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WHO-Mission : Die Daten der ersten Tage aus Wuhan

Der amerikanische Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan am 4. Februar in Washington Bild: AFP

Washington hat „Fragen“ zu den Umständen, unter denen die WHO-Mission zur Klärung des Corona-Ausbruchs in China stattfand. Auch innerhalb der Organisation herrscht Uneinigkeit.

          3 Min.

          Was geschah in Wuhan im November 2019, bevor die ersten bekannten Corona-Patienten aktenkundig wurden? Hält China womöglich Daten zurück, die darüber Aufschluss geben könnten? Diese Fragen stehen im Zentrum einer neuen politischen Kontroverse um die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die amerikanische Regierung forderte am Wochenende, dass China „seine Daten aus den ersten Tagen des Ausbruchs verfügbar machen muss“. Der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan verlangte zudem, dass der Bericht der ausländischen Fachleute, die in den vergangenen Wochen in Wuhan nach dem Ursprung des Virus gefahndet haben, „frei von Einflussnahme oder Änderungen“ durch die chinesische Regierung sein müsse. Washington habe „Fragen“ zu den Umständen, unter denen die Mission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Wuhan stattgefunden habe.

          Es gebe außerdem „ernste Bedenken über die Art und Weise“, in der die vorläufigen Ergebnisse bei einer Pressekonferenz in Wuhan am vergangenen Dienstag präsentiert wurden. Sullivan machte deutlich, dass Amerika sich bei der WHO wieder einbringen wolle, nachdem Präsident Joe Biden den von seinem Vorgänger verfügten Rückzug gestoppt hatte. Das bedeute aber auch, dass man die WHO an den höchsten Maßstäben messen werde. Der Schutz der Glaubwürdigkeit der Organisation sei „von höchster Priorität“, sagte Sullivan.

          Vorwürfe aus Peking

          Die chinesische Botschaft in Washington warf der amerikanischen Regierung daraufhin vor, die WHO wie einen „Jahrmarkt“ zu behandeln, auf dem man kommen und gehen könne, wie man wolle. Amerika habe der Organisation unter Präsident Trump Schaden zugefügt. „Als wäre all das nicht geschehen, zeigen die Vereinigten Staaten mit Fingern auf andere Länder, die die WHO treu unterstützt haben.“

          Die Diskussion um die Daten der ersten Corona-Patienten in Wuhan hatte sich an Äußerungen des australischen Mikrobiologen Dominic Dwyer entzündet. Er war Teil der WHO-Delegation. Dwyer sagte dem australischen Sender Nine News, die chinesische Seite sei „sehr daran interessiert gewesen zu glauben“, dass Sars-Cov-2 erst im Dezember in Wuhan aufgetaucht sei. Es gebe aber Hinweise, etwa aus der genetischen Analyse der frühesten gefundenen Sars-Cov-2-Varianten, „die zeigen, dass das Virus wahrscheinlich schon Mitte November, Anfang Dezember zirkulierte“.

          Um dieser Frage nachzugehen hatte sich die WHO-Delegation die Fälle von 92 Patienten angeschaut, die im Oktober und November in Zentralchina mit auffälligen Symptomen im Krankenhaus behandelt wurden. Chinesische Wissenschaftler hatten bei diesen Patienten in den vergangenen Wochen nachträglich Antikörpertests durchgeführt, die negativ ausfielen. Unter den WHO-Experten gibt es jedoch Zweifel, ob zu einem so späten Zeitpunkt noch Antikörper aussagekräftig seien. Deshalb gab es die Empfehlung, ältere Serumproben von Oktober und November zu untersuchen, die in Blutbanken aufgehoben werden. Das wurde von chinesischer Seite vorerst mit dem Hinweis abgelehnt, dafür gebe es noch keine Genehmigung.

          Der australische Mikrobiologen Dominic Dwyer im Januar 2021 in Wuhan
          Der australische Mikrobiologen Dominic Dwyer im Januar 2021 in Wuhan : Bild: Reuters

          Dwyer sagte zudem der Nachrichtenagentur Reuters, die Delegation habe mehrfach vergeblich um die Rohdaten der ersten bekannten Corona-Patienten gebeten. Es gehe um die Dokumentation von 174 Fällen. Solche Daten seien „Standardpraxis“ bei Untersuchungen von Ausbrüchen. Man habe jedoch nur eine Zusammenfassung erhalten. Der Australier sagte, er wisse nicht, warum diese Rohdaten nicht bereitgestellt worden seien. Er fügte aber hinzu, dass „die WHO sicherlich mehr Daten bekommen hat, als sie je zuvor hatte, und das ist ein echter Fortschritt“.

          Eine denkbare politische Erklärung für chinesische Zurückhaltung mit frühen Daten könnte sein, dass Peking den Fall eines italienischen Jungen, der am 30. November 2019 Symptome zeigte, als einen Beleg sieht, dass das Virus außerhalb Chinas ausgebrochen sei.

          Der einzige amerikanische Vertreter in der WHO-Delegation, Peter Daszak, zeigte sich auf Twitter empört über die von Amerika geäußerten Zweifel. „Joe Biden muss sich hart gegenüber China präsentieren. Bitte verlassen Sie sich nicht zu sehr auf amerikanische Aufklärung“. Und: „Vergessen Sie nicht, dass es erst um ‚VERTRAUEN‘ geht, dann um ‚NACHPRÜFEN‘.“

          Kehrtwende der WHO

          Unterdessen machte die WHO eine Kehrtwende in der Frage, ob weitere Recherchen nötig seien, um auszuschließen, dass Sars-Cov-2 aus einem Labor in Wuhan entwichen sein könnte. Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus widersprach am Freitag der Darstellung des Leiters der WHO-Mission in Wuhan. Tedros sagte, „ich möchte bestätigen, dass alle Hypothesen weiter bestehen und weitere Analyse und Studien erfordern“.

          WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einer Pressekonferenz in Genf am 12. Februar
          WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einer Pressekonferenz in Genf am 12. Februar : Bild: AFP

          Delegationsleiter Peter Ben Embarek hatte hingegen am Dienstag in Wuhan gesagt, die Mission empfehle keine weiteren Untersuchungen zu der These, dass die Pandemie durch einen Zwischenfall in einem Labor ausgelöst worden sein könnte. In Wuhan gibt es zwei Labore, die an Coronaviren forschen. Die Erreger stammen von Fledermäusen, die im Süden Chinas in Höhlen leben.

          Bei der Pressekonferenz am Freitag im Hauptquartier der WHO in Genf konkretisierte Embarek, wie die Experten zu ihrer Empfehlung gekommen seien. „Normalerweise würden Laborforscher, die mit neuen Viren arbeiten und solche entdecken, ihre Erkenntnisse sofort veröffentlichen.“ Doch allen Labormitarbeitern, mit denen man gesprochen habe, sei das Virus unbekannt gewesen, sagte der dänische Wissenschaftler.

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