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Kahlschlag im Regenwald

Von TJERK BRÜHWILLER
Foto: Reuters

16.07.2019 · Erst kamen Straßen, Holzfäller, Goldsucher und Rinderzüchter. Dann kamen Eisenbahnlinien und Soja-Farmer. Jetzt kommt Präsident Bolsonaro.

W enige Meter vom Flussufer entfernt klafft ein Krater im Boden. Ein Diesel-Generator rattert. Vier Männer stehen bis zu den Knien im Schlamm und spritzen mit riesigen Schläuchen die ockerfarbene Erde von den Kraterwänden. Ein fünfter ertrinkt beinahe unter den Massen und saugt mit einem Schlauch das lose Material auf. Der Schlamm wird auf ein von einer Art Teppich bespanntes Gerüst geleitet. Zwölf Stunden pro Tag arbeiten die Männer in tropischer Hitze. Meter für Meter spülen sie sich durch den Boden. So geht das einen Monat lang. Wenn der Krater mehr als zehn Meter tief ist, fahren sie die Ernte ein. Dann wird der Teppich abgenommen, ausgeschüttelt und mit einer Lösung aus Quecksilber ausgewaschen. Was übrig bleibt, ist ein Häufchen Goldstaub – 700 bis 800 Gramm, wenn die Stelle gut ausgesucht war.

Neben dem Krater steht ein Mann mit Cowboyhut und weißem Stoppelbart und begutachtet das Treiben unter sich. Sie nennen ihn „Joia" – das Schmuckstück. Doch José Dalla Rosa trägt kein einziges Gramm Gold an sich. Keine Golduhr, keine Kette, kein dicker Ring. Dabei schwimmt er im Gold. Unzählige Kilos des begehrten Edelmetalls hat der 65 Jahre alte Brasilianer mit italienischen Wurzeln in seinem Leben aus der Erde gewaschen. Er hat es damit so weit gebracht, dass heute Angestellte die schwere Arbeit für ihn verrichten, während er sich um sein Restaurant, seine Farm und sein Amt als Vizebürgermeister kümmert. Seinen Arbeitern zahlt er vier Prozent des Gewinns, die Köchin erhält pauschal 30 Gramm Gold pro Monat. Das ist bei einem Goldpreis von rund 35 Euro pro Gramm kein schlechter Lohn.

Joia war unter den Ersten, die vor 32 Jahren am Rio Crepori ankamen, um nach Gold zu schürfen. Der Boden und die Flüsse hier im Bundesstaat Pará, mitten im Amazonas-Regenwald, sind voll davon und locken seit Jahrzehnten Abenteurer aus ganz Brasilien an. Joia stammt aus dem Süden. Eigentlich habe er sein Glück als Händler versuchen wollen, erzählt er. Doch als er ein Loch für einen Fischteich ausgehoben habe und dabei auf Gold gestoßen sei, habe er seinen Plan geändert.


„Hier leben alle vom Gold“
JOSÉ DALLA ROSA

José Dalla Rosa Foto: Tjerk Brühwiller

Die ersten Ankömmlinge errichteten ein Camp, aus dem eine Hüttensiedlung und bald eine kleine Stadt namens Creporizão wuchs. Eine Straße zieht sich den Hang bis zum Fluss hinunter, an der Händler den Goldsuchern das Gold abkaufen, Werkzeuge, Maschinen, Schläuche und alles andere anbieten, was sie für die Goldsuche brauchen. Auf der Anhöhe, wo noch die alten Holzhäuser stehen, die an Wildwestfilme erinnern, reihen sich die „Cabarets“ aneinander, wo Alkohol und Prostituierte warten. Ständig kommen neue Glücksritter in Creporizão an, viele auf der Flucht aus der Armut und in der Hoffnung, hier ihr Glück zu finden. Doch nicht alle finden es. „Einige werden reich“, sagt Joia, „andere noch ärmer.“ In der Gegend von Creporizão gibt es über 200 sogenannte Garimpos, wie die Brasilianer die kleinen Schürfmulden nennen. Einige Goldsucher fahren schwere Bagger auf, um noch rascher an die goldhaltigen Erdschichten zu gelangen und größere Löcher auszuheben. Andere arbeiten mit Schiffen, die den Flussboden umwälzen. Der Rio Crepori ist trüb und schlammig. Am Flussufer und dahinter überziehen verlassene Krater die Landschaft. „Das wächst in zwei Jahren wieder nach“, glaubt Joia.

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