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Westjordanland : Mikrokosmos der israelischen Besatzung

Alltag im Zentrum von Hebron: Israelische Soldaten stoppen am Samstag vergangener Woche eine Palästinenserin Bild: dpa

Bewacht von israelischen Kampfsoldaten leben rund 800 jüdische Siedler in Hebron im Westjordanland - und sie wollen bleiben, egal, was die Friedensgespräche ergeben. Für die palästinensischen Bewohner bedeutet das meist Schikane.

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          Die Männer mit den Gebetsteppichen unter dem Arm und die verschleierten Frauen mit den Kindern an der Hand dürfen nur auf der linken Straßenseite gehen. Israelische Soldaten und Polizisten wachen mit ihren Waffen im Anschlag darüber, dass keiner der Muslime die Absperrgitter überwindet und die andere Seite der Straße betritt. Gegen Ende des Fastenmonats Ramadan kommen mehr Muslime als sonst in die Ibrahimi-Moschee, um dort zu beten. Sie liegt mitten im historischen Marktviertel Hebrons. Normalerweise würden die Palästinenser auf dem Heimweg ihre letzten Einkäufe für das Fest des Fastenbrechens machen. Doch die Schaufenster und Eingänge der Läden sind mit Metallplatten verbarrikadiert. Auf den Straßen sind nur ein paar Siedler und jede Menge Soldaten zu sehen. Knapp 800 Israelis leben hier, bewacht von etwa 600 Kampfsoldaten, in unmittelbarer Nähe der Höhle der Patriarchen. Dort sind nach der Überlieferung Abraham, seine Frau Sara sowie Isaak und Jakob begraben. Über einem Teil der Höhle haben die Muslime eine Moschee errichtet, über dem anderen steht eine Synagoge.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Für die Juden ist Hebron die zweitheiligste Stätte nach dem Tempelberg in Jerusalem. Die jüdischen Siedler in Hebron wollen deshalb in der palästinensischen Stadt mit ihren gut 160.000 Einwohnern wohnen bleiben, egal, was in den neuen Friedensgesprächen herauskommt. „Nicht nur die Palästinenser, sondern auch die Juden haben ein Rückkehrrecht. Das gilt besonders für den Ort, an dem ihre Vorväter schon vor Tausenden Jahren lebten. Hebron muss ein Teil Israels werden. Das ist die einzige friedliche Lösung“, sagt Noam Arnon, einer der Siedlerführer in der Stadt und zeigt auf die wehrhaften Mauern des Heiligtums über der Höhle der Patriarchen. Er werde auf jedem Fall bleiben, auch wenn die Palästinenser die Kontrolle über ganz Hebron übernehmen sollten: „Juden lebten hier schon unter den Fatimiden und Mamluken“, erläutert der bärtige Israeli. Viele Siedler im Westjordanland reden in diesen Tagen wie Arnon und denken nicht daran, ihre Häuser im Austausch für einen Frieden mit den Palästinensern aufzugeben.

          „Niemanden diskriminieren wie es die Israelis tun“

          Auch der israelische Ministerpräsident Netanjahu scheint darüber nachzudenken. Vielleicht sollte man die „Option“ erwägen, dass ein Teil der Siedler in dem Palästinenserstaat wohnen bleibt, sagte der Regierungschef vor wenigen Tagen. Die von den Palästinensern geforderte Räumung der Siedlungen ist eine der schwierigsten Streitfragen in den Anfang September begonnenen Friedensgesprächen: Mehr als 300.000 Israelis leben mittlerweile in 121 Siedlungen im Westjordanland. Husam Zumlot hält es für ausgeschlossen, dass die Siedler in Hebron einfach in ihren Wohnungen bleiben. „Hebron ist eine palästinensische Stadt. Die Siedlungen sind auch nach Ansicht der internationalen Gemeinschaft illegal. Es wird keine israelische Exklave in Hebron geben, aber natürlich freien Zugang für alle Gläubigen zu den religiösen Städten“, sagt der PLO-Sprecher. Aber jeder, der den künftigen Staat anerkenne und sich an seine Gesetze halte, könne natürlich ein Aufenthaltsrecht beantragen. „Wir werden niemanden aus religiösen oder anderen Gründen diskriminieren, wie es die Israelis heute tun“, kündigt Zumlot an. In der Vergangenheit hatte der palästinensische Ministerpräsident Salam Fajad und sein Vorgänger Ahmed Qurei nicht ausgeschlossen, dass Israelis in einem unabhängigen Palästina wohnen werden.

          Die Israelis müssten sich aber dann auf den Schutz der palästinensischen Sicherheitskräfte verlassen. Der palästinensische Präsident Abbas deutete an, dass notfalls Soldaten einer internationalen Truppe in Hebron stationiert werden könnten. Die israelischen Soldaten müssten sich aber vollständig aus den gesamten Palästinensergebieten zurückziehen, verlangt die palästinensische Führung. Wie durch ein Brennglas lässt sich in Hebron beobachten, wie die israelische Besatzung funktioniert, die die Palästinenser nach mehr als 40 Jahren beendet sehen wollen. Der Kern des historischen Zentrums rund um die Höhle der Patriarchen wurde zu einer Geisterstadt. Ein 1997 zwischen Israelis und Palästinensern geschlossenes Abkommen teilt Hebron in die beiden Gebiete „H1“ und „H2“: Die Israelis kontrollieren in „H2“ knapp 20 Prozent der Altstadt und die Viertel, die an die Siedlung Kirjat Arba grenzen. Mehr als 30.000 Palästinenser leben dort neben 800 Siedlern. Die restliche Stadt („H1“) mit ihren etwa 130.000 Einwohnern steht vollständig unter palästinensischer Kontrolle.

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