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Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

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Als der Chefredakteur der New York Review of Books Ian Buruma es wagte, den Artikel eines kanadischen Radio-DJs zu veröffentlichen, der mehrerer sexueller Übergriffe gegenüber Frauen beschuldigt wurde, erhob sich ein Twitter-Mob gegen ihn und forderte die Entlassung Burumas, der zu unseren größten öffentlichen Intellektuellen gehört. Sie erhielten ihren Skalp und schufen damit einen neuen und gefährlichen Präzedenzfall. Im Zeitalter von #MeToo braucht man nicht einmal eines Sexualdelikts beschuldigt zu werden, um seinen Lebensunterhalt zu verlieren, es reicht schon aus, einen Artikel von jemanden zu veröffentlichen, gegen den solche Anschuldigungen erhoben werden. Ob Burumas ursprüngliche Entscheidung oder seine etwas ungeschickte Erwiderung auf Kritiker in einem wenig später veröffentlichten Interview nun korrekt waren oder nicht: Als Schriftsteller ist es mir sehr viel lieber, wenn in den Redaktionen Menschen arbeiten, die zumindest zu dem Risiko bereit sind, die Grenzen des Korrekten zu überschreiten, als solche, die niemals auch nur in die Nähe dieser Grenzen gelangen, weil sie Angst haben, eine Bande selbsternannter Internetkommissare zu erzürnen.

Der Drang zu Zensur, ob er nun in der extremen Form von Literaturkritik eines Ayatollah Khomeini daherkommt oder in Gestalt jener Studenten am College of William & Mary, die einen Vertreter der American Civil Liberties Union mit Rufen wie „Liberalismus ist weiße Vorherrschaft“ niederschrien, beweist einen tiefgreifenden Mangel an Vertrauen in die Fähigkeit des Einzelnen, selbst zu denken. Vor allem aber ist dies nicht nur ein Angriff auf die solcherart Zensierten, sondern auf das Recht jedes Menschen, Ideen aufzunehmen. Wer Karikaturen verbieten, die Veröffentlichung des Artikels einer umstrittenen Persönlichkeit verhindern oder ein Gespräch unterbinden möchte, das höchstwahrscheinlich ein Verhör eines schmuddeligen populistischen Bauernfängers durch den Chefredakteur einer liberalen Zeitschrift geworden wäre, der behandelt die intendierten Nutznießer dieser Bemühungen – muslimische Immigranten, das breite Lesepublikum usw. – so, als wären sie leicht zu beeindruckende Kinder. Fürchten die Mitarbeiter des New Yorker, Leute wie Bannon könnten ihre Leser nach rechts rücken lassen? Und falls das so ist, was sagt das dann über ihr eigenes Verständnis ihrer Ideen und Werte aus?

Zensur behindert die Möglichkeit, andere Menschen zu überzeugen. Progressive wussten das früher einmal. 1963 lud die Yale Political Union den Verfechter der Rassentrennung George Wallace, damals Gouverneur von Alabama, zu einer Debatte auf dem Campus ein. Einige Wochen zuvor hatten Mitglieder des Ku-Klux-Klan einen Sprengstoffanschlag auf eine schwarze Kirche in Birmingham verübt und dabei vier afroamerikanische Schülerinnen getötet. Kingman Brewster, der legendäre liberale Präsident der Yale University, bat die Political Union, ihre Einladung zurückzunehmen, und der Bürgermeister von New Haven erklärte, Wallace sei in seiner Stadt „offiziell unwillkommen“. Pauli Murray, eine afroamerikanische Bürgerrechtlerin, trat dem entgehen. Sie studierte damals Jura und schrieb einen Brief an Brewster, in dem sie darlegte, sie finde die von Wallace befürwortete Rassentrennung zwar abscheulich, aber „die Möglichkeit von Gewalt“ sei „kein zureichender rechtlicher Grund, eine Person an der Ausübung ihrer verfassungsmäßigen Rechte zu hindern“.

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