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Die „Neue IRA“ : Zwischen Terrorismus und organisierter Kriminalität

Graffiti in der nordirischen Stadt Londonderry. Bild: AFP

Die Terrogruppe „Neue IRA“ hat sich zur Tötung der Journalistin Lyra McKee im nordirischen Londonderry bekannt. Doch wer steckt hinter der Gruppierung? Ein Überblick.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Die Terrorgruppe „Neue IRA“ hat sich am Dienstag zu der Tötung der irischen Journalistin Lyra McKee in der nordirischen Stadt Londonderry bekannt. In dem Bekennerschreiben, das der Zeitung „Irish News“ in Belfast zugespielt wurde, heißt es: „Im Laufe des Angriffs auf den Feind wurde Lyra McKee tragischerweise getötet, während sie neben den feindlichen Kräften stand.“ Die „Neue IRA“ war bereits zuvor der Tat verdächtigt worden.

          Die nationalistisch-katholische Terrorgruppe „Neue IRA“ war zuletzt für zahlreiche Taten verantwortlich gemacht worden, darunter die versuchten Paketbombenanschläge in London und Glasgow im März des Jahres sowie eine Reihe von Angriffen auf britische Soldaten und Polizisten in den vergangenen Monaten.

          Doch wer steckt hinter dieser Gruppierung? „Allgemein wird die ‚Neue IRA‘ als Splitterorganisation der früheren IRA eingeschätzt, die sich vermutlich 2011/2012 gebildet hat“, sagt Nicolai von Ondarza, Politikwissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), gegenüber FAZ.NET. Jedoch stehe diese Zwitterorganisation mehr zwischen Terrorismus und organisierter Kriminalität. Sie finanziere sich auch über Schmuggel, vermutet von Ondarza.

          Die „Irish Republican Army“ (IRA) hatte bis Ende der neunziger Jahre im Zuge des Nordirland-Konflikts Terror und Schrecken verbreitet. Jahrzehntelang hatten sich Katholiken und Protestanten beziehungsweise irisch gesinnte Republikaner und britisch orientierte Loyalisten bitter bekämpft. Dem Konflikt fielen im Laufe der Jahre etwa 3500 Menschen zum Opfer. Er konnte erst mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 beendet werden.

          Die „Neue IRA“ ging vor allem aus dem Zusammenschluss der „Real IRA“ und einer Art Bürgerwehr namens RAAD hervor, die hauptsächlich in Londonderry gegen mutmaßliche Drogendealer vorging, unter anderem mit „Bestrafungsschüssen" und Rohrbombenangriffen. Die „Real IRA“ war 1997 von früheren Mitgliedern der IRA ins Leben gerufen worden, die unzufrieden mit der erzielten Waffenruhe und dem Friedensprozess waren.

          Zulauf aus ärmeren Gegenden

          Nach Einschätzung der irischen Behörden hat die „Neue IRA“ rund 200 Mitglieder. Von Ondarza schätzt, dass sie etwa zwischen 20 bis 50 Jahre alt sind. Unter ihnen dürften also sowohl solche sein, die noch vor dem Karfreitagsabkommen militärisch ausgebildet und im Bombenbau unterwiesen worden sind, als auch jüngere, die damals womöglich noch nicht einmal geboren waren. Es wird vermutet, dass die Jüngeren häufig aus ärmeren Gegenden kommen, wie etwa dem Ortsteil Creggan in Londonderry, wo die Journalistin McKee am vergangenen Donnerstag in die Schusslinie geraten war. 

          Insgesamt habe die „Neue IRA“ ohnehin vor allem in Londonderry Unterstützer, weil sich die mehrheitlich katholische Bevölkerung von der Regierung der britischen Provinz diskriminiert fühle, sagt Kieran McConaghy vom Zentrum für Terrorismusforschung an der Universität St. Andrews. Auch im Norden von Belfast und in der Grafschaft Armagh an der Grenze zu Irland leben demnach Mitglieder der Gruppe.

          Thomas Leahy, Dozent an der Universität Cardiff für Britische und Irische Politik und Geschichte und spezialisiert auf den Nordirlandkonflikt, geht davon aus, dass viele der jüngeren Mitglieder der „Neuen IRA“ aufgrund des familiären Einflusses eingetreten seien. „Wenn man sich den familiären Hintergrund anschaut, ist häufig erkennbar, dass weitere Familienmitglieder den Friedensprozess ablehnen oder einen militanten irischen Republikanismus verfolgen.“

          Laut Leahy besteht ein kleiner Teil der Gruppierung auch aus Menschen, die unzufrieden mit den aktuellen Ereignissen in Nordirland sind. „Die Mitglieder der ‚Neuen IRA‘ sind vor allem Menschen, die der Meinung sind, dass die Verwendung von Gewalt und Zwang der geeignete Weg ist, um England aus Nordirland zu vertreiben. Sie glauben auch, dass die Geschichte das rechtfertigt“, sagt Leahy.

          Die „Neue IRA“ lehnt das Friedensabkommen von 1998 ab und strebt, wie auch schon die IRA, ein vereintes Irland an. Damit steht sie den Protestanten britischer Abstammung gegenüber, die Nordirland weiterhin unter britischer Kontrolle sehen wollen. Leahy schätzt jedoch den Friedensprozess als ziemlich stabil ein. Der Großteil der Nordiren habe „aus der Geschichte, besonders der jüngeren Geschichte gelernt und gesehen, dass Gewalt nicht der geeignete Weg ist, um seine Ziele zu erreichen. Gewalt würde lediglich das bisher Erreichte zu Nichte machen“, sagte Leahy. Auch Politikwissenschaftler von Ondarza ist der Meinung, dass man noch weit von dem früheren Zustand entfernt sei, „aber doch ein spürbarer Bruch“ sichtbar sei. 

          Auch der Brexit und die damit verbundene Debatte über die Folgen einer möglichen harten Grenze zwischen Irland und Nordirland spiele dabei eine Rolle. „Kommt es wieder zu einer Rückkehr der sogenannten ‚Direct Rules‘, also dass London für Nordirland entscheidet, wird das sicherlich zu einem Wachsen der Spannung beitragen“, sagt von Ondarza.

          Als noch problematischer stuft er aber die Rolle der DUP, der größten protestantischen und unionistischen Partei Irlands, ein. „Diese sind nach den Wahlen 2017 zum Mehrheitsbeschaffer von Theresa May in London geworden und haben in der britischen Politik immer mehr an Bedeutung gewonnen.“ Dies habe aus Sicht der Nationalisten in Nordirland das Vertrauen in die britische Regierung geschwächt – denn die Positionen der DUP werde in London ihrer Ansicht nach zu stark berücksichtigt.

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