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Neue Präsidentin Čaputová : Das slowakische Experiment

Čaputová, geschiedene Mutter zweier Töchter, ist liiert mit dem Fotografen und Musiker Petr Konečný, den sie im Wahlkampf als ihre große Stütze bezeichnete. Bild: EPA

Noch vor wenigen Monaten war Zuzana Čaputová kaum bekannt in der Slowakei. Wer ist diese Frau, die quasi aus dem Stand heraus in das höchste Staatsamt gewählt wurde?

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          Auf Slowakisch, aber auch in den Minderheitensprachen der Ungarn, Tschechen, Ruthenen und Roma dankte Zuzana Čaputová am Samstagabend in der alten Markthalle von Pressburg (Bratislava) ihren Anhängern und Unterstützern. Die skandierten ihren Vornamen und jubelten in Sprechchören der Frau zu, die die Stichwahl für das Amt des Präsidenten deutlich gewonnen hatte und die künftig als erstes weibliches Staatsoberhaupt die Slowakei repräsentieren wird.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Das Verbindende hervorzuheben war ebenfalls das Motiv ihrer kurzen Ansprache. Sie wolle auch für die da sein, deren Vertrauen sie bislang noch nicht gewonnen habe. Ihr Wahlergebnis zeige, dass es gelingen könne, den „Damm“ zwischen Konservativen und Liberalen zu überwinden.

          Sie konnte den Vorsprung ins Ziel retten

          Noch vor wenigen Monaten war die 45 Jahre alte Rechtsanwältin weithin unbekannt gewesen. Die Partei „Progressive Slowakei“, zu deren Vizepräsidentin sie Anfang 2018 gewählt wurde, ist neu und (noch) nicht im Parlament vertreten. Sosehr ihre Wahl also eine politische Sensation ist, so wenig war sie nun nach der ersten Runde der Präsidentenwahl noch eine Überraschung.

          Aus der war sie vor zwei Wochen mit einem gewaltigen Vorsprung hervorgegangen. Mit 40 Prozent hatte sie mehr als doppelt so viele Stimmen erhalten wie Maroš Šefčovič, der Kandidat der Regierungspartei Smer, der sich nur knapp in die Stichwahl hatte retten können. Die Frage, ob sie diesen Vorsprung auch ins Ziel würde retten können, ist nun beantwortet: Sie konnte.

          Čaputovás Präsidentschaft wird ein Experiment sein in einem Land, in dem Kirchenbindung, traditionelle Werte und konservative Ansichten bislang als prägend galten und auch von den Repräsentanten der als sozialdemokratisch firmierenden Smer zumindest verbal hochgehalten wurden.

          In den Diskussionsrunden vor der Wahl erregte Čaputová unter anderem damit Aufsehen, dass sie die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare befürwortete – eine Haltung, die auf starke Kritik der katholischen Kirche stieß. Dass nun eine Mehrzahl der Slowaken diese Positionen ebenfalls unterstützen, wird man wohl weniger aus dem Wahlergebnis ableiten können als dass sie einer Kandidatin dafür Respekt zollten, eine Haltung zu vertreten, die gewiefte Spin-Doktoren als „tödlich“ bezeichnen würden.

          Čaputová, geschiedene Mutter zweier Töchter, ist liiert mit dem Fotografen und Musiker Petr Konečný, den sie im Wahlkampf als ihre große Stütze bezeichnete. In ihrer Heimatstadt Bratislava hat sie an der Comenius-Universität Jura studiert und als Rechtsanwältin praktiziert. Ein Schwerpunkt lag bei Umweltfragen. So focht sie letztlich erfolgreich in Bürgerinitiativen und Gerichtsverfahren gegen eine Mülldeponie.

          In einer NGO setzte sie sich mit anderen dafür ein, Amnestien aufzuheben, die der einstige starke Mann der Slowakei, Vladimír Mečiar, einst durchgesetzt hatte. Da lernte sie bereits die Möglichkeiten kennen, die Bevölkerung zu mobilisieren: 2017 wurden für eine Petition 76.000 Stimmen gesammelt, daraufhin ließ das Parlament die Amnestie fallen. Nun konnte sie eine Million Stimmen auf sich vereinigen.

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