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Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

  • -Aktualisiert am
Februar 1989: Iranische Frauen protestieren gegen Salman Rushdie und seine „Satanischen Verse“ und fordern seinen Tod

Es gibt allerdings nur eine Religion, deren Anhänger regelmäßig damit drohen, Menschen wegen der Verletzung ihrer religiösen Gefühle zu ermorden – und diese Drohung auch immer wieder wahr machen. Die lähmende Wirkung, die eine vorbeugende Beschwichtigung religiöser Obskuranten haben kann, lässt sich kaum ermessen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir zu unseren Lebzeiten ein Broadway-Musical sehen könnten, das sich in ähnlicher Weise über die frommen Mythen des Islam lustig machte wie The Book of Mormon über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage. Wie reagierte diese Kirche auf die Show, die auch acht Jahre nach der Uraufführung immer noch allabendlich das Haus am Broadway füllt? Freundliche junge Männer in gut gebügelten weißen Hemden verteilen vor dem Theater Broschüren. Ich habe irgendwie den Verdacht, auf ein The Book of Muhammad fiele die Reaktion weniger versöhnlich aus. (Hier sei angemerkt, dass die Leute, die sich besonders empört über visuelle Darstellungen des Propheten Mohammed geben, oft gar kein Problem damit haben, die abscheulichsten Bilder krummnasiger Juden anzuschauen oder selbst begeistert zu veröffentlichen, die das Blut nichtjüdischer Säuglinge trinken.)

Salman Rushdie im Juni 2017 in London

Eine weitere Bedrohung für die Meinungsfreiheit ist die immer beliebtere Vorstellung, Worte und Gewalt seien dasselbe. Eine wachsende Zahl von Progressiven assoziiert schon den Begriff der Meinungsfreiheit mit Rassismus und sieht darin ein Werkzeug der „Privilegierten“ zur Ausübung ihrer Macht. (Sie vergessen tragischer Weise: Das größte Werkzeug politischen Wandels, das alle marginalisierten amerikanischen Gruppen, von den Frauen bis hin zu den Schwulen, in beträchtlichem Maße eingesetzt haben, ist die absolute, uneingeschränkte Meinungsfreiheit.) Inzwischen gehen manche so weit, die Aufklärung als ein Projekt „weißer Vorherrschaft“ zu bezeichnen.

Die Hohepriester unserer literarischen und journalistischen Welt sind Babyboomer, die in einer Zeit aufwuchsen, als das Eintreten für die Rechte von Menschen mit unpopulären Ansichten ein zentrales Element des Kampfes gegen „den Mann“ bildete. Und dennoch scheinen sie sich zunehmend ihren superklugen Mitarbeitern aus der Millenialgeneration verpflichtet zu fühlen, die es für richtig und tugendhaft halten, jeden, der nicht ihrer Meinung ist, öffentlich an den Pranger zu stellen und seine Karriere zu zerstören. Steve Bannon braucht keine weitere Plattform, um sein pseudointellektuelles populistisches Geschwätz zu verbreiten, aber der New Yorker hätte seine Einladung zu einem Gespräch Bannons mit Chefredakteur David Remnick auf dem Festival der Zeitschrift im vergangenen Jahr nicht zurücknehmen sollen, nachdem einige Mitarbeiter und Prominente dagegen protestiert hatten. (Zu den Persönlichkeiten, die der Redaktion für das New-Yorker-Festival geeignet erschienen, gehörten der Verschwörungstheoretiker und Bashar-Assad-Befürworter Boots Riley, der Impfgegner Jim Carey und die Landesverräterin Chelsea Manning.) Der Zeitschriftenriese Condé Nast lässt seine Autoren Verträge mit „Moralklauseln“ unterschreiben, die es dem Unternehmen erlauben, aus dem Vertrag auszusteigen, falls der Autor „in der Öffentlichkeit zum Gegenstand von Misskredit, Geringschätzung, Klagen oder Skandalen wird“. So institutionalisiert man die Förderung der Karrieren von Mittelmäßigen, Angsthasen und anderen Vertretern sicherer, voraussagbarer, konformistischer Ansichten.

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