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Kriegsrecht in der Ukraine : Das normale Leben aufrechterhalten

„Unser Land schwebt in der Gefahr eines vollumfassenden Einmarschs“– sagte Poroschenko vor Journalisten. Bild: dpa

In Teilen der Ukraine gilt das Kriegsrecht. Präsident Poroschenko bereitet das Land auf das Schlimmste vor, doch Panik herrscht keine.

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          Das Kriegsrecht in der Ukraine läuft langsam an. Aber Swjatoslaw Stezenko hat seinen Rucksack bereits gepackt. Er ist 53 Jahre alt. Als Sohn eines Sowjetsoldaten lebte er in einer Garnisonsstadt in der DDR, dann war er selbst Berufssoldat, seitdem ist er Reservist. Seine drei Kinder sind erwachsen und schon seit längerem zieht es ihn wieder zur Armee. Jetzt, nach dem Zwischenfall nahe der Krim, könnte er gebraucht werden. „Viele Einheiten haben personelle Lücken, das Kriegsrecht sieht vor, dass sie geschlossen werden. Und da kommt jemand mit Erfahrung und sagt: Ich bin bereit.“ Am Mittwochabend wollte Stezenko den Nachtzug nehmen und in eine der zehn Regionen fahren, in denen jetzt das Kriegsrecht verhängt wurde. „Ich hoffe, dass sie mich nehmen.“

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Julia Bilous arbeitet im neuen Ukrainischen Buchinstitut, das Literatur ins Ausland vermitteln soll. Es hat seinen Sitz auf dem Gelände des berühmten Kiewer Höhlenklosters. Julias „bester Freund“, wie sie sagt, wurde mit seinen 23 Jahren vorige Woche zum Grundwehrdienst einberufen. Der junge Literaturwissenschaftler stapft seit Dienstag in Uniform und kahlrasiert durch die Wälder Galiziens. „Er hielt es für seine Pflicht, zur Armee zu gehen“, sagt die junge Frau. Muss er jetzt womöglich in den Krieg? „Nein“, lacht Julia, „die müssen nicht an die Front, die sind doch Anfänger. Er ist nur ein bisschen nervös.“

          Das Kriegsrecht, das Staatspräsident Petro Poroschenko mit Wirkung vom Mittwoch im halben Land verhängt hat, ist nach seiner eigenen Aussage „keine Kriegserklärung“. Aber in einem langen Gespräch in einem privaten Fernsehsender am Dienstagabend warnte er: „Jetzt packen viele ihre Rucksäcke. Und das sind nicht die Avatare und Deserteure von 2014, das sind ausgebildete Kämpfer mit Erfahrung in der Ostukraine.“ Im Jahr 2014 hatte der russisch-ukrainische Konflikt mit der Besetzung und Annexion der Krim begonnen. Die Armee der Ukraine war damals völlig marode – man hatte sie ja auch nie gebraucht.

          „Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.“

          Jetzt ist das anders. Vor allem seit das Kriegsrecht angekündigt wurde. Ein Abgeordneter zitierte im Fernsehen die alte römische Weisheit: „Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.“ Er habe nicht untätig bleiben dürfen, sagte Poroschenko in dem Fernsehgespräch. Das ukrainische Schiff nahe der Krim sei „von russischen Flugzeugen beschossen“ worden. Und er habe – unter anderem von den Geheimdiensten – „präzise Informationen“, die besagten: „Das war erst der Anfang.“ Ein Aggressor müsse eine „kalte Dusche“ bekommen.

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          Dann breitete Poroschenko vor den Journalisten Luftaufnahmen aus. Sie zeigten, seinen Worten zufolge, einen russischen Stützpunkt 18 Kilometer jenseits der Grenze. Die Zahl der Panzer dort habe sich seit September verdreifacht. Dort gehe es nicht um Manöver. „Unser Land schwebt in der Gefahr eines vollumfassenden Einmarschs“ – der russischen Armee. Überhaupt habe Russland seine Truppen entlang der gesamten, mehr als 1000Kilometer langen gemeinsamen Landgrenze und im Schwarzen Meer seit 2014 erheblich verstärkt: „Die Soldaten und gepanzerten Transporter um das Dreifache, die Artillerie fast um das Zehnfache, Flugzeuge und Schiffe um das Fünf- bis Zehnfache.“

          Schließlich zeichnete der Präsident seine Aktivitäten nach. Er erwähnt ausländische Gesprächspartner, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Ich habe sie über die Lage detailliert informiert.“ Kiew habe bereits ein Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin beantragt. „Wir erhielten keine Antwort, und so war ich gezwungen, die Kanzlerin zu bitten, mit Putin zu sprechen.“ Es sei vor allem um die Freilassung der von Russland inhaftierten ukrainischen Matrosen gegangen. Berlin hat die erwähnten Telefonate bestätigt.

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