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Parlamentswahl in Italien : Tiere würden Berlusconi wählen

Voller Fürsorge: Silvio Berlusconi gibt einem Lamm die Flasche. Bild: Reuters

Italiener lieben ihre Tiere, ihre Zahl steigt kontinuierlich. Silvio Berlusconi hat da politisches Potential erkannt – und nutzt es im Wahlkampf nach allen Regeln der Marketingkunst.

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          Seine Charmeoffensive begann mit fünf Lämmchen. Im vergangenen Jahr bewahrte Silvio Berlusconi die Tiere zu Ostern vor ihrem Schicksal, gewürzt mit Rosmarin, Knoblauch, Salz, Pfeffer und Olivenöl im Ofen zu enden. Diesen Gnadenakt setzte er wirkungsvoll in Szene. Fotos zeigten die wollweißen Tiere im Garten seiner Villa in Arcore – und den ehemaligen Ministerpräsidenten, wie er das jüngste von ihnen mit einer Milchflasche säugt.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Berlusconi war dem Aufruf einer italienischen Tierschutzorganisation gefolgt und gerierte sich als Teilzeit-Vegetarier. Denn selbst Italienern, die bisher kein gutes Wort über den Forza-Italia-Vorsitzenden verloren hatten, imponierte dessen Geste. Eine von langer Hand geplante Kampagne für die Parlamentswahlen begann. Der 81 Jahre alte Politiker bespielt seitdem erfolgreich ein scheinbar banales Thema, das aber vielen Italienern am Herzen liegt und den Ausgang der Wahlen am 4. März beeinflussen könnte: das Wohl der Tiere.

          Seit Jahren steigt in Italien die Zahl der Haustiere, zuletzt lebten in italienischen Haushalten 7,5 Millionen Katzen und sieben Millionen Hunde, nicht zu vergessen die etwa 30 Millionen Fische, die durch Aquarien und Teiche schwimmen. Insgesamt wird die Zahl der „pet“, wie sie in Anlehnung an den englischen Begriff auch genannt werden, auf mindestens 60 Millionen geschätzt. So kommt auf jeden Italiener ein Haustier. Während selbst in dem Land, in dem die „famiglia“ scheinbar über allem steht, die Zahl der Single-Haushalte wächst und die Geburtenrate sinkt, steigen die Ausgaben für den tierischen Familienersatz kontinuierlich an. In Mailand soll das Einwohnermeldeamt inzwischen mehr Hunde als Kinder verzeichnen.

          Kein Wunder also, dass die Meinungsforscherin Alessandra Ghisleri schätzt, das Thema Tierschutz könnte bis zu 20 Prozent der italienischen Wähler mobilisieren. Berlusconi, Unternehmer durch und durch, hat diesen Trend früh erkannt und nach allen Regeln der Marketingkunst für sich genutzt. Er holte den Tierschutz aus der links-grünen Ecke und machte seine Partei Forza Italia zur Wahloption für Tierliebhaber und Haustierbesitzer.

          Wahre Tierliebe oder nur Kalkül?

          Das gelang ihm mit einem taktischen Kniff. Zusammen mit einer langjährigen Vertrauten gründete er kurzerhand eine neue Schwesterpartei, den Movimento Animalista, übersetzt bedeutet das Tierschützerbewegung. Seine Partnerin in diesem Unterfangen war ausgerechnet jene Frau, die ihn zum österlichen Vegetarismus bekehrt hatte: Michela Vittoria Brambilla, Tochter eines Stahlbarons, Tierschutzaktivistin und Berlusconi-Zögling. Die ehemalige Schönheitskönigin arbeitete nach einem Studienabschluss in Literatur und Philosophie als Reporterin bei einem Fernsehsender der Fininvest-Gruppe, Teil des von Berlusconi aufgebauten Medienimperiums. Später trat sie dessen Partei bei. Seit 2008 ist Brambilla Mitglied des Abgeordnetenhauses; in Berlusconis viertem Kabinett war sie Staatssekretärin und Ministerin für Tourismus.

          Im Mai stellte die 50 Jahre alte Politikerin in Mailand zusammen mit Berlusconi ihre Tierschutzpartei vor. Er gab „160 Abgeordnete und 63 Senatoren“ als Ziel für die kommenden Parlamentswahlen vor. Und selbst wenn es letztlich nicht so viele werden – mit der Unterstützung seiner Partei, Forza Italia, werde sich viel bewegen beim Thema Tierschutz. „Macht es wie ich 1994!“, rief Berlusconi den versammelten Tierfreunden zu und spielte damit auf seinen fulminanten Einstieg in die Politik an. Damals war der Unternehmer mit seiner neugegründeten Partei aus dem Stand zur stärksten politischen Kraft geworden.

          Berlusconi sprach an jenem, laut Brambilla „historischen Tag für den Tierschutz“ nicht nur über Politik; er plauderte auch über sein Leben mit den Tieren. Wenn er am Morgen im Park seiner Villa spazieren gehe, werde er von 13 Tieren begleitet, von Schafen, Lämmchen und den „Hunden, die den kleinen Ziegen Küsse geben“.

          Selbst wenn die Tierliebe des Politikers einen authentischen Kern haben sollte, vor allem ist sie politische Strategie. Berlusconi hat in den vergangenen Jahrzehnten schon ziemlich vielen Wählern Versprechungen gemacht – und noch mehr enttäuscht. Jetzt hat er sich eine neue Nische auf dem politischen Themenmarkt gesucht und beackert sie mit knallharten Marketingmethoden. Seine Hunde, allen voran sein weißer Pudel Dudù, mussten in Talkshows schon bezeugen, wie sehr dem Politiker die Vierbeiner am Herzen liegen.

          Steuererleichterungen für Tiernahrung

          „Wer die Tiere liebt und will, dass sie Respekt erfahren, weiß, dass er Forza Italia wählen muss“, sagte Brambilla jüngst in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“. Sie kandidiert auf der Liste von Berlusconis Partei für das Abgeordnetenhaus und hat zusammen mit ihrem einstigen Mentor jede Menge Tierschutzinhalte in das Wahlprogramm von Forza Italia befördert. Andere Parteien, wie etwa der Partito Democratico, zogen eher halbherzig nach – doch da hatten Berlusconi und Brambilla das Thema schon erfolgreich besetzt. Auf dem Wählermarkt der Tierliebhaber sind sie derzeit konkurrenzlos.

          Die beiden wollen, dass Tiere als fühlende Wesen in die Verfassung aufgenommen werden. Tiere zur Pelzproduktion zu halten soll verboten werden. Außerdem wollen Brambilla und Berlusconi einen Tierrechtskodex schaffen und den Tierschutz auf Regierungsebene verankern, mit einem eigenen Beauftragten und einer Abteilung in einem Ministerium. Bei aller Tierliebe ist Italien nämlich auch ein Land, in dem Katzen und Hunde immer wieder ausgesetzt werden, etwa wenn sie dem Sommerurlaub im Weg stehen.

          Doch die verlockendsten Versprechungen des Duos Berlusconi-Brambilla sind wohl die steuerlichen Erleichterungen für Tiernahrung und tierärztliche Behandlungen. Einer Studie zufolge halten 70 Prozent der Haustierbesitzer die Mehrwertsteuer auf Tiernahrung und Tiermedikamente für überzogen hoch. Sie liegt derzeit bei 22 Prozent und ist damit einer der höchsten in Europa.

          Wie viele dieser Pläne Berlusconi nach der Wahl verwirklicht, hängt davon ab, ob dessen Mitte-rechts-Bündnis tatsächlich eine regierungsfähige Mehrheit erringen wird – und ob seine Koalitionspartner, Lega Nord, Fratelli d’Italia und Noi per l’Italia, sich diese Ziele dann auch zu eigen machen wollen.

          Dass das klappt, daran zweifelt zumindest Tierschutzaktivistin Brambilla nicht. Berlusconis Partei sei „die führende innerhalb der Koalition“ und könne beim Thema Tierschutz im Zweifelsfall den Weg vorgeben. Aber noch geht es ja gar nicht um konkrete Politik, sondern nur darum, möglichst viele Wähler zu gewinnen.

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