https://www.faz.net/-gpf-9s68t

Barde des Balkankriegs : Wider den Literaturnobelpreis für Peter Handke

Der vor einigen Jahren verstorbene deutsche Historiker Holm Sundhaussen hat dazu Kluges gesagt. Er bestritt nicht, dass sich die Hintergründe in diesem Fall wohl nie würden klären lassen, „aber bei allem, was wir nicht wissen oder nicht genau wissen, bleibt eine Tatsache bestehen: Es waren definitiv nicht die Panzer und Artilleriegeschütze der Bosniaken, die auf den Bergen rings um Sarajevo postiert waren. Und dass aus diesen Stellungen heraus auf die Stadt geschossen wurde (…) steht ebenfalls fest. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass nicht in allen Fällen zweifelsfrei rekonstruiert werden kann, woher ein Geschoss kam.“ Ungeachtet einzelner Ungereimtheiten war Sarajevo über Jahre hinweg eine belagerte Stadt, so Sundhaussen. „Und wer die Belagerer waren beziehungsweise wer sie kommandierte, wissen wir auch. Die These, ´alle Konfliktparteien´ waren gleichermaßen schuld (…) ist ebenso unakzeptabel wie die These, dass es auf allen Seiten Schuldige gab, richtig ist.“

Doch genau die These von der gleichmäßig verteilten Schuld macht Handke sich zu eigen. Das aber ist Geschichtsklitterung „Ja, die Serben waren auch Opfer – die ersten und die letzten Opfer von Milosevic“, hat der britische Historiker Timothy Garton Ash in einer Analyse von Handkes Texten einmal festgestellt. „Aber es gibt auch Zahlen und Proportionen, eine Reihenfolge der Ereignisse“. Und die bringe Handke eben bewusst durcheinander. Die verborgene Implikation von Handkes Ausführungen ist laut Ash, dass die Serben in Bosnien im gleichen Maße Opfer waren wie alle anderen. „Und das ist, numerisch wie historisch, nicht wahr.“

Das aber scheint für die Schwedische Akademie keine Rolle zu spielen. Entweder weiß man dort von all diesen Debatten nichts, was nicht eben für die Sorgfaltsprüfung der Preisverleiher spräche. Oder, übler noch, es hat die Akademie schlicht nicht interessiert, so wie nun ja auch einige Feuilletons dem Laureaten zujubeln und Kritikern bescheiden, schließlich werde hier Dichtung prämiert, nicht Betragen und Schönschreiben. Hier und da, wird eingestanden, möge Handke auch einmal Massenmorde bagatellisiert oder Blutvergießen verniedlicht haben – aber diese Poesie! Zugegeben: Niemand hat die Massaker, den Krieg und das Leid auf dem Balkan so ausdrucksstark zur Petitesse erklärt wie Handke. Gewiss ohne böse Absicht, aber eben auch ohne übertriebenes Nachdenken, machen sich Feuilletonisten und Literaturkritiker mit serbischen Nationalisten gemein, wenn sie behaupten, Handke sei angefeindet worden, weil er sich die Sache der Serben zu eigen gemacht habe. Zu eigen gemacht hat Handke sich nämlich nur die Sache von Milosevic, auf dessen Beerdigung er im März 2006 erschienen war, um sich ein letztes Mal vor ihm zu verneigen. Zu eigen gemacht hat sich Handke, der kein Serbisch beherrscht und abgesehen von seinen literarvoyeuristischen Stippvisiten nie länger Serbien gelebt hat, die Sache von Milosevics kleptokratischer Clique, die großes Leid über die Nachbarländer gebracht, aber auch Hunderttausende junge Serbinnen und Serben um ihre Jugend betrogen hat. Zu eigen gemacht hat sich Handke die Sache einer Junta, die im Namen des Serbentums auch das eigene Volk ausplünderte. Und er tat das nicht mit einer unbedachten Äußerung, schnell getan und lang gereut, sondern über Jahre hinweg und systematisch.

Angesichts der jüngsten Stockholmer Entscheidung kann man jungen Dichtern, die Wert auf äußerlichen Erfolg legen, eigentlich nur raten: Fangt am besten gleich morgen an, öffentlichkeitswirksam Kriegsverbrechen in Syrien zu leugnen oder zu verharmlosen, besucht Assad und porträtiert ihn als großen Unverstandenen, der von einer unverständig-bösen Journalistenmeute gehetzt wird, kontrastiert solche Beobachtungen mit einer lyrischen Beschreibung der Farbe syrischer Äpfel, dem anderssüßen Geschmack syrischer Trauben auf dem Markt von Damaskus oder den sich in einer Benzinlache spiegelnden Wolken über Homs. Ein Vierteljahrhundert später winkt dann vielleicht der Nobelpreis.

Weitere Themen

Streit um Nord Stream 2 verschärft sich Video-Seite öffnen

Sanktionen aus Amerika : Streit um Nord Stream 2 verschärft sich

Das Repräsentantenhaus hat Sanktionen gegen Firmen und Einzelpersonen auf den Weg gebracht, die sich an dem Projekt beteiligen. Donald Trump ist ein vehementer Kritiker der Pipeline. Er wirft Deutschland vor, sich dadurch in Abhängigkeit von russischem Gas zu begeben.

Topmeldungen

Klima-Doku „Steigende Pegel“ : Das Meer kommt

Drei Millimeter pro Jahr steigt das Meer zurzeit, das klingt für viele Menschen nach gar nichts. Was es wirklich bedeutet, zeigt die Dokumentation „Steigende Pegel“ bei 3sat. Die Folgen sind schon jetzt dramatisch.
Das war einmal eine Tankstelle in Teheran. Sie wurde bei den Protesten zerstört, Benzin gibt es sowieso nur noch zur Phantasiepreisen.

Proteste in Iran : Niemand weiß, wie viele starben

Seit Wochen protestieren die Iraner gegen ihre Regierung, die sie vergessen hat. In den sozialen Netzwerken tobt ein Sturm. Was als Probeaufstand eingefädelt war, wurde zur Explosion in der Armutsfalle.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.