https://www.faz.net/-gpf-9jze4

Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

  • -Aktualisiert am

Perverser Effekt des Zensurkults

Die Kultur der Zensur übt ihren hinterhältigen Einfluss nicht nur dadurch aus, dass sie Meinungsäußerungen verhindert, sondern auch dadurch, dass sie zu Meinungsäußerungen zwingt. Ihre perversen Effekte zeigen sich nicht nur in dem, was wir nicht sagen, sondern zuweilen auch in dem, was wir sagen. 1990 veröffentliche Rushdie einen Artikel mit dem Titel „Warum ich mich zum Islam bekenne“. Er las sich wie die Nachricht einer Geisel und war auch genau dies. Verständlicherweise verzweifelt und offensichtlich an einem Zellenkoller leidend, bekannte Rushdie: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein letzter Prophet.“ Und er versprach, die Satanischen Verse nicht als Taschenbuch zu veröffentlichen. „Ich war damals geistig verwirrt“, gestand er fast zwei Jahrzehnte später. „Ich war so durcheinander wie noch nie, und Sie können sich nicht vorstellen, welchem Druck ich ausgesetzt war. Ich dachte einfach, ich bringe meine Verbundenheit zum Ausdruck. Aber kaum hatte ich es gesagt, da hatte ich das Gefühl, ich hätte mir selbst die Zunge herausgerissen. Mir wurde klar, dass mein einziger Überlebensmechanismus meine eigene Integrität war.“

Überall in der literarischen, politischen und kulturellen Landschaft zeigt sich heute ein ähnliches Phänomen wie Rushdies falsches Glaubensbekenntnis, da sich allenthalben langweiliger Konformismus und Herdendenken durchsetzen. 1978 veröffentlichte der tschechische Theaterschriftsteller und Dissident Václav Havel einen wegweisenden Essay mit dem Titel „Versuch, in der Wahrheit zu leben“. Um die verdummenden Effekte des Kommunismus auf den Einzelnen zu demonstrieren, erzählt er dort vom Leiter eines Gemüseladens, der im Schaufenster ein Spruchband mit der Aufschrift „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ anbrachte. Der Gemüsehändler glaubt nicht an das marxistische Glaubensbekenntnis. Er zeigt das Spruchband, „weil das alle so tun, weil das so sein muss. Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen.“ Das Spruchband, so schreibt Havel, vermittelt den Passanten und der ganzen Gesellschaft folgende Botschaft: „Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlass, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben.“

Vieles von dem, was heute als Journalismus und politisches Gespräch durchgeht, ahmt die armselige Selbstverleugnung des Gemüsehändlers nach. Ständig schreiben und sagen Leute Dinge von äußerst zweifelhaftem Wert: „Hannah Gadsby ist lustig“ – „Der Islam ist die Religion des Friedens“ – „Transfrauen sind Frauen“ – „Black Panther verdient einen Oscar als bester Film“. Ganz so, als wären das religiöse Gebetsformeln. Das ganze beklagenswerte Phänomen ist zutiefst totalitären Charakters und wird von den sozialen Medien gefördert, in denen man ständig und unverzüglich korrekte Ansichten und berechtigte Empörung äußern kann in der Hoffnung, die Wölfe auf Distanz zu halten. Wenn man vom Konsens abweicht und nicht die korrekten Sprüche ins „Schaufenster“ hängt, „könnte es Probleme geben“.

Weitere Themen

„Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“ Video-Seite öffnen

Repräsentantenhaus gegen Trump : „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“

Präsident Donald Trump hat auf Twitter vier Parlamentarierinnen geraten, sie sollten „dahin zurückgehen, wo sie herkamen, und helfen, diese total kaputten und kriminalitätsverseuchten Orte wieder in Ordnung zu bringen“. Das hat einen Sturm der Empörung unter den Demokraten und vielen Bürgern ausgelöst.

Topmeldungen

AKK zieht ins Kabinett ein : Sie musste springen

Annegret Kramp-Karrenbauer hat es bislang vermieden, den Weg zur Kanzlerkandidatur über das Bundeskabinett zu gehen. Woher kommt der Sinneswandel?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.