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Islamisten in Moçambique : Terror in der Tropen-Idylle

Zerstörte Häuser nach einem Angriff auf das Dorf Aldeia da Paz am 1. August 2019. Bild: AFP

An vielen Stellen sieht Moçambique aus wie aus einem Reiseprospekt. Doch der Norden des Landes wird von schweren Attentaten erschüttert. Nun schlagen auch die Vereinten Nationen Alarm.

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          Die Quirimba-Insel im Norden von Moçambique ist ein idyllischer Flecken Erde: Sechs Kilometer lang, zwei Kilometer breit, umspült vom Indischen Ozean. Die weißen Sandstrände und Kokospalmen sehen aus wie aus einem Reiseprospekt. Doch der Eindruck trügt. Besucher seien schon lange nicht mehr gekommen, sagt der deutsche Kokosnuss-Farmer Rainer Gessner am Telefon. Selbst Freunde wagten sich nicht mehr auf die Insel. „Der Tourismus hier ist völlig kaputt.“ Der Quirimba-Archipel liegt vor der Provinz Cabo Delgado, wo terroristische Gruppen seit drei Jahren Angst und Schrecken verbreiten. Außerhalb des Landes wird nur wenig darüber berichtet.

          Claudia Bröll
          Politische Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          In der vergangenen Woche aber löste eine Meldung international Entsetzen aus: Bewaffnete Angreifer hatten auf einem Fußballfeld in dem Dorf Muatide im Muidumbe-Bezirk laut Medienberichten mehr als fünfzig junge Männer enthauptet. UN-Generalsekretär António Guterres sprach von „schockierenden Berichten über Massaker, Enthauptungen und Entführungen von Frauen und Kindern“. Er appellierte an die moçambiquanische Regierung, die Greueltat zu untersuchen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

          War das Attentat schon im April?

          Wenige Tage später dementierte die Regierung die Nachricht – allerdings nur den Zeitpunkt des Geschehens. Zuletzt habe es in der Region am 6. April ein Massaker gegeben, sagte der Gouverneur der Provinz Cabo Delgado, Valige Tauabo, laut der Zeitung „O País“. 53 Jugendliche seien getötet worden. Man sehe die andauernden Übergriffe mit großer Sorge und werde die „Übeltäter“ verfolgen. „Wenn Anwohner hören, dass eine bewaffnete Gruppe in der Nähe ist, verlassen sie ihre Häuser.“

          Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind seit Oktober 2017 mehr als 3000 Menschen bei den Übergriffen getötet und rund 355.000 Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben worden. Seit März habe sich die Zahl mehr als verdreifacht, sagt Marc Nosbach von der Hilfsorganisation Care. Die meisten Vertriebenen flüchteten auf Booten auf die nahe gelegenen Inseln und dann in die Provinzhauptstadt Pemba.

          Hinter den Angriffen werden lokale islamistische Gruppen vermutet. Ob sie aus dem Ausland unterstützt werden, ist unklar. Auch gibt es, wie die amerikanische Nichtregierungsorganisation Acled berichtet, häufig Verwirrung, weil Angreifer Uniformen von Polizisten oder Soldaten tragen. Nach einem Bericht von Acled konzentrieren sich die Attacken derzeit auf die Region zwischen Mueda und Macomia. Einige Dörfer dort seien vollständig abgebrannt, andere verwaist. Wegen regelmäßiger Angriffe auf den Ort Pandahar sei es schwierig, die nördliche Stadt Palma zu erreichen und mit Waren zu versorgen. Anfang November hätten es Lastwagen nur mit Unterstützung aus der Luft, mit Hilfe von Hubschraubern einer südafrikanischen Söldnertruppe, dorthin geschafft. Der Hafen von Mocímboa da Praia, der für militärische Zwecke und für den Gütertransit genutzt wird, befindet sich laut Acled weiterhin unter der Kontrolle der Aufständischen. Seit Anfang August sei die Stromversorgung des nördlichen Teils der Provinz zusammengebrochen. Die einzige geteerte Straße gen Norden, die N380, sei geschlossen.

          Die Angreifer finden im Norden des Landes ideale Bedingungen vor. Die Region ist nicht nur 2500 Kilometer von der Hauptstadt Maputo entfernt, sie ist auch seit jeher schwer zugänglich. Seit den siebziger Jahren sind dort Schmugglerbanden aktiv, die mit Drogen, Elfenbein, seltenen Hölzern, Rubinen und anderen Edelsteinen handeln. Diese Banden nutzen nun den Ausnahmezustand zu ihren eigenen Zwecken. Die terroristischen Gruppen wiederum finden in der völlig verarmten Provinz, in der die meisten Bewohner vom Fischfang und von etwas Landwirtschaft für den Eigenbedarf leben, schnell neue Mitglieder. Der Kokosnuss-Farmer Gessner sagt: „Das ist hier mehr korrupt als religiös.“ Viele würden auch mit Gewalt zum Mitmachen gezwungen.

          Große Erdgasvorkommen entdeckt

          Dass sich die Terroristen vor allem auf den Norden Moçambiques konzentrieren, dürfte auch mit den Erdgasfeldern vor der Küste zusammenhängen. Im Rovumba-Becken, an der Grenze zu Tansania, wurden im Jahr 2011 riesige Gasfelder entdeckt. Internationale Konzerne wie Exxon-Mobil, ENI und Total kündigten Milliardeninvestitionen an. Das wirtschaftliche Potential ist so groß, dass es Moçambique von einem Armenhaus zu einem Schwellenland mit mittlerem Einkommen machen könnte.

          Bisher seien die Gasprojekte nicht direkt getroffen, sagt Ryan Cummings von der Beratungsgesellschaft Signal Risk in Kapstadt. Endgültige Investitionsentscheidungen einiger Konzerne hätten sich verzögert. Dies sei allerdings mehr der Corona-Krise und den niedrigen Erdgaspreisen als der lokalen Sicherheitslage geschuldet. Erfahrungen im Niger-Delta zeigten, dass terroristische Aktivitäten Investoren nicht völlig abhielten, sie führten jedoch zu Unterbrechungen der Produktion und trieben die Sicherheitskosten in die Höhe, sagt Cummings.

          Die moçambiquanische Regierung weist den Vorwurf, sie habe die Kontrolle verloren, immer wieder zurück. Vor kurzem stimmte das Parlament einer Aufstockung des Etats für Sicherheitsdienste um hundert Millionen Dollar zu. Doch auch wenn das Militär und private Sicherheitsunternehmen eingesetzt werden – ein Ende der Angriffe zeichnet sich nicht ab.

          Ein gutes Dutzend Hilfsorganisationen versucht derweil, den Vertriebenen mit dem Nötigsten wie Wasser, Lebensmitteln oder Plastikplanen zu helfen. Etwa zehn Prozent der Menschen lebten in Flüchtlingslagern, die von der Regierung, den Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen geführt würden, sagt Care-Mitarbeiter Nosbach. Viele bauten sich aus Palmwedeln und Bambus notdürftige Unterkünfte. Die Bauten würden die jetzt beginnende Regenzeit aber nicht überstehen. In die Krisenherde selbst könnten Hilfsorganisationen gar nicht vordringen.

          Essenspakete der Vereinten Nationen werden an Menschen in der Provinz Cabo Delgado ausgegeben im August 2020.
          Essenspakete der Vereinten Nationen werden an Menschen in der Provinz Cabo Delgado ausgegeben im August 2020. : Bild: Reuters

          Der deutsche Farmer Gessner beobachtet das Geschehen von Quirimba aus mit wachsender Sorge. Er ist ein abgehärteter Typ, der schon viel erlebt hat: Bürgerkriege, Zyklone, Dürren. Jetzt kommt auch noch der Terror hinzu. Vor einigen Monaten sei eine Bande auch auf die Insel gekommen, erzählt er. „Erst haben sie einen Betrunkenen geköpft, dann fünfzig Hütten und Marktbuden ausgeraubt und sie in Brand gesetzt.“ Als sie sich wegen der Ebbe nicht mit Booten davonmachen konnten, hätten sie auch diese angezündet, mit der gesamten Beute. Sie selbst seien zu Fuß durch die an Küsten wachsenden Mangroven ans Festland gelaufen.

          Gessners Großvater hatte sich einst nach dem Ersten Weltkrieg nach Afrika aufgemacht, hatte die Plantage angelegt. Rainer Gessner ist nun der Letzte in der Familie, der die Farm weiterführt. Viel werfe sie nicht mehr ab, sagt er. Im Alter von 65 Jahren werde er aber nirgendwo mehr neu anfangen. „Ich bin hier geboren und liebe dieses Land. Man lebt von Tag zu Tag und hält die Ohren steif.“

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