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Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

  • -Aktualisiert am

Für diesen Mut angesichts der Verfolgung durch den führenden staatlichen Sponsor des Terrorismus in der Welt verdient Rushdie Beifall. Seine öffentliche Sichtbarkeit darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er letztlich verloren hat. Mit „verloren“ meine ich nicht, dass es den Ayatollahs und ihren Lakaien gelungen wäre, Rushdie zum Schweigen zu bringen, denn das ist eindeutig nicht der Fall. Aber die Qualitäten, die er so nobel verkörpert und für die er so mutig steht, sind in der Defensive und befinden sich in allen Bereichen der Kultur auf dem Rückzug. Es bleibt eine Tatsache, dass man heute manches nicht sagen oder zeichnen kann, ohne Gefahr zu laufen, dafür Beschimpfungen, Gewalt oder Schlimmeres zu riskieren, und so bleibt denn auch manches ungesagt. Diese Tatsache verweist auf ein kollektives Versagen westlicher Gesellschaften, die vor drei Jahrzehnten, als ein Schurkenstaat einen Schriftsteller zur Zielscheibe einer Morddrohung machte, dies nicht als die Warnung verstanden, als die sie sich tatsächlich erweisen sollte.

Wenn die Fatwa gegen Rushdie ein Schuss vor den Bug der westlichen Zivilisation war, dann waren die Anschläge vom 11. September 2001 deren Steigerung. Schon bald folgte eine Reihe von Morden und Mordversuchen an prominenten öffentlichen Persönlichkeiten, die Kritik am Islam geübt hatten. Dazu gehörten der schwule libertäre niederländischen Wissenschaftler und Politiker Pim Fortuyn (der 2002 von einem radikalen Umweltschützer ermordet wurde, nach dessen eigenem Bekunden, um unterdrückte Muslime „zu schützen“); der niederländische Künstler Theo van Gogh (der 2004 am helllichten Tage auf einer Amsterdamer Straße erstochen wurde, wobei der Mörder mit Messerstichen ein Bekennerschreiben an die Brust seines Opfers heftete, in dem er erklärte, die ehemals muslimische Autorin und damalige Politikerin Ayaan Hirsi Ali werde die nächste sein); der dänische Karikaturist Kurt Westegaard (den nur ein in seinem Haus eingerichteter Panikraum vor einem somalischen Muslim rettete, der ihn mit einer Axt ermorden wollte); und der dänische Journalist Lars Hedegaard (der 2013 den Mordversuch eines Angreifers überlebte, welcher sich als Postbote ausgegeben hatte). Geert Wilders, der platinblonde niederländische Populist, lebt in einem kugelsicheren geheimen Haus, seit zwei Männer ihn und Hirsi Ali vor dem Parlamentsgebäude mit Handgranaten zu ermorden versuchten. Charlie Hebdo muss inzwischen jährlich 1,5 Millionen Euro für Sicherheitsmaßnahmen ausgeben.

Dass einige dieser Personen, vor allem Wilders, in ihrer Rhetorik die Grenze zwischen vertretbarer Kritik an einer Religion und blankem Fanatismus gegenüber deren Anhängern überschritten hatten, macht die Taten nicht weniger verwerflich.

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