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10 Jahre unabhängiges Kosovo : Wenig Aufbruch, viel Stillstand

  • -Aktualisiert am

10 Jahre Unabhängigkeit: Kinder schwenken in Prishtina kosovarische Flaggen. Bild: AFP

An diesem Wochenende feiert das Kosovo zehn Jahre Unabhängigkeit. Grund zur Freude haben die Einwohner in Europas jüngstem Staat aber eher wenig.

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          Wer sich Prishtina mit dem Flugzeug nähert, kann sie sehen: zwei große Kohlekraftwerke, die der kosovarischen Hauptstadt einen wenig schmeichelhaften Superlativ bescheren. An vielen Tagen im Jahr ist die Luftverschmutzung nirgendwo in Europa schlimmer als hier.

          „Vergiftet uns nicht“, steht auf Protestplakaten frustrierter Bürger, die Angst um ihre Gesundheit haben. Kosovos Regierung reagierte zuletzt mit vereinzelten Fahrverboten für Autos. Doch so lange keine besseren Filter in die Kraftwerke gebaut werden und der Großteil der Menschen im Kosovo nicht aufhört, aus Mangel an preiswerten Alternativen auch daheim mit Kohle zu heizen, dürfte sich nicht viel ändern.

          „Ja, unser Land steht weiterhin vor großen Herausforderungen“, sagt Ministerpräsident Ramush Haradinaj im Gespräch. Er wisse, dass Umwelt- und Luftverschmutzung für sein Land nur zwei Probleme von vielen sind. Arbeitslosigkeit, ein schwacher Rechtsstaat, organisierte Kriminalität, Spannungen zwischen den Volksgruppen – die Liste ist lang.

          Der 49 Jahre alte Regierungschef des knapp zwei Millionen Einwohner zählenden Staates empfängt in diesen Wochen viele internationale Journalisten in seinem Amtssitz, einem Hochhaus am nördlichen Ende des Mutter-Teresa-Boulevards. Auf die herausgeputzte Fußgängerzone im Herzen Prishtinas sind viele Kosovaren stolz. „Wenn es im ganzen Land so schick wäre wie hier, würde es unserem Land besser gehen“, sagt eine Straßenverkäuferin.

          Serbien erkennt das Kosovo immer noch nicht an

          An vielen Ecken erinnern hier jetzt Banner und Flaggen an das zehnjährige Jubiläum des 17. Februars 2008, den Tag, an dem sich das Kosovo von Serbien abspaltete und die eigene Unabhängigkeit ausrief – unter dem Protest Serbiens, das sich auch heute noch gegen eine Anerkennung der einstigen Provinz sperrt.

          Weltweit haben bisher 116 Staaten den jüngsten Staat Europas anerkannt. „Newborn“, neugeboren, lautet das Motto der Republik, das in Form eines aus sieben Beton-Großbuchstaben bestehenden Denkmals im Zentrum Prishtinas verewigt ist. Zwei Buchstaben sind umgekippt.

          Um Mitglied der Europäischen Union werden zu können, müsse Serbien Kosovos Unabhängigkeit akzeptieren, hat der geschäftsführende deutsche Außenminister Sigmar Gabriel in dieser Woche bei einem Besuch in der Region gesagt. In Prishtina hören sie solche Worte gerne. Die Warnungen, wenn es um die eigene EU-Beitrittsperspektive geht, werden dagegen gerne überhört.

          Während Serbien zuletzt durchaus einige Reform-Hausaufgaben machte und schon 2025 beitreten könnte, dümpelt das Kosovo vor sich hin. Dass die Menschen hier etwa, anders als die Einwohner aller anderen Westbalkan-Staaten, noch immer nicht visafrei in den Schengenraum reisen dürfen, ist, da sind sich die meisten externen Beobachter einig, vor allem der Starrköpfigkeit und fehlenden Kompromissbereitschaft der regierenden Nationalisten in Prishtina zuzuschreiben.

          So konnten sich die Machthaber jahrelang nicht dazu durchringen, ein vereinbartes Grenzabkommen mit Montenegro zu ratifizieren. Auch die Tatsache, dass viele kosovo-albanische Politiker zuletzt immer wieder gegen ein Sondergericht, das sich mit Kriegsverbrechen der albanischen Befreiungsarmee UCK beschäftigen soll, Stimmung machten, wurde international scharf verurteilt.

          „Wir Kosovaren werden die Justiz respektieren, genauso wie in der Vergangenheit auch“, sagt Haradinaj, einst selbst regionaler Befehlshaber der UCK, im Interview und verweist auf seine eigenen Freisprüche in Den Haag 2008 und 2012. Was er nicht erwähnt, ist, dass vor den Urteilen aus Mangel an Beweisen viele Zeugen offenbar massiv eingeschüchtert worden waren. Andere kamen gar unter fragwürdigen Umständen ums Leben.

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