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Gipfel von Trump und Putin : Das Gespenst von Helsinki

Hauptgegenstand des Treffens Fords und Breschnews bei ihrer Begegnung in Helsinki war zwar das angestrebte Abkommen über die Begrenzung strategischer Atomwaffen. Bild: Prisma Bildagentur

Mit dem dreitägigen Gipfel begann im Sommer 1975 die Tradition, russisch-amerikanischer Gipfel in Finnland. Die Begegnung von Trump und Putin läuft dagegen Gefahr, zu einem Spuk zu werden.

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          Ob nach dem Treffen der Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin von einem „Geist von Helsinki“ die Rede sein wird? Und von welcher Art wäre dieser Geist wohl dann? Eines ist sicher: Mit dem, was in den siebziger und achtziger Jahren als „Geist von Helsinki“ bezeichnet wurde, wird er wenig gemeinsam haben, denn alles daran ist unvereinbar mit dem Charakter und den Fähigkeiten des amerikanischen Präsidenten: Es war ein Geist des Ausgleichs zwischen konkurrierenden, gar verfeindeten Machtblöcken, der aus langen, schwierigen und detailverliebten Verhandlungen erwuchs und in einem 111 Seiten langen Dokument seinen Niederschlag fand, in dem nicht nur jedes Wort, sondern sogar jedes Satzzeichen gründlich bedacht worden war.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Mit dem dreitägigen Gipfel der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) im Sommer 1975 in der finnischen Hauptstadt, auf der die Schlussakte von Helsinki formell angenommen wurde, begann die Tradition, russisch-amerikanische Gipfel in Finnland abzuhalten: Er war der Rahmen für die Begegnung des amerikanischen Präsidenten Gerald Ford und des sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew.

          In der Schlussakte von Helsinki, die von allen Ländern Europas (mit Ausnahme des in Selbstisolation lebenden Albanien) sowie den Vereinigten Staaten und Kanada getragen wurde, einigten sich der Westen und der Ostblock in drei von den Diplomaten als „Körbe“ bezeichneten Themenblöcken auf Regeln und Prinzipien für eine friedliche Koexistenz: In Korb eins ging es um Sicherheit, Militär und Abrüstung, Korb zwei galt der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, in Korb drei verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten, Menschen- und Bürgerrechte zu achten.

          „Festigung des Totalitarismus“

          Der KSZE-Prozess war im Westen höchst umstritten. Die Initiative dazu war von der Sowjetunion ausgegangen, die mit Hilfe der Sicherheitskonferenz den Einfluss der Vereinigten Staaten in Europa einschränken und eine Legitimation für ihre Vorherrschaft über die Osthälfte des Kontinents erhalten wollte. Noch während des Gipfels von Helsinki Ende Juli/Anfang August 1975 gab es im Westen gewichtige Stimmen, die warnten, man sei der Sowjetunion auf den Leim gegangen.

          Ihnen pflichteten osteuropäische Dissidenten bei. Der 1974 aus der Sowjetunion ausgebürgerte russische Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der seit der Veröffentlichung seines großen Werks „Archipel GULag“ als moralische Autorität galt, wetterte, der „Geist von Helsinki“ bedeute nichts anderes als die „Festigung des Totalitarismus“.

          Während des Gipfels von Helsinki trat Leonid Breschnew tatsächlich in der Pose des Siegers auf. Aber auf Dauer bereitete die Schlussakte von Helsinki der sowjetischen Führung beträchtlichen Ärger. Der Inhalt der Körbe eins und zwei wurde nie so bedeutend, wie Moskau sich das erhofft hatte. Schon während der Arbeit an dem KSZE-Dokument fanden die tatsächlich wichtigen Gespräche über Rüstungskontrolle außerhalb des Rahmens der Konferenz statt.

          Verhandlungen in einer Sackgasse

          Hauptgegenstand des Treffens Fords und Breschnews bei ihrer Begegnung in Helsinki war zwar das angestrebte Abkommen über die Begrenzung strategischer Atomwaffen (Salt), aber mit der KSZE hatte das nichts zu tun. Und das Ergebnis ihrer Unterredung blieb mager: Viel mehr als die Feststellung, dass die Verhandlungen in einer Sackgasse seien, kam nach der damaligen Einschätzung von Beobachtern nicht heraus. Die Modernisierung des sowjetischen Atomwaffenarsenals in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre und die Nachrüstung des Westens Anfang der achtziger Jahre ließen die Spannungen wieder wachsen.

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