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Wendepunkt Manbidsch : Wer kämpft wo gegen wen in Syrien?

  • Aktualisiert am

Mitglieder der kurdischen Sicherheitskräfte stehen auf einem Fahrzeug in der Stadt Manbidsch. (Archivbild) Bild: dpa

Regierungstruppen marschieren mit kurdischer Zustimmung in Manbidsch ein: Im Syrienkrieg deutet sich eine grundlegende Wende an. Der Gewinner ist Präsident Baschar al Assad. Doch es gibt auch noch andere Akteure. Ein Überblick.

          Vor einer drohenden Offensive der Türkei im Norden Syriens soll die syrische Armee Truppen in die bisher von der Kurdenmiliz YPG beherrschte Stadt Manbidsch verlegt haben. Das Generalkommando der Armee teilte am Freitag mit, dass die Truppen ihrer Verpflichtung nachkämen, die staatliche Souveränität auf dem gesamten syrischen Staatsgebiet sicherzustellen.

          Das amerikanische Militär hat den Angaben aus Damaskus allerdings widersprochen, wonach die syrische Armee in die nordsyrische Stadt Manbidsch einmarschiert sei. Die amerikanisch geführte Koalition habe keine Anzeichen für einen militärischen Führungswechsel in Manbidsch, sagte der Sprecher des Zentralkommandos, Earl Brown, am Freitag in Washington.

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte schon lange mit einer Offensive gegen die YPG in der Region Manbidsch gedroht, diese aber vergangene Woche erstmals verschoben.

          Im Falle eines tatsächlichen Einrückens in die nordsyrische Stadt, wäre es das erste Mal seit sechs Jahren, dass sich syrische Streitkräfte in der 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernten Stadt befinden. Dort sei nun die syrische Nationalflagge gehisst worden, teilte ein Armeesprecher im syrischen Staatsfernsehen mit. Größter Profiteur der kritischen Lage zwischen den Kurden und der Türkei wäre somit der syrische Präsident Baschar al Assad, der auf die nordsyrischen Gebiete wenig Zugriff hatte. Das könnte ein Wendepunkt im Syrienkrieg sein. Aber welche Akteure hängen mit den Konflikten innerhalb des Landes zusammen und wer verfolgt welche Interessen? Ein Überblick.

          Syrische Regierung

          Assads Anhänger beherrschen fast den gesamten westlichen Teil des Landes von Aleppo im Norden über das Zentrum um die Hauptstadt Damaskus bis zur Stadt Daraa im Süden, wo der Aufstand im Frühjahr 2011 begonnen hatte. Regierungstreue Kräfte beherrschen damit den größten Teil der verbliebenen Einwohner und die wichtigsten Städte. Dabei stützt sich Assad nicht nur auf die regulären Streitkräfte, sondern auch auf Verbündete. Dazu gehören örtliche Milizen, die oft von Kriegsherren kommandiert werden, sowie vom Iran unterstützte ausländische Schiitenmilizen wie die Hisbollah aus dem Libanon. Russlands Streitkräfte unterstützen Assad mit Luftangriffen.

          Rebellen

          Eine ihrer letzten verbliebenen Hochburgen ist die Region um die Stadt Idlib im Nordwesten Syriens. Eine der stärksten bewaffneten Gruppen dort ist die Organisation Tahrir al-Scham (HTS), die früher zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehörte. In dem Gebiet leben auch mehr als eine Millionen Menschen, die aus anderen Regionen vor den Assad-Truppen geflohen sind. Die humanitäre Lage ist schwierig.

          Die Türkei

          Gemeinsam mit sunnitischen syrischen Rebellen beherrschen Ankaras Truppen ein Gebiet nördlich von Idlib rund um die Stadt Afrin. Die türkische Armee war hier im Frühjahr einmarschiert und hatte die Kurdenmiliz YPG vertrieben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan droht nun mit einer neuen Offensive gegen die Kurden weiter östlich in Nordsyrien.

          Die Kurden

          Sie beherrschen große Gebiete im Norden und Osten Syriens und haben eine Selbstverwaltung errichtet. Die Kurdenmiliz YPG führt eine Koalition an, zu der auch lokale arabische Gruppen gehören. Die so genannten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) bekämpfen nahe der Grenze zum Irak einer der letzten Bastionen des IS. Die Kurden kontrollieren auch die wichtigsten Ölvorräte des Bürgerkriegslandes. Mit Blick auf einen möglichen Angriff der Türken überließen sie jetzt die Stadt Manbidsch den Regierungstruppen.

          Die Vereinigten Staaten

          Washington hat etwa 2000 Mann im Land, die die YPG und SDF unterstützen, unter anderem mit Ausbildung. Als Hauptziel nennen sie die Zerschlagung des IS. Die Vereinigten Staaten führen auch eine internationale Koalition an, die Luftangriffe auf die Extremisten fliegt. Die amerikanischen Truppen sollen in den kommenden Monaten aus Syrien abgezogen werden, was die Kurdenmilizen für einen türkischen Angriff verwundbar machen würde. Sie fühlen sich von den Vereinigten Staaten im Stich gelassen. Im Westirak, also in Grenznähe zu Syrien, will das amerikanische Militär zwei Basen aufbauen, um notfalls von dort in Kämpfe gegen den IS einzugreifen.

          Der Islamische Staat

          Die Terrormiliz Islamischer Staathat ihr früheres Herrschaftsgebiets fast vollständig verloren. Im Osten kontrolliert sie noch ein kleines Gebiet im Tal des Euphrat-Flusses. In den Wüstenregionen Syriens und auch des Iraks sind aber noch Zellen aktiv, die Terroranschläge verüben. Zudem sitzen mehrere Tausend IS-Kämpfer in kurdischen Gefängnissen. Ihr Schicksal ist unklar.

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