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Wahl in der Ukraine : Wer könnte neuer Präsident werden?

  • Aktualisiert am

Bild: dpa, F.A.Z.-Kombo

Am Sonntag wählt die Ukraine ihren künftigen Präsidenten. 39 Kandidaten treten an. Doch eine realistische Chance zu gewinnen, haben nur drei von ihnen.

          39 Kandidaten treten in der Ukraine zur Präsidentschaftswahl am Sonntag an. Damit ist in dem Land, das in die EU strebt, die Auswahl so groß wie nie. Zwei Hauptthemen prägen den Wahlkampf: die Armut und der Krieg mit den von Russland unterstützten Separatisten im ostukrainischen Donbass.

          Sollten die 30 Millionen Stimmberechtigten keinem Kandidaten eine Mehrheit verschaffen, kommt es am Ostersonntag (21. April) zu einer Stichwahl. Chancen, die Wahl zu gewinnen, werden nur drei Kandidaten eingeräumt: dem Amtsinhaber Petro Poroschenko, dem Komiker Wolodymyr Selenskyj und der früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Doch wer sind die drei?

          Petro Poroschenko

          Der 53 Jahre als Amtsinhaber wird nicht wegen seiner Körperfülle scherzhaft auch „Schokozar“ genannt. Er hat es vielmehr mit einem Süßwarenimperium zu einem Vermögen gebracht. Zwar hatte Poroschenko nach seinem Wahlerfolg 2014, als er im ersten Wahlgang mit knapp 55 Prozent gewann, versprochen, seine Geschäfte aufzugeben. Doch sieht er sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, die Zahl seiner „Roshen“-Läden noch deutlich erhöht zu haben. Die Basis der Holding im westukrainischen Winnyzja legte schon Poroschenkos Vater, ein Funktionär der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion.

          Poroschenko, Vater von vier Kindern und verheiratet, droht eine Niederlage bei der Wahl. Aus Sicht vieler Ukrainer hat er die Erwartungen nach den prowestlichen Protesten in Kiew und dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch nicht erfüllt. Zwar ermöglichte er das visafreie Reisen in die EU. Aber vielen fehlt dafür das Geld.

          Petro Poroschenko

          Poroschenkos Wahlkampflosung „Armee, Sprache, Glaube“ zeigt auch, wo die Probleme liegen: Der Krieg im Osten des Landes ist – anders als zum Amtsantritt versprochen – nicht beendet. Auch dass er die extrem verbreitete russische Sprache samt der an Moskau orientierten Kirche massiv zurückdrängen will, bringt ihm nicht nur Zustimmung ein.

          Im politischen Geschäft zeigt sich der im südukrainischen Bolgrad bei Odessa geborene Poroschenko wandlungsfähig. Einst Mitgründer der inzwischen zerfallenen moskaufreundlichen Partei der Regionen, vertritt er heute einen strikt antirussischen Kurs. Sein Ziel ist ein EU- und Nato-Beitritt. „Weg von Moskau“ ist die Devise des ausgebildeten Juristen, der für verschiedene Parteien im Parlament saß und auch schon als Außen- und Wirtschaftsminister arbeitete.

          Wolodymyr Selenskyj

          Der 41 Jahre alte Schauspieler, der in der Comedy-Serie „Sluha narodu“ – auf Deutsch: „Diener des Volkes“ – schon den Präsidenten gespielt hat, ist als Neuling auch Hoffnungsträger vieler junger Ukrainer. Der politische Quereinsteiger mit der rauchig-warmen und durchdringenden Stimme beherrscht die Spielarten von staatstragend bis bodenständig meisterhaft.

          Seit der jungenhafte, sportliche Mann, Vater von zwei Kindern, in der Silvesternacht seine Kandidatur ankündigte, bekommt er für seine Rolle noch mehr Applaus. In Umfragen lässt der „Clown aus Krywyj Rih“, wie er sich selbstironisch in seinen Wahlkampfspots bezeichnet, alle anderen hinter sich.

          Wolodymyr Selenskyj

          Begonnen hat der ausgebildete Jurist mit einer studentischen Humoristentruppe. Mehrere Jahre lebten sie in der russischen Hauptstadt Moskau und traten in anderen früheren Sowjetrepubliken auf.

          Anders als Poroschenko will Selenskyj auf Russland zugehen. Der Medienstar, der seit 2003 durch eine Samstagabendshow führt, kann sich einen russischsprachigen Fernsehkanal vorstellen und setzt sich überhaupt für Freiheit der Sprachwahl ein. Auch er steht für einen EU-Kurs. Die Zustimmung für einen Nato-Beitritt will er aber über ein Referendum ausloten lassen. Kritiker halten Selenskyj für eine Marionette des Oligarchen Igor Kolomojskij, auf dessen Fernsehsender „1+1“ seine Show läuft.

          Julia Timoschenko

          Im dritten Anlauf will die 58 Jahre alte Veteranin der ukrainischen Politik endlich zur ersten Präsidentin des Landes gewählt werden. In ihrer Heimatstadt Dnipropetrowsk stieg sie über Beziehungen in den russisch-ukrainischen Gashandel ein. Ein Millionenvermögen und ihr Lebensstil brachten ihr den Spitznamen „Gasprinzessin“ ein. Zweimal war sie Regierungschefin, mischte immer vorne mit, vor allem aber wurde sie – damals noch mit dem für sie typischen geflochtenen Haarkranz – 2014 zu dem Gesicht der prowestlichen „Revolution in Orange“.

          Julia Timoschenko

          Überworfen hat sich Timoschenko mit vielen in der Politik, auch mit Poroschenko, den sie im Fall eines Wahlsieges ins Gefängnis bringen will. Dort saß sie selbst schon. 2011 wurde sie in einem politisch motivierten Prozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Sie musste sich gegen den Vorwurf wehren, sie habe sich von Russland über den Tisch ziehen lassen und zu teure Gasverträge abgeschlossen. Es war schon ihr zweiter Gefängnisaufenthalt nach Vorwürfen der Steuerhinterziehung im Jahre 2001.

          Im Februar 2014 kam die Politikerin nach dem Sturz ihres Widersachers Viktor Janukowitsch wieder frei. Die Mutter einer Tochter verlor jedoch bei den vorgezogenen Wahlen gegen Petro Poroschenko. Seit Herbst 2014 steht sie der mit 20 Abgeordneten kleinsten Parlamentsfraktion ihrer Vaterlandspartei vor. Sie kämpft für ein Comeback. In Umfragen liefert sie sich mit dem Amtsinhaber ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Einzug in die Stichwahl.

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