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Barde des Balkankriegs : Wider den Literaturnobelpreis für Peter Handke

Umstritten: Peter Handke, Schriftsteller aus Österreich und Literaturnobelpreisträger, sitzt am Doinnerstag in seinem Garten bei seinem Haus in Chaville. Bild: dpa

Niemand hat die Massaker, den Krieg und das Leid auf dem Balkan so ausdrucksstark zur Petitesse erklärt wie Peter Handke. Für die Opfer birgt die Stockholmer Entscheidung eine erschütternde Botschaft. Ein Essay.

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          Ein Mann betritt mit einen Haufen Hundekot in der Hand eine Kneipe. Er zeigt ihn den Gästen und sagt erleichtert: „Schaut mal, da wäre ich beinahe reingetreten.“ Mit diesem Witz, der so alt ist, dass er für viele jüngere Menschen neu sein dürfte, hat der aus Sarajevo gebürtige amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon die anstehende Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke kommentiert.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der Hintergrund: Im vergangenen Jahr erlebte die Schwedische Akademie, die diesen Preis vergibt, eine schwere Krise, die größte ihrer Geschichte. Es ging um Korruption und sexuelle Belästigung. In diesem Jahr kam die Akademie zurück. Sie wollte einen neuen Skandal unbedingt vermeiden – hat aber prompt einen viel größeren produziert. Denn obwohl in diesen Tagen gern das Gegenteil behauptet wird, handelt es sich bei der seit 1901 vergebenen Auszeichnung eben nicht um eine rein literarische Ehrung. Das hätte sie sein können, aber das hat ihr Stifter Alfred Nobel nicht gewollt. Er hätte bestimmen können, mit dem Geld aus seinem Nachlass allein literarische Qualität zu würdigen, ohne Rücksicht auf das Gebaren der Ausgezeichneten. Ganz Kind seiner Zeit, verfügte Nobel 1895 in seinem letzten Willen jedoch, zu würdigen sei jeweils, wer „das herausragendste Werk in idealistischer Richtung geschaffen hat“.

          Gewiss: Was als herausragend empfunden wird, das ändert sich. Viele längst vergessene Nobelpreisträger zeugen davon. Auch die Vorstellung davon, was Idealismus sei, war 1895, als Europa noch zwei Weltkriege vor sich hatte, eine andere als heute. Doch wer sich die Mühe macht, in den Akten der Stockholmer Akademie zu blättern, der sieht schnell, dass deren Mitglieder in früheren Jahrzehnten den Auftrag ernst nahmen, kein rein literarisches Urteil zu fällen, sondern auch den Menschen hinter dem Werk zu berücksichtigen. Da wäre etwa der Fall Ernst Jünger. Dessen sogenannte Tagebücher, insbesondere die aus dem Paris des Zweiten Weltkriegs, gehören zu den besten literarischen Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Auch deshalb war ihr Autor zwischen 1956 und 1966 sechsmal für den Nobelpreis nominiert. Jünger hat ihn aber nie erhalten, denn er war eben nicht nur ein Seismograph seiner Zeit, sondern hatte sich in den zwanziger Jahren auch als rechtsextremer Publizist hervorgetan, der radikal gegen die Weimarer Republik anschrieb. Gottfried Benn war fünfmal nominiert, aber seine kurzzeitige Parteinahme für Hitler stand einer Auszeichnung seines grandiosen Werks entgegen. Sogar Martin Heidegger, der einst von der „Größe und Herrlichkeit“ des Nationalsozialismus geschwurbelt hatte, war zweimal für den Literaturnobelpreis nominiert. Auch Ezra Pound und Bertolt Brecht, Faschismusverherrlicher der eine, Stalinismusverniedlicher der andere, kamen trotz großer literarischer Qualitäten über Nominierungen nicht hinaus.

          Und was hat das mit Handke zu tun? Leider viel. Handke hat die Opfer der Balkankriege verhöhnt, traf sich zum freundlichen Stelldichein mit dem Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, stilisierte den Kriegstreiber Slobodan Milosevic in seinen Interviews und Schriften zum tragisch-unverstandenen Helden, relativierte beider Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Kaskade menschenverachtender Aussagen Handkes ist lang und tief. Abgeklärt heißt es dazu nun in deutschen Feuilletons, Handke sei nun einmal „umstritten“ oder „skandalumwittert“ – ein „Provokateur“ eben. An seiner literarischen Lebensleistung ändere das nichts. Stimmt. Und es geht auch nicht darum, dass man Handke nicht lesen solle, im Gegenteil. Man soll. Aber muss man diesem vermeintlichen Wächter der wahren Empfindung für seinen poetisierenden Zynismus Lorbeerkränze winden? Der deutsche Außenminister Heiko Maas, der glaubte, Handke gratulieren zu müssen, ließ dazu feststellen, der Schriftsteller sei eben „für seine scharfen Positionierungen bekannt.“

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