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Proteste in Hongkong : Der rasante Verfall der Meinungsfreiheit

Demonstranten gehen in Hongkong am Donnerstagabend abermals auf die Straße, um gegen die geplanten politischen Reformen zu protestieren. Bild: Reuters

China übt Druck auf jedes Unternehmen aus, das die Hongkonger Demonstranten unterstützt. Unter den Mitarbeitern der Fluglinie Cathay Pacific herrschen inzwischen Angst und Misstrauen.

          Die Maschine der Fluglinie Cathay Pacific befand sich im Landeanflug auf den Hongkonger Flughafen. Der Pilot machte eine Durchsage. „In der Ankunftshalle findet gerade eine sehr friedliche und geordnete Demonstration statt“, erklärte er den Passagieren. „Haben Sie keine Angst vor all diesen Leuten in schwarzen T-Shirts. Sprechen Sie sie ruhig an, um mehr über Hongkong zu erfahren, wenn Sie wollen.“ Die Demonstranten forderten „lediglich die Rücknahme des umstrittenen Auslieferungsgesetzes“, sagte er. Und dann noch auf Kantonesisch: „Hongkonger, gebt Gas.“

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das war Ende Juli. Da schien die Welt der stolzen Hongkonger Fluggesellschaft noch in Ordnung. Am gleichen Tag, an dem der Pilot seine Durchsage machte, gab der Vorsitzende des Cathay-Verwaltungsrats zu Protokoll: „Wir würden sicherlich nicht im Traum daran denken, unseren Mitarbeitern vorzuschreiben, was sie über etwas zu denken haben. Sie sind alle erwachsen.“

          Seit zwei Wochen gilt das nicht mehr. Chinas Machthaber haben das Unternehmen an die Kandare genommen, um vorzuführen, was mit Leuten geschieht, die die Hongkonger Proteste unterstützen. Am Mittwoch teilte Cathay Pacific mit: Der Pilot, der die Durchsage gemacht hatte, sei „kein Mitarbeiter mehr“. Er ist der vierte Flugkapitän, der das Unternehmen innerhalb weniger Tage verlassen musste. Auch ein Flugbegleiter und zwei Leute vom Bodenpersonal wurden entlassen. Vor einer Woche traten Firmenchef Rupert Hogg und einer seiner Stellvertreter zurück. Noch bevor die Börsenmitteilung dazu rausging, berichtete das chinesische Staatsfernsehen darüber.

          Symbol der Anbindung an die restlichen Welt: Eine Boeing 777 von Cathay Pacific in Hongkong.

          Flugzeugcrew muss zum Verhör

          Seither haben sich unter den Mitarbeitern Panik und Misstrauen ausgebreitet. Die Stimmung sei „paranoid“, sagt ein Pilot im Gespräch mit dieser Zeitung. Um seine Identität zu schützen, soll er hier Leung heißen. Gerade hat der Mann eine Nachricht bekommen, in der beschrieben wird, wie es einer Crew ergangen ist, die am Morgen auf einem chinesischen Flughafen gelandet ist. Noch bevor die Passagiere ausstiegen, sei ein chinesischer Sicherheitsmann an Bord gekommen und habe das Bordpersonal gefilmt und ihre Papiere kontrolliert.

          Er habe das Foto einer Stewardess bei sich gehabt und ihren Namen ausgerufen. Sie sei in einen Raum geleitet, von drei Beamten befragt und durchsucht worden. Ob sie sich an den Protesten in Hongkong beteiligt habe, wurde die Frau gefragt, was sie verneinte. Daraufhin seien die Bilder und Textmitteilungen auf ihrem Mobiltelefon kontrolliert worden. Ihr wurde gesagt, dass jemand der Polizei einen Hinweis auf sie gegeben habe. Und man schärfte ihr ein, niemandem über den Vorgang zu berichten.

          „Ich glaube, was sie wollen, sind Namen“, sagt der Pilot. Der Grund für seine Vermutung ist ein anderer Vorfall, der Leung „zutiefst beunruhigt“ hat. Ein ihm bekannter Flugbegleiter habe gemeinsam mit einem Freund an einer Protestveranstaltung teilgenommen. Der Freund habe anschließend Verwandte auf dem chinesischen Festland besucht. Bei einer Kontrolle seines Mobiltelefons habe die Polizei im Ordner für gelöschte Dateien ein Video gefunden, auf dem zu sehen war, wie Aktivisten einen Chinesen misshandelten, den sie für einen Spion hielten.

          Entlassen wegen einer Facebooknachricht

          Das Video hatte in Hongkong weite Kreise gezogen. Daraufhin sei der Besitzer des Mobiltelefons sechs Stunden lang verhört worden. Er durfte erst gehen, nachdem er die Namen von zwei Personen nannte, die sich an Protesten beteiligt hatten. Das eine war seine Freundin. Das andere war jener Steward von Cathay Pacific. „Das zeigt, dass es nicht ausreicht, wenn man selbst vorsichtig ist“, sagt Leung. „Wenn sie meinen Namen kriegen, bin ich geliefert.“

          Der betroffene Steward hat nun ein Problem. Ihm bleibt nur noch eine Versetzung zum Bodenpersonal. Denn Chinas Luftaufsichtsbehörde verlangt seit kurzem die Namen aller Crew-Mitglieder von Cathay, die den chinesischen Luftraum durchfliegen. Sie droht damit, das Flugzeug zur Umkehr zu zwingen, falls auch nur ein Teilnehmer „illegaler Proteste“ auf der Liste steht. Betroffen davon sind mehr als zwei Drittel aller Cathay-Flüge.

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