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China sucht Corona-Impfstoff : „Der Geist der Opferbereitschaft“

Im Rahmen einer Testreihe der chinesischen Firma Sinovac Biotech wird einem Freiwilligen im indonesischen Bandung ein Impfstoff-Kandidat injiziert. Bild: EPA

Weltweit haben es acht Impfstoffe gegen das Corona-Virus in die dritte und entscheidende Runde geschafft. Die Hälfte stammt aus China. Dort lassen sich bereits Angestellte von Staatsfirmen testen. Freiwillig?

          3 Min.

          Die Mitarbeiter des chinesischen Bergbaukonzerns MCC befanden sich offenbar schon im Flugzeug auf dem Weg nach Papua-Neuguinea. Doch die Behörden des Pazifikstaats verweigerten ihnen die Einreise. Grund dafür ist ein Brief, den das Unternehmen an die Gesundheitsbehörde von Papua-Neuguinea geschickt haben soll. Darin heißt es laut der Nachrichtenagentur AFP, 48 der MCC-Mitarbeiter seien am 10. August gegen Sars-CoV-2 geimpft worden. Es könne also sein, dass in ihrem Blut bei etwaigen Tests auf das neuartige Coronavirus Antikörper gefunden würden. Das Schreiben sollte offenbar dazu dienen, dass diese Mitarbeiter bei der Einreise von der Test- und Quarantänepflicht entbunden werden. Es erreichte aber das Gegenteil.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Der Chef der Seuchenschutzbehörde, David Manning, sagte am Freitag in der Hauptstadt Port Moresby: „Aufgrund des Mangels an Informationen über diese Tests und ihre möglichen Risiken und Gefahren, die sie für unsere Bürger bedeuten können, habe ich den Flug gestern gestrichen.“ Manning forderte schriftlich zusätzliche Informationen von der chinesischen Botschaft an. Er stellte zudem klar, dass es verboten sei, Impfstoffe nach Papua-Neuguinea einzuführen, die nicht von der lokalen Gesundheitsbehörde zugelassen und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geprüft worden seien.

          Geimpfte liefern Daten über die Effektivität des Impfstoffs

          Die Impfung umfasst zwei Dosen, die in einem Abstand von zwei Wochen verabreicht werden. Es blieb unklar, ob die MCC-Mitarbeiter bereits beide erhalten haben. Der chinesische Botschafter, Xue Bing, stellte klar, dass China in Papua-Neuguinea keine klinischen Tests von Impfstoffen durchführe.

          Schon im Juni hatte die chinesische Parteizeitung „Global Times“ über Pläne berichtet, Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 noch vor ihrer Zulassung Mitarbeitern von Staatsunternehmen zugänglich zu machen, wenn diese in Risikogebieten im Ausland arbeiteten. Auf diese Weise solle eine Verzögerung von Projekten entlang der „Neuen Seidenstraße“ vermieden werden, schrieb die Zeitung. Außerdem sollten die Geimpften als Testpersonen dienen, um Daten über die Entwicklung von Corona-Antikörpern und die Effektivität des Impfstoffes in verschiedenen Ländern zu liefern. Die klinischen Tests, die nach strengen Vorgaben für alle potentiellen Impfstoffe vorgeschrieben sind, ersetzen sie aber nicht.

          Die noch nicht zugelassenen Mittel für die chinesischen Auslandsmitarbeiter stammen vom staatlichen Pharmaunternehmen Sinopharm, das derzeit zwei Impfstoffe in den Vereinigten Arabischen Emiraten in einer dritten klinischen Phase testet. Da diese abschließende Phase ein hohes Infektionsrisiko der beiden Testgruppen voraussetzt, kann sie nicht in China durchgeführt werden, weil die Infektionszahlen dort zu gering sind.

          Testpersonen werden für „Geist der Opferbereitschaft“ gelobt

          Im Juli wurde bekannt, dass auch der staatliche Ölkonzern Petro-China seinen Mitarbeitern einen noch nicht abschließend erprobten Impfstoff „für Notfälle“ bereitstellt. Die chinesische Regierung hebt hervor, dass es „absolut freiwillig“ sei, sich das Mittel spritzen zu lassen, und das Unternehmen verwies darauf, dass sich auch 30 eigene Mitarbeiter und Führungskräfte beteiligt hätten. Allerdings wird die Aktion von einer Rhetorik begleitet, die den Charakter der Freiwilligkeit in Frage stellt. Sinopharm stellte die Geimpften in Werbetexten als Helden und Patrioten dar, die dabei helfen würden, „das Schwert des Sieges zu schmieden“. Zudem wurden sie für ihren „Geist der Opferbereitschaft“ gelobt.

          Die Parolen lassen erahnen, wie groß der Druck auf die Unternehmen ist, Chinas Führungsstärke im globalen Wettlauf um einen Impfstoff gegen das Coronavirus unter Beweis zu stellen. Auch das chinesische Militär hat diesem Druck schon nachgegeben und einen von Militärforschern entwickelten Impfstoff zum internen Gebrauch genehmigt, obwohl eine offizielle Zulassung frühestens in vier Monaten erwartet wird.

          Die Hälfte der acht Impfstoffe, die weltweit bereits in die dritte und entscheidende Runde klinischer Tests eingetreten sind, stammt aus China. Dafür haben die beteiligten Unternehmen Kooperationsabkommen mit Institutionen in Saudi-Arabien, Brasilien, Indonesien, Kanada, Peru, Bahrein, Marokko und Pakistan geschlossen, wo die Tests mit jeweils vielen tausend Personen schon stattfinden oder bald anlaufen sollen. Auch von einer Zusammenarbeit mit Russland ist die Rede. Von einigen der vertraulichen Verträge ist bekannt, dass sie den jeweiligen Ländern prioritären Zugang zu einem potentiell erfolgreichen Testkandidaten zusichern.

          In Chinas Impfstoffindustrie gab es immer wieder Skandale

          Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hat auf einer WHO-Konferenz im Mai verkündet, Impfstoffe aus China würden als „globale öffentliche Güter“ behandelt. Es bleibt abzuwarten, welche Länder als erste Zugriff darauf erhalten. Wegen der geringen Infektionszahlen könnte China den Stoff auch dann schon weitergeben, wenn noch nicht große Teile der eigenen Bevölkerung geimpft sind.

          Ohnehin ist nicht klar, wie viele Chinesen überhaupt geimpft werden wollen. Die chinesische Impfstoffindustrie ist in den vergangenen Jahren immer wieder von Skandalen erschüttert worden. Im Jahr 2018 wurde bekannt, dass mehr als 200.000 Kindern minderwertige und unwirksame Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten verabreicht worden waren. Der Chef der chinesischen Seuchenschutzbehörde, Gao Fu, gestand neulich ein, dass es auch international Zweifel gebe, ob China in so kurzer Zeit einen sicheren Impfstoff produzieren könne. Deshalb habe er sich als „Versuchskaninchen“ angeboten und sich ein Mittel spritzen lassen, sagte er. „Wenn wir es nicht tun, wie können wir dann die ganze Welt überzeugen, sich impfen zu lassen?“

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