https://www.faz.net/-gpf-9jze4

Westen und Meinungsfreiheit : Die freie Welt legt sich selbst einen Maulkorb an

  • -Aktualisiert am

Solch ein gegen sich selbst gerichteter Humor mag ein Bewältigungsmechanismus für jemanden sein, der dazu verdammt ist, sich für den Rest seines Lebens zu verstecken. Doch Vilks' bewundernswerte Fähigkeit, solche Bedrängnis mit einem Lächeln zu ertragen, sollte uns nicht über die fürchterliche Lage hinwegtäuschen, in der er, Rose und mehrere andere Künstler, Schriftsteller und öffentliche Persönlichkeiten, sich befinden. Dreißig Jahre, nachdem der oberste geistliche Führer Irans, Ayatollah Ruhollah Khomeini, ein Todesurteil über Salman Rushdie wegen dessen Roman Satanische Verse verhängte, leben in kosmopolitischen, liberalen westlichen Städten immer noch manche Menschen nur wegen ihrer Worte oder Bilder unter Todesdrohungen.

Dass es diese unerträglichen Zustände auch im 21. Jahrhundert noch gibt, muss als Affront nicht nur gegen diese einzelnen Personen angesehen werden, sondern gegen jeden, der in einer freien Gesellschaft leben will. Denn hier ist nicht nur deren persönliche Sicherheit in Gefahr, sondern unser aller Freiheit. Solidarität mit Schriftstellern und Künstlern zu zeigen, die unter Gewalt und Unterdrückung leiden, ob nun durch einzelne religiöse Fanatiker oder durch Staaten oder, wie bei Salman Rushdie, durch beide, ist eine Pflicht für jeden, der von sich behauptet, er glaube an unsere bedeutsamste Freiheit, die Meinungsfreiheit. Die Tagung zur Meinungsfreiheit, auf der Vilks 2015 beinahe getötet worden wäre, fand am Jahrestag der Fatwa statt und war Ausdruck dieser Verpflichtung. (Die am 14. Februar 1989 erlassene Fatwa war das genaue Gegenteil eines Valentinsgeschenks.) Vilks und Rushdie haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass sie beide auf einer Liste der Top-Anschlagsziele erschienen, die Al Qaida 2011 in seinem englischsprachigen Hetzmagazin Inspire veröffentlichte. Gleichfalls auf dieser Liste stand Stéphane „Charb“ Charbonnier, Herausgeber des Satiremagazins Charlie Hebdo, der 2015 zusammen mit zehn Kollegen von islamistischen Terroristen ermordet wurde.

Rushdie lehnt sich gegen die Fatwa auf

Rushdie lebt glücklicherweise noch, und es geht ihm gut. (Das kann man von seinem japanischen Übersetzer leider nicht sagen und auch nicht von den 37 Menschen, die auf einem türkischen Literaturfestival nur wegen ihrer – noch so geringfügigen – Verbindung zu dem britischen Autor ermordet wurden.) Rushdie versteckt sich inzwischen nicht mehr und scheint ein reges geselliges Leben zu führen. Dass der frühere iranische Präsidenten Mohammed Khatami 2015 erklärte, die Fatwa sei „beendet“, täuschte offenbar niemanden. Noch 2016 erhöhten 40 staatliche iranische Medien das von der Islamischen Republik für Rushdies Ermordung ausgelobte Kopfgeld in Millionenhöhe um weitere 600.000 Dollar. Dennoch lässt Rushdie nicht zu, dass die Fatwa sein Leben beherrscht oder ihn daran hindert, seine literarische Arbeit fortzuführen und über eine Vielzahl umstrittener Themen zu sprechen, zu denen in vorderster Linie auch die Bedrohung der Meinungsfreiheit gehört.

Weitere Themen

Frankreich ratifiziert Freihandelsabkommen Video-Seite öffnen

EU mit Kanada : Frankreich ratifiziert Freihandelsabkommen

Das Abstimmungsergebnis fiel am Dienstag aber, mit 266 Stimmen dafür und 213 dagegen, knapper aus, als gedacht. Die deutsche Wirtschaft würdigte das Votum als wichtigen Meilenstein.

Verfassungsgericht urteilt zu Meinungsfreiheit

Schmähkritik : Verfassungsgericht urteilt zu Meinungsfreiheit

Weil ein Mann die Verhandlungsführung einer Richterin mit nationalsozialistischen Sondergerichten und Hexenprozessen verglichen hatte, wurde er wegen Beleidigung verurteilt. Das Bundesverfassungsgericht sieht in seinen Äußerungen keine Schmähkritik.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.