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Barde des Balkankriegs : Wider den Literaturnobelpreis für Peter Handke

Wohl dem, der das so schlicht sehen kann. Diejenigen, die dieser Tage die Nobelpreisehren des „großen Provokateurs“ verteidigen, weisen gern darauf hin, dass schließlich auch Knut Hamsun den Nobelpreis erhalten habe, – und der war schließlich der literarische Apologet des Bösen schlechthin, was die Größe seiner Dichtung nicht schmälert. So ist es, nur erhielt Hamsun den Preis 1920. Seine Parteinahme für den ebenso umstrittenen wie skandalumwitterten Provokateur Adolf Hitler, der für seine scharfen Positionierungen bekannt war, kam erst später.

Es stimmt natürlich auch, dass viele große Köpfe der Vergangenheit aus unserer heutigen, meist nicht von übertriebenen Selbstzweifeln angekränkelten Sicht alles andere als tadellos waren. Wollte man Nobelpreise nur an Makellose und „politisch Korrekte“ vergeben – was für ein Haufen mittelmäßiger Langweiler käme da zusammen! Schon jetzt wimmelt es in den Annalen des Preises von fader Mediokrität. Dichtung muss nicht „korrekt“ sein, schon gar nicht politisch korrekt. Bei Handke im Jahr 2019 geht es aber um Anderes. Die Verfehlungen der Größen von Gestern können wir nicht mehr ändern. Aber Handke lebt hier und jetzt, wir sollten ihn also nach den Maßstäben unserer Zeit beurteilen. Und was sagt es über diese Maßstäbe aus, wenn ein Mensch mit dem bekanntesten aller Literaturpreise geehrt wird, der zwar tatsächlich formidabel zu schreiben versteht, zugleich aber einige der schlimmsten Verbrechen seiner Zeit kleinredet oder relativiert hat, die Nähe zu den Tätern suchte und deren Opfer verspottete?

Für Opfer der Politik, die Handke poetisiert, birgt die Stockholmer Entscheidung eine erschütternde Botschaft. Für Überlebende und Hinterbliebene des Massakers von Srebrenica zum Beispiel, bei dem 1995 viele tausend Muslime ermordet wurden. Aus Stockholm und manchen Redaktionsstuben signalisiert man diesen und anderen Überlebenden der Politik Karadzics und Milosevics nun, dass sie sich nicht so haben sollen wegen ein wenig Völkermord. Die Botschaft lautet: Die Balkankriege waren nicht schön, keine Frage. Aber hässlich genug, um Milosevics Barden deshalb nicht mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt auszuzeichnen, waren sie eben auch nicht. Euer Leid in allen Ehren, aber uns ist die Sprachgewalt eines Mannes wichtiger, der den Schulterschluss mit den Mördern suchte.

„Und hören wir auf, die ´Sniper´ von Sarajevo blindlings mit den ´Serben´ zu verbinden“, schrieb Handke vor knapp zehn Jahren. „Und hören wir auf, die (furchtbare, dumme, unverständliche) Belagerung Sarajevos ausschließlich mit der bosno-serbischen Armee in Verbindung zu bringen.“ Hier wird musterhaft ein Narrativ des serbischen Nationalismus bedient, das Handke auch an anderer Stelle schon aufgegriffen hatte: Am 5. Februar 1994 schlug auf einem Marktplatz im belagerten Sarajevo eine Granate ein und tötete 68 Menschen. Sarajevo war schon seit 1992 von serbischen Truppen eingekesselt, aber die Nato reagierte erst jetzt: Serbische Kampfflieger wurden abgeschossen, Bodenstellungen der Serben angegriffen. Serbische Nationalisten behaupten bis heute, die Granate sei damals von den Verteidigern der Stadt auf ihre eigenen Leute abgefeuert worden, um eine Intervention der Nato zu provozieren. Bei Handke heißt es: „Ist es erwiesen, dass die beiden Anschläge auf Markale, den Markt von Sarajevo, wirklich die Untat bosnischer Serben waren…?“

Zwar zeigten die Kriegsverbrecherprozesse gegen Karadzic und seinen General Ratko Mladic, dass viele Indizien gegen die Behauptung sprechen, an jenem Februartag hätten muslimische Truppen Zivilisten in Sarajevo beschossen, um ein serbische Verbrechen vorzutäuschen. Einwandfrei und gerichtsfest belegen lässt sich die serbische Täterschaft jedoch bis heute nicht. Allein: Was folgt aus den nicht restlos geklärten Ereignissen dieses einen Tages für die anderen 1424 Tage der Belagerung Sarajevos?

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