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Mikro-Multilateralismus : Retten Städte die UN-Ideale?

  • -Aktualisiert am

Ein Häuserblock in Peking. Mit über 21 Millionen Einwohnern ist Chinas Hauptstadt eine Megastadt. Bild: dpa

Im Jahr 2050 werden laut Berechnungen 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Sind Städte damit in der Lage, internationale politische Probleme zu lösen? Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Staaten stehen als Schlüsselakteure des internationalen Systems im Zentrum der Charta der Vereinten Nationen. Die Kooperation von drei Staaten in einem gemeinsamen Interessenfeld wird dabei als multilaterales Handeln definiert. Zunehmend sind Staaten heute jedoch durch interne politische Spaltungen und die Rivalitäten zwischen Großmächten blockiert und handlungsunfähig. Folglich versagen sie bei der gemeinsamen Lösung von Problemen. Dieses Vakuum besetzen mittlerweile verstärkt Akteure unterhalb der nationalstaatlichen Ebene. Sie erfüllen nun die in der UN Charta definierten Kernfunktionen und definieren dabei effiziente Zusammenarbeit auf transnationaler Ebene neu, in einem Rahmen, den wir Mikro-Multilateralismus nennen möchten.

          Obwohl von der UN Charta als eigenständige Akteure nicht explizit beschrieben, haben sich Städte dennoch zu besonders fähigen Triebkräften des Mikro-Multilateralismus entwickelt. Mit 70 Prozent der Weltbevölkerung, die Berechnungen zufolge 2050 in Städten leben werden, lösen sie heute faktisch Probleme, die einmal das Privileg von Staaten waren.

          Zwar fördert das UN System seit Jahrzehnten aktiv die Beziehungen und Zusammenarbeit zwischen Städten (beispielsweise mittels der Nachhaltigen Entwicklungsziele, oder des UN Human Settlements Programme (UN-Habitat) und des UN Safer Cities Programmes), doch waren diese Anstrengungen alle hierarchisch organisiert mit der UN als oberster verbindender Institution. Städte blieben eine Untereinheit des Staates, sie waren keine eigenständigen Akteure.

          Heute sind wir jedoch Zeuge der rapiden Ausbreitung eines anderen Modells der Zusammenarbeit zwischen urbanen Zentren. Städte haben verstanden, dass die Bevölkerungsdichte in urbanen Räumen die negativen Auswirkungen transnationaler Phänomene wie Migration, Klimawandel und die Bedrohungen durch Pandemien und Terrorismus potenzieren und sie deshalb im Vergleich zu anderen Gebieten innerhalb von Nationalstaaten unverhältnismäßig hart betroffen sein werden. Getrieben von diesem neuentdeckten Eigeninteresse und einem Gefühl der Dringlichkeit, schaffen Städte heute ihre eigenen transnationalen Netzwerke. Wichtigstes Beispiel ist derzeit der Kampf gegen den Klimawandel der C40 Cities Climate Leadership Group. 2005 vom damaligen Londoner Bürgermeister Ken Livingstone als lose Koalition von Megastädten ins Leben gerufen, gehören der C40 mittlerweile über 90 Städte mit einer Gesamteinwohnerzahl von 650 Millionen an, darunter Paris, New York, Kairo, Peking, Dhaka und Medellín. Der Zusammenschluss unterhält inzwischen ein permanentes Sekretariat in London, hat an den UN Klimaverhandlungen teilgenommen und lokale, skalierbare Projekte initiiert, die zum Ziel beitragen, den Folgen des Klimawandels etwas entgegenzusetzen.

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