistrien ist in seinen Atlanten weiter ein Teil der Republik Moldau.

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