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Wie der Papst Ostern feiert : Dieses Mal bleibt der Petersplatz leer

Menschenleer: Der Petersplatz in Rom am 3. April 2020 Bild: EPA

Ein verkürzter Kreuzweg statt einer Prozession mit Zehntausenden: In Rom läuft die Heilige Woche dieses Jahr ganz anders ab als sonst. Und Italien streitet darüber, ob Messen ohne Gläubige die richtige Antwort auf das Virus sind.

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          Für den Papst muss es ein schmerzvoller Anblick sein. Wenn er vom Balkon des Apostolischen Palastes auf den Petersplatz blickt, sieht er eine große Leere: keine Gläubigen, auch keine Touristen. Der Platz ist weiträumig abgeriegelt. Polizeibeamte sorgen dafür, dass sich niemand den Absperrungen auch nur annähert. An kaum einem Ort in Rom werden Fußgänger so häufig von Carabinieri kontrolliert und zur Einhaltung der Ausgangssperre ermahnt wie vor dem Petersplatz.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Besonders streng waren die Beamten in der Abenddämmerung des 27. März, als Papst Franziskus auf den Stufen des Petersdoms einen einsamen Gottesdienst zelebrierte und den Segen „Urbi et orbi“ erteilte. „Geht nach Hause, und schaut es im Fernsehen oder im Streaming an“, sagten die Beamten zu den wenigen Gläubigen und Schaulustigen, die sich dem Petersplatz zu nähern versuchten, um einen Blick vom Papst im fernen Scheinwerferlicht zu erhaschen.

          Die Messe an Palmsonntag, zum Auftakt der Karwoche, hat Papst Franziskus im fast menschenleeren Petersdom gefeiert. Nur einige Priester, Nonnen und Angestellte des Vatikans sowie ein Chor nahmen an dem Gottesdienst hinter verschlossenen Türen teil. So wird es auch an Karfreitag und zu Ostern sein.

          Wegen der Pandemie wurden im ganzen Land die traditionellen Prozessionen in der Karwoche abgesagt, nach Schätzungen sind es mehr als 9000. Die Kreuzwegprozession an Karfreitag in Rom, an der sonst Zehntausende am Kolosseum teilnehmen, wird der Papst in diesem Jahr auf den Stufen des Petersdoms absolvieren, in verkürzter Form und im Beisein weniger Kurienmitarbeiter.

          Gottesdienste ohne Gläubige

          Auch sämtliche Liturgien zu Ostern wird Franziskus ohne Kirchenvolk am Kathedra-Altar im Petersdom feiern. Im Anschluss an die Ostermesse an Ostersonntag um elf Uhr wird der Papst abermals „der Stadt und dem Weltkreis“ den Segen spenden. Auf Elemente der Volksfrömmigkeit will der Papst aber auch in dieser beispiellosen „Settimana santa“ (Heiligen Woche) des Jahres 2020 nicht ganz verzichten.

          Schon zu seiner einsamen Feier vom 27. März, die vom italienischen Fernsehen und vom vatikanischen Internetportal „Vatican News“ übertragen wurde, hatte Franziskus zwei populäre Ikonen des religiösen Lebens Roms in den Vatikan bringen lassen: das Marienbildnis „Salus Populi Romani“ (Heil des römischen Volkes) aus der Kirche Santa Maria Maggiore und das sogenannte Pestkreuz aus der Kirche San Marcello al Corso.

          Vor beiden Ikonen hielt Franziskus bei seiner Liturgiefeier im strömenden Regen zum Gebet inne, die Füße der Christusfigur küsste er in Verehrung. Das aus dem 14. Jahrhundert stammende lebensgroße Abbild des Gekreuzigten war während der Pest 1522 in fortgesetzten Prozessionen durch Rom getragen worden, bis die Seuche nach 16 Tagen plötzlich abebbte.

          Schon am 15. März hatte Franziskus bei einer Art Privatprozession, die er teils zu Fuß durch die menschenleeren Straßen Roms absolviert hatte, das Kruzifix und das Marienbild aufgesucht und um ein Ende der Pandemie gefleht. Seit Palmsonntag stehen das Pestkreuz und die Marienikone im Petersdom.

          Bischof muss Geldstrafe bezahlen

          Unterdessen ist in Italien die Debatte darüber neu entflammt, ob die Schließung der Kirchen und der Verzicht auf den Gottesdienst im Beisein von Gläubigen die einzig möglichen und richtigen Antworten auf die Gefahren der Pandemie seien. Das Bistum Rom hatte Mitte März zunächst die Schließung aller Kirchen angeordnet, hatte sie aber kurz darauf wieder zurückgenommen. De facto sind jedoch in Rom und auch in anderen Städten viele Kirchen geschlossen.

          Der prominente katholische Publizist Vittorio Messori forderte, Priester müssten sich ein Vorbild an der Romanfigur des Paters Cristoforo aus dem Roman „I Promessi Sposi“ (Die Brautleute) des Mailänder Schriftstellers Alessandro Manzoni (1785 bis 1873) nehmen. Der betagte Kapuzinermönch Cristoforo, ein Freund der Armen und Seelsorger der Pestkranken, fällt im letzten Kapitel des Romans, der in Italien Schullektüre ist, selbst der Pestepidemie in Mailand von 1630 zum Opfer.

          Der prominenteste Fall eines Verstoßes gegen das Gottesdienstverbot war jener des Bischofs der Kleinstadt Frascati im römischen Umland. Raffaello Martinelli wurde am Palmsonntag von der Polizei dabei ertappt, wie er mit mehr als fünfzig Personen einen Gottesdienst bei offenen Kirchentüren feierte. Der Bischof wurde daraufhin mit einer Geldstrafe von 206 Euro belegt.

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