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Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

  • -Aktualisiert am

Der Leiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Laurent Sourisseau „Riss“ im Juli 2015 in Sao Paulo Bild: dpa

Nicht nur in autoritären Regimen, auch im Westen steht die Grundlage der Aufklärung, die Meinungsfreiheit, unter Beschuss. Allenthalben setzen sich Konformismus und Herdendenken durch. Ein Gastbeitrag.

          Als ich vor einigen Jahren an einer Tagung des dänischen Vereins für freie Debatte in Kopenhagen teilnahm, musste mein Name im Voraus der Polizei gemeldet werden. Der Verein, der aus einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Universitätslehrern, Journalisten, Aktivisten und gewöhnlichen Menschen besteht, kommt regelmäßig in einem informellen Rahmen zusammen, um über Bücher und politische Streitthemen zu diskutieren. An diesem kalten Dezemberabend fand das Treffen in einer gemütlichen Privatwohnung statt, und die Gesprächsthemen waren ein kürzlich erschienenes Buch über die Geschichte der Meinungsfreiheit in Dänemark und die Biografie eines Politikers, der während des Zweiten Weltkriegs mit den Deutschen kollaboriert hatte. Bei Glühwein und Snacks führten dort gut 15 Gäste eine Reihe von Debatten, die bis in die frühen Morgenstunden dauerten.

          Es waren keine besonders aufregenden Themen, und normalerweise finden die Treffen des Vereins nicht unter dem wachsamen Auge der dänischen Sicherheitsdienste statt. Doch an diesem Abend befand sich unter den Gästen der schwedische Karikaturist Lars Vilks, der 2007 drei Zeichnungen publiziert hatte, auf denen ein Hund mit den Gesichtszügen des Propheten Mohammed dargestellt ist. Seither erhält Vilks ständig Todesdrohungen und lebt unter polizeilichem Schutz. Bei Vilks' letztem Aufenthalt in Kopenhagen – 2015 zu einer Tagung über „Kunst, Blasphemie und Meinungsfreiheit“ – überfiel ein muslimischer Terrorist die Versammlung, tötete einen 35-jährigen Filmemacher und verletzte drei Polizisten. Am folgenden Tag versuchte der Täter, eine Kopenhagener Synagoge zu überfallen. Bevor er selbst von der Polizei erschossen wurde, tötete er einen vor der Synagoge postierten jüdischen Wachmann.

          Vilks ist nicht der einzige, der unter dieser Last zu leiden hat. Bei demselben Besuch in Kopenhagen traf ich mich kurz mit Flemming Rose, dem Zeitungsredakteur, der 2005 die berüchtigten Mohammed-Karikaturen veröffentlichte. Nahezu 15 Jahre, nachdem eine Gruppe opportunistischer Imame als Reaktion auf ein paar Bilder eine weltweite Einschüchterungs- und Bedrohungskampagne startete, steht Rose immer noch unter dem Schutz der dänischen Polizei, die auch im Umfeld des Cafés, in dem wir uns trafen, unauffällig mehrere Polizisten postiert hatte.

          Seit er 2007 drei Zeichnungen publizierte, auf denen ein Hund mit den Gesichtszügen des Propheten Mohammed dargestellt ist, erhält der schwedische Karikaturist Lars Vilks Todesdrohungen und lebt unter polizeilichem Schutz.

          Als ich neben dem freundlich exzentrischen Vilks saß, war mir durchaus bewusst, dass mehrere Polizisten in Zivil dort in der Wohnung und davor Posten bezogen hatten, und so konnte ich ein wenig nachempfinden, wie es sich anfühlen mag, jeden wachen Augenblick befürchten zu müssen, dass ein mordgieriger Fanatiker ihn zu deinem letzten macht. Der Feuerüberfall von 2015 war nicht der erste Anschlag auf Vilks Leben gewesen. 2009 vereitelten die Behörden einen Anschlagsplan, an dem drei amerikanische Bürger, darunter eine Frau namens „Jihad Jane“, und eine Gruppe im Ausland geborener Iren beteiligt waren. Im folgenden Jahr griffen mehrere muslimische Extremisten Vilks während eines Vortrags über Meinungsfreit an, den er an einer schwedischen Universität hielt. Einige Tage später wurde sein Haus von Brandstiftern angezündet. Am Ende dieses Jahres hinterließ ein muslimischer Selbstmordattentäter in Stockholm eine letzte Botschaft an Schweden, in der er die „törichte Unterstützung“ des Landes „für das Schwein Vilks“ beklagte. Und nur wenige Wochen vor unserer Begegnung brannte eines seiner bekanntesten Werke, eine aus mehreren hölzernen Türmen bestehende Installation auf einer schwedischen Halbinsel, vollständig nieder. Vilks reagierte locker auf diesen Zerstörungsakt und meinte: „Das ist eine knallharte Aktion und eine ziemlich brutale Form von Kunstkritik.“

          Solch ein gegen sich selbst gerichteter Humor mag ein Bewältigungsmechanismus für jemanden sein, der dazu verdammt ist, sich für den Rest seines Lebens zu verstecken. Doch Vilks' bewundernswerte Fähigkeit, solche Bedrängnis mit einem Lächeln zu ertragen, sollte uns nicht über die fürchterliche Lage hinwegtäuschen, in der er, Rose und mehrere andere Künstler, Schriftsteller und öffentliche Persönlichkeiten, sich befinden. Dreißig Jahre, nachdem der oberste geistliche Führer Irans, Ayatollah Ruhollah Khomeini, ein Todesurteil über Salman Rushdie wegen dessen Roman Satanische Verse verhängte, leben in kosmopolitischen, liberalen westlichen Städten immer noch manche Menschen nur wegen ihrer Worte oder Bilder unter Todesdrohungen.

          Dass es diese unerträglichen Zustände auch im 21. Jahrhundert noch gibt, muss als Affront nicht nur gegen diese einzelnen Personen angesehen werden, sondern gegen jeden, der in einer freien Gesellschaft leben will. Denn hier ist nicht nur deren persönliche Sicherheit in Gefahr, sondern unser aller Freiheit. Solidarität mit Schriftstellern und Künstlern zu zeigen, die unter Gewalt und Unterdrückung leiden, ob nun durch einzelne religiöse Fanatiker oder durch Staaten oder, wie bei Salman Rushdie, durch beide, ist eine Pflicht für jeden, der von sich behauptet, er glaube an unsere bedeutsamste Freiheit, die Meinungsfreiheit. Die Tagung zur Meinungsfreiheit, auf der Vilks 2015 beinahe getötet worden wäre, fand am Jahrestag der Fatwa statt und war Ausdruck dieser Verpflichtung. (Die am 14. Februar 1989 erlassene Fatwa war das genaue Gegenteil eines Valentinsgeschenks.) Vilks und Rushdie haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie beide auf einer Liste der Top-Anschlagsziele erschienen, die Al Qaida 2011 in seinem englischsprachigen Hetzmagazin Inspire veröffentlichte. Gleichfalls auf dieser Liste stand Stéphane „Charb“ Charbonnier, Herausgeber des Satiremagazins Charlie Hebdo, der 2015 zusammen mit zehn Kollegen von islamistischen Terroristen ermordet wurde.

          Rushdie lehnt sich gegen die Fatwa auf

          Rushdie lebt glücklicherweise noch, und es geht ihm gut. (Das kann man von seinem japanischen Übersetzer leider nicht sagen und auch nicht von den 37 Menschen, die auf einem türkischen Literaturfestival nur wegen ihrer – noch so geringfügigen – Verbindung zu dem britischen Autor ermordet wurden.) Rushdie versteckt sich inzwischen nicht mehr und scheint ein reges geselliges Leben zu führen. Dass der frühere iranische Präsidenten Mohammed Khatami 2015 erklärte, die Fatwa sei „beendet“, täuschte offenbar niemanden. Noch 2016 erhöhten 40 staatliche iranische Medien das von der Islamischen Republik für Rushdies Ermordung ausgelobte Kopfgeld in Millionenhöhe um weitere 600.000 Dollar. Dennoch lässt Rushdie nicht zu, dass die Fatwa sein Leben beherrscht oder ihn daran hindert, seine literarische Arbeit fortzuführen und über eine Vielzahl umstrittener Themen zu sprechen, zu denen in vorderster Linie auch die Bedrohung der Meinungsfreiheit gehört.

          Für diesen Mut angesichts der Verfolgung durch den führenden staatlichen Sponsor des Terrorismus in der Welt verdient Rushdie Beifall. Seine öffentliche Sichtbarkeit darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er letztlich verloren hat. Mit „verloren“ meine ich nicht, dass es den Ayatollahs und ihren Lakaien gelungen wäre, Rushdie zum Schweigen zu bringen, denn das ist eindeutig nicht der Fall. Aber die Qualitäten, die er so nobel verkörpert und für die er so mutig steht, sind in der Defensive und befinden sich in allen Bereichen der Kultur auf dem Rückzug. Es bleibt eine Tatsache, dass man heute manches nicht sagen oder zeichnen kann, ohne Gefahr zu laufen, dafür Beschimpfungen, Gewalt oder Schlimmeres zu riskieren, und so bleibt denn auch manches ungesagt. Diese Tatsache verweist auf ein kollektives Versagen westlicher Gesellschaften, die vor drei Jahrzehnten, als ein Schurkenstaat einen Schriftsteller zur Zielscheibe einer Morddrohung machte, dies nicht als die Warnung verstanden, als die sie sich tatsächlich erweisen sollte.

          Wenn die Fatwa gegen Rushdie ein Schuss vor den Bug der westlichen Zivilisation war, dann waren die Anschläge vom 11. September 2001 deren Steigerung. Schon bald folgte eine Reihe von Morden und Mordversuchen an prominenten öffentlichen Persönlichkeiten, die Kritik am Islam geübt hatten. Dazu gehörten der schwule libertäre niederländischen Wissenschaftler und Politiker Pim Fortuyn (der 2002 von einem radikalen Umweltschützer ermordet wurde, nach dessen eigenem Bekunden, um unterdrückte Muslime „zu schützen“); der niederländische Künstler Theo van Gogh (der 2004 am helllichten Tage auf einer Amsterdamer Straße erstochen wurde, wobei der Mörder mit Messerstichen ein Bekennerschreiben an die Brust seines Opfers heftete, in dem er erklärte, die ehemals muslimische Autorin und damalige Politikerin Ayaan Hirsi Ali werde die nächste sein); der dänische Karikaturist Kurt Westegaard (den nur ein in seinem Haus eingerichteter Panikraum vor einem somalischen Muslim rettete, der ihn mit einer Axt ermorden wollte); und der dänische Journalist Lars Hedegaard (der 2013 den Mordversuch eines Angreifers überlebte, welcher sich als Postbote ausgegeben hatte). Geert Wilders, der platinblonde niederländische Populist, lebt in einem kugelsicheren geheimen Haus, seit zwei Männer ihn und Hirsi Ali vor dem Parlamentsgebäude mit Handgranaten zu ermorden versuchten. Charlie Hebdo muss inzwischen jährlich 1,5 Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen ausgeben.

          Dass einige dieser Personen, vor allem Wilders, in ihrer Rhetorik die Grenze zwischen vertretbarer Kritik an einer Religion und blankem Fanatismus gegenüber deren Anhängern überschritten hatten, macht die Taten nicht weniger verwerflich.

          In den letzten Jahren haben wir uns an Berichte gewöhnt, wonach Atheisten und Dissidenten in der einstmals sogenannten „Dritten Welt“ schwere Strafen und den Tod gewärtigen, falls sie religiöse Dogmen in Frage stellen. Aber selbst im Westen steht die Grundlage der Aufklärung, die Meinungsfreiheit, unter Beschuss. Zwei Monate nach meinem Besuch bei dem dänischen Verein wurde ein 42-jähriger Däne wegen Blasphemie angeklagt – ein Delikt, für das seit 1946 dort niemand mehr verurteilt wurde –, und zwar weil er einen Koran verbrannt und dies gefilmt hatte. (1997 verbrannte ein Däne im Fernsehen eine Bibel und wurde nicht dafür verfolgt.)

          Kürzlich bestätigte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Urteil eines österreichischen Gerichts gegen eine Frau, die den Propheten Mohammed einen „Pädophilen" genannt hatte. (Der Gerichtshof erklärte, zur Sicherung der Harmonie zwischen den Kulturen dürfe ein Staat gegen „bewusst beleidigende Äußerungen" vorgehen.) In Polen wurde kürzlich ein Popstar wegen „Religionsbeleidigung" verurteilt, weil er gesagt hatte, die Bibel sei von Menschen geschrieben worden, die „von Wein und dem Rauchen irgendwelcher Kräuter benebelt" gewesen wären. In Spanien wurde ein Comedian wegen „Verletzung religiöser Gefühle" verhaftet, weil er sich auf Facebook mit Ausdrücken aus dem Bereich der Fäkalsprache über die Jungfrau Maria geäußert hatte. Jacob Mchangama und Sarah Mclaughlin, die sich für die Meinungsfreiheit einsetzen, schreiben dazu in Foreign Policy: „Das Blasphemieverbot in europäischen Staaten trägt auch zur Legitimierung von Gesetzen gegen Blasphemie und Religionsbeleidigung in Ländern bei, in denen es bei Blasphemie um Leben und Tod geht.“ Zwanzig Prozent der europäischen Staaten, so berichten sie, kriminalisierten „Blasphemie oder Religionsbeleidigung“.

          Westliche Staaten erniedrigen sich selbst

          Da China seinen Aufstieg zur Weltmacht fortsetzt und eine zunehmend attraktive autoritäre Alternative zur liberalen Demokratie darstellt, verleiten die Verlockungen des riesigen chinesischen Marktes westliche Staaten, Unternehmen und Institutionen dazu, sich selbst zu erniedrigen und ihre angeblichen Werte zu verraten. Als der damalige chinesische Premierminister Hu Jintao 2012 Dänemark besuchte, verhaftete die dänische Polizei einige Aktivisten, die bei einer Demonstration die tibetische Flagge gezeigt hatten. Der Sinologe Isaac Stone Fish berichtet von einer „Epidemie der Selbstzensur an US-Universitäten zum Thema China, die Debatten behindert und Studenten wie auch Wissenschaftler vor Themen zurückschrecken lässt, die der Kommunistischen Partei Chinas unangenehm sein könnten“. Und nur selten findet man heute noch einen Hollywoodfilm, der China kritisiert. Im Gegenteil, bei dem 2012 gedrehten Remake des Spielfilms Die rote Flut (1984) bestand MGM bei der Postproduktion darauf, dass China als der Feind, der in Amerika eindringt, durch das sehr viel weniger glaubwürdige Nordkorea ersetzt wurde.

          Februar 1989: Iranische Frauen protestieren gegen Salman Rushdie und seine „Satanischen Verse“ und fordern seinen Tod

          Es gibt allerdings nur eine Religion, deren Anhänger regelmäßig damit drohen, Menschen wegen der Verletzung ihrer religiösen Gefühle zu ermorden – und diese Drohung auch immer wieder wahr machen. Die lähmende Wirkung, die eine vorbeugende Beschwichtigung religiöser Obskuranten haben kann, lässt sich kaum ermessen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir zu unseren Lebzeiten ein Broadway-Musical sehen könnten, das sich in ähnlicher Weise über die frommen Mythen des Islam lustig machte wie The Book of Mormon über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage. Wie reagierte diese Kirche auf die Show, die auch acht Jahre nach der Uraufführung immer noch allabendlich das Haus am Broadway füllt? Freundliche junge Männer in gut gebügelten weißen Hemden verteilen vor dem Theater Broschüren. Ich habe irgendwie den Verdacht, auf ein The Book of Muhammad fiele die Reaktion weniger versöhnlich aus. (Hier sei angemerkt, dass die Leute, die sich besonders empört über visuelle Darstellungen des Propheten Mohammed geben, oft gar kein Problem damit haben, die abscheulichsten Bilder krummnasiger Juden anzuschauen oder selbst begeistert zu veröffentlichen, die das Blut nichtjüdischer Säuglinge trinken.)

          Salman Rushdie im Juni 2017 in London

          Eine weitere Bedrohung für die Meinungsfreiheit ist die immer beliebtere Vorstellung, Worte und Gewalt seien dasselbe. Eine wachsende Zahl von Progressiven assoziiert schon den Begriff der Meinungsfreiheit mit Rassismus und sieht darin ein Werkzeug der „Privilegierten“ zur Ausübung ihrer Macht. (Sie vergessen tragischer Weise: Das größte Werkzeug politischen Wandels, das alle marginalisierten amerikanischen Gruppen, von den Frauen bis hin zu den Schwulen, in beträchtlichem Maße eingesetzt haben, ist die absolute, uneingeschränkte Meinungsfreiheit.) Inzwischen gehen manche so weit, die Aufklärung als ein Projekt „weißer Vorherrschaft“ zu bezeichnen.

          Die Hohepriester unserer literarischen und journalistischen Welt sind Babyboomer, die in einer Zeit aufwuchsen, als das Eintreten für die Rechte von Menschen mit unpopulären Ansichten ein zentrales Element des Kampfes gegen „den Mann“ bildete. Und dennoch scheinen sie sich zunehmend ihren superklugen Mitarbeitern aus der Millenialgeneration verpflichtet zu fühlen, die es für richtig und tugendhaft halten, jeden, der nicht ihrer Meinung ist, öffentlich an den Pranger zu stellen und seine Karriere zu zerstören. Steve Bannon braucht keine weitere Plattform, um sein pseudointellektuelles populistisches Geschwätz zu verbreiten, aber der New Yorker hätte seine Einladung zu einem Gespräch Bannons mit Chefredakteur David Remnick auf dem Festival der Zeitschrift im vergangenen Jahr nicht zurücknehmen sollen, nachdem einige Mitarbeiter und Prominente dagegen protestiert hatten. (Zu den Persönlichkeiten, die der Redaktion für das New-Yorker-Festival geeignet erschienen, gehörten der Verschwörungstheoretiker und Bashar-Assad-Befürworter Boots Riley, der Impfgegner Jim Carey und die Landesverräterin Chelsea Manning.) Der Zeitschriftenriese Condé Nast lässt seine Autoren Verträge mit „Moralklauseln“ unterschreiben, die es dem Unternehmen erlauben, aus dem Vertrag auszusteigen, falls der Autor „in der Öffentlichkeit zum Gegenstand von Misskredit, Geringschätzung, Klagen oder Skandalen wird“. So institutionalisiert man die Förderung der Karrieren von Mittelmäßigen, Angsthasen und anderen Vertretern sicherer, voraussagbarer, konformistischer Ansichten.

          Als der Chefredakteur der New York Review of Books Ian Buruma es wagte, den Artikel eines kanadischen Radio-DJs zu veröffentlichen, der mehrerer sexueller Übergriffe gegenüber Frauen beschuldigt wurde, erhob sich ein Twitter-Mob gegen ihn und forderte die Entlassung Burumas, der zu unseren größten öffentlichen Intellektuellen gehört. Sie erhielten ihren Skalp und schufen damit einen neuen und gefährlichen Präzedenzfall. Im Zeitalter von #MeToo braucht man nicht einmal eines Sexualdelikts beschuldigt zu werden, um seinen Lebensunterhalt zu verlieren, es reicht schon aus, einen Artikel von jemanden zu veröffentlichen, gegen den solche Anschuldigungen erhoben werden. Ob Burumas ursprüngliche Entscheidung oder seine etwas ungeschickte Erwiderung auf Kritiker in einem wenig später veröffentlichten Interview nun korrekt waren oder nicht: Als Schriftsteller ist es mir sehr viel lieber, wenn in den Redaktionen Menschen arbeiten, die zumindest zu dem Risiko bereit sind, die Grenzen des Korrekten zu überschreiten, als solche, die niemals auch nur in die Nähe dieser Grenzen gelangen, weil sie Angst haben, eine Bande selbsternannter Internetkommissare zu erzürnen.

          Der Drang zu Zensur, ob er nun in der extremen Form von Literaturkritik eines Ayatollah Khomeini daherkommt oder in Gestalt jener Studenten am College of William & Mary, die einen Vertreter der American Civil Liberties Union mit Rufen wie „Liberalismus ist weiße Vorherrschaft“ niederschrien, beweist einen tiefgreifenden Mangel an Vertrauen in die Fähigkeit des Einzelnen, selbst zu denken. Vor allem aber ist dies nicht nur ein Angriff auf die solcherart Zensierten, sondern auf das Recht jedes Menschen, Ideen aufzunehmen. Wer Karikaturen verbieten, die Veröffentlichung des Artikels einer umstrittenen Persönlichkeit verhindern oder ein Gespräch unterbinden möchte, das höchstwahrscheinlich ein Verhör eines schmuddeligen populistischen Bauernfängers durch den Chefredakteur einer liberalen Zeitschrift geworden wäre, der behandelt die intendierten Nutznießer dieser Bemühungen – muslimische Immigranten, das breite Lesepublikum usw. – so, als wären sie leicht zu beeindruckende Kinder. Fürchten die Mitarbeiter des New Yorker, Leute wie Bannon könnten ihre Leser nach rechts rücken lassen? Und falls das so ist, was sagt das dann über ihr eigenes Verständnis ihrer Ideen und Werte aus?

          Zensur behindert die Möglichkeit, andere Menschen zu überzeugen. Progressive wussten das früher einmal. 1963 lud die Yale Political Union den Verfechter der Rassentrennung George Wallace, damals Gouverneur von Alabama, zu einer Debatte auf dem Campus ein. Einige Wochen zuvor hatten Mitglieder des Ku-Klux-Klan einen Sprengstoffanschlag auf eine schwarze Kirche in Birmingham verübt und dabei vier afroamerikanische Schülerinnen getötet. Kingman Brewster, der legendäre liberale Präsident der Yale University, bat die Political Union, ihre Einladung zurückzunehmen, und der Bürgermeister von New Haven erklärte, Wallace sei in seiner Stadt „offiziell unwillkommen“. Pauli Murray, eine afroamerikanische Bürgerrechtlerin, trat dem entgehen. Sie studierte damals Jura und schrieb einen Brief an Brewster, in dem sie darlegte, sie finde die von Wallace befürwortete Rassentrennung zwar abscheulich, aber „die Möglichkeit von Gewalt“ sei „kein zureichender rechtlicher Grund, eine Person an der Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Rechte zu hindern“.

          Perverser Effekt des Zensurkults

          Die Kultur der Zensur übt ihren hinterhältigen Einfluss nicht nur dadurch aus, dass sie Meinungsäußerungen verhindert, sondern auch dadurch, dass sie zu Meinungsäußerungen zwingt. Ihre perversen Effekte zeigen sich nicht nur in dem, was wir nicht sagen, sondern zuweilen auch in dem, was wir sagen. 1990 veröffentliche Rushdie einen Artikel mit dem Titel „Warum ich mich zum Islam bekenne“. Er las sich wie die Nachricht einer Geisel und war auch genau dies. Verständlicherweise verzweifelt und offensichtlich an einem Zellenkoller leidend, bekannte Rushdie: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein letzter Prophet.“ Und er versprach, die Satanischen Verse nicht als Taschenbuch zu veröffentlichen. „Ich war damals geistig verwirrt“, gestand er fast zwei Jahrzehnte später. „Ich war so durcheinander wie noch nie, und Sie können sich nicht vorstellen, welchem Druck ich ausgesetzt war. Ich dachte einfach, ich bringe meine Verbundenheit zum Ausdruck. Aber kaum hatte ich es gesagt, da hatte ich das Gefühl, ich hätte mir selbst die Zunge herausgerissen. Mir wurde klar, dass mein einziger Überlebensmechanismus meine eigene Integrität war.“

          Überall in der literarischen, politischen und kulturellen Landschaft zeigt sich heute ein ähnliches Phänomen wie Rushdies falsches Glaubensbekenntnis, da sich allenthalben langweiliger Konformismus und Herdendenken durchsetzen. 1978 veröffentlichte der tschechische Theaterschriftsteller und Dissident Václav Havel einen wegweisenden Essay mit dem Titel „Versuch, in der Wahrheit zu leben“. Um die verdummenden Effekte des Kommunismus auf den Einzelnen zu demonstrieren, erzählt er dort vom Leiter eines Gemüseladens, der im Schaufenster ein Spruchband mit der Aufschrift „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ anbrachte. Der Gemüsehändler glaubt nicht an das marxistische Glaubensbekenntnis. Er zeigt das Spruchband, „weil das alle so tun, weil das so sein muss. Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen.“ Das Spruchband, so schreibt Havel, vermittelt den Passanten und der ganzen Gesellschaft folgende Botschaft: „Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben.“

          Vieles von dem, was heute als Journalismus und politisches Gespräch durchgeht, ahmt die armselige Selbstverleugnung des Gemüsehändlers nach. Ständig schreiben und sagen Leute Dinge von äußerst zweifelhaftem Wert: „Hannah Gadsby ist lustig“ – „Der Islam ist die Religion des Friedens“ – „Transfrauen sind Frauen“ – „Black Panther verdient einen Oscar als bester Film“. Ganz so, als wären das religiöse Gebetsformeln. Das ganze beklagenswerte Phänomen ist zutiefst totalitären Charakters und wird von den sozialen Medien gefördert, in denen man ständig und unverzüglich korrekte Ansichten und berechtigte Empörung äußern kann in der Hoffnung, die Wölfe auf Distanz zu halten. Wenn man vom Konsens abweicht und nicht die korrekten Sprüche ins „Schaufenster“ hängt, „könnte es Probleme geben“.

          In einem Steckbrief des Schauspielers Rami Malek brachte eine Zeitschrift kürzlich folgende Zusammenfassung seiner Twitter-Aktivitäten: „Lobte die bisexuelle Aktivistin Emma Gonzales und die zu aktiven Gegnern der Waffengesetze gewordenen Parkland-Überlebenden; dankte Christine Blasey Ford für ,die Stärke und den Mut', die sie vor dem Kongress bewiesen hat; rief zu Spenden an die ACLU auf“. Das einzige, was fehlte, war ein nachdenkliches Selfie des rehäugigen Stars mit einem Schild und der Bitte an Boko Haram: #BringBackOurGirls. Die demonstrative Schaustellung von Personalpronomen in den Social-Media-Profilen von Leuten, die nicht transgender sind, ist inzwischen ein modernes Äquivalent zu dem von Havel beklagten Spruchband mit der Aufschrift: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

          Auf die Frage, warum er bereit war, für die Satanischen Verse alles zu riskieren, antwortete Rushdie: „Das Problem ist bedeutender als mein Buch oder mein Leben.“ Eine Gesellschaft, in der wir gedrängt oder gezwungen werden zu verschweigen, was wir glauben oder gedankenlos Dinge nachzuplappern, die wir nicht glauben, hat keinen Wert. Wir sind es uns schuldig, von Rushdie zu lernen und seinen Mut in unserem alltäglichen Leben zu ehren. Die Bedrohung der Meinungsfreiheit kommt nicht nur in Gestalt mörderischer Valentinsgeschenke daher. Sie liegt auch in dem, was wir uns selbst antun.

          James Kirchick ist amerikanischer Journalist und Mitglied der Brookings Institution in Washington. Dieser Text ist im amerikanischen Original zuerst in der Zeitung „Washington Examiner“ erschienen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

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