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Alexander Nix im Gespräch : „Wir wollen die Persönlichkeit dechiffrieren“

  • -Aktualisiert am

In den Vereinigten Staaten ist das sehr einfach. In Deutschland würden wir anhand der Daten, die wir in Umfragen ermitteln, Vorhersagemodelle für politische Präferenzen einzelner Gruppen entwickeln. Wir würden so viele Daten heranziehen, wie wir bekommen können. Das ist nicht ganz akkurat, aber Sie bekommen doch ziemlich valide Ergebnisse.

Wie genau sind die?

Ein Beispiel: Jedes Land hat gewisse Stereotypen. In England gibt es den Typus, der Wellington-Stiefel und Barbour Tweed trägt, einen Labrador hat, Range Rover fährt, auf eine Privatschule ging. Wenn ich diese Daten habe, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass der Wähler konservativ tickt. Ein weiterer sehr interessanter Schlüssel ist die Mediennutzung. Firmen wie Netflix, die Profile ihrer Abonnenten aufbauen, werden einen unglaublichen Einblick in die Persönlichkeit ihrer Nutzer bekommen.

Und die Daten wollen Sie für die politische Werbung nutzen? Die Nutzer werden begeistert sein.

Wir arbeiten noch nicht mit Netflix-Daten, aber bereits mit anderen Mediennutzungsdaten, speziell in den Vereinigten Staaten. Welchen Film Sie schauen, welches Buch Sie lesen, welche Artikel Sie abrufen – wenn wir Tausende solcher Entscheidungen aggregieren, dann lernen wir Menschen sehr genau kennen. Wenn wir Sie dann noch freiwillig ein Persönlichkeitsquiz ausfüllen lassen, wissen wir ziemlich gut über Sie Bescheid.

Und niemand wird sich dagegen wehren?

Eigentlich ist das alles nicht besonders zudringlich. Niemand muss sich Sorgen machen, wenn Firmen wissen, dass er eher extrovertiert oder introvertiert ist. Wir betreiben keine digitale Psychoanalyse. Uns interessieren nur die Eigenschaften, die für eine mögliche Ansprache entscheidend sind. Einen Extrovertierten müssen Sie nun mal ganz anders ansprechen als einen nach innen Gekehrten. Nichts anderes passiert übrigens auch in der realen Welt. Gute Politiker richten ihre Ansprache genau an der Persönlichkeit ihres Gegenübers aus.

Es ist doch ein großer Unterschied, ob mich ein Politiker direkt anspricht oder ob meine Persönlichkeit für jede mögliche Manipulation offengelegt ist.

Ich denke, das ist sehr aufregend. Daten werden die Anzeigenindustrie auf den Kopf stellen, unter den traditionell arbeitenden Firmen wird es ein Blutbad geben. Sie zittern schon jetzt vor Angst. Wirklich. Es wird das Gleiche passieren wie im Finanzsektor, wie im Handel. Daten revolutionieren das Geschäft.

Sie behaupten, in den Vereinigten Staaten an einzelnen Tagen 150 000 individuelle Nachrichten verschickt zu haben. Ihre Kritiker sagen: Stimmt nicht.

Das ist keine Geheimwissenschaft, sondern wird im Direktmarketing schon längst genutzt. Es gibt Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Botschaften in Nuancen zu variieren, sodass sie unterschiedliche Zielpersonen mehr berühren.

Werden Sie in Zukunft jeden Bürger auf ganz individuelle Weise ansprechen können und ihn in die eine oder andere Richtung beeinflussen?

Hypothetisch ja, aber in der Praxis wird es immer eine Balance zwischen Kosten und Nutzen sein. In zehn Jahren werden politische Kampagnen aus Botschaften bestehen, die jeden Bürger unter Berücksichtigung seiner ganz persönlichen Interessen ansprechen, da bin ich ganz sicher. Heute macht es noch keinen Sinn, 230 Millionen unterschiedliche Kreationen an die amerikanischen Wähler zu verschicken.

Russen und Chinesen wären hocherfreut, die Technologie einzusetzen, sollte sie denn funktionieren.

Die brauchen das gar nicht. Ein autokratischer Regent muss niemanden überzeugen. Sie regieren schlicht mit Gewalt.

Fühlen Sie sich nicht manchmal wie ein großer Manipulator?

Im Gegenteil. Ich finde es unglaublich aufregend, was uns der geschickte Einsatz von Daten heute ermöglicht. Sicherheit, Verteidigungspolitik, Gesundheitsvorsorge, alles wird durch die Analyse von Daten massiv verbessert werden. Ob Sie Orangen verkaufen oder politische Kampagnen verbessern, ist da nur eine kleine Facette.

Was Cambridge Analytica macht

 Alexander Nix ist Geschäftsführer der britischen Datenfirma Cambridge Analytica. Er hat sich auf die Unterstützung von Wahlkampagnen spezialisiert und nutzt dazu Technologien wie das sogenannte Online-Targeting. Damit werden hochautomatisiert einzelnen Wählern oder Gruppen auf ihre Persönlichkeit abgestimmte Botschaften zugespielt, etwa über Facebook, E-Mail oder Internetseiten. Nix arbeitet für den amerikanischen Senator Ted Cruz, vor allem aber für Donald Trump. Dafür will seine Firma Persönlichkeitsprofile von nahezu allen amerikanischen Wählern angelegt haben. Der Effekt des Microtargeting und der Einfluss von Cambridge Analytica auf politische Prozesse ist umstritten. Das sogenannte Targeting gehört bei der Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen allerdings längst zum Alltag. (mvb.)

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