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Radikalisierung von Muslimen : Christenverfolgung nimmt weltweit zu

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Sie haben überlebt: Nigerianischen Christinnen im Präsidentenpalast in Abuja nach ihrer Freilassung am 23. März 2018 Bild: AFP

Über 4100 ermordete Christen verzeichnet der Weltverfolgungsindex für 2018 – ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Am schlimmsten ist die Situation in Nigeria.

          Eine wachsende Radikalisierung von Muslimen und der Aufstieg religiös-nationalistischer Bewegungen in Asien führt nach Darstellung der Hilfsorganisation Open Doors zu verstärkter Christenverfolgung weltweit. Die Zahl der dokumentierten Morde an Christen sei von 2782 im Jahr 2017 auf 4136 im vergangenen Jahr angestiegen, heißt es in dem am Mittwoch in Kelkheim veröffentlichten Weltverfolgungsindex 2019.

          Die jährlich veröffentlichte Rangfolge listet die 50 Staaten mit der stärksten Christenverfolgung auf. Nordkorea – seit 2002 an der Spitze –, Afghanistan und Somalia bleiben weiterhin auf den vorderen Plätzen der Negativ-Liste; Libyen springt von Platz sieben auf vier.

          Christen erführen in immer mehr Ländern Ausgrenzung seitens der Gesellschaft sowie Unterdrückung durch den Staat, heißt es. Eine „alarmierende Zunahme“ bescheinigt Open Doors der Christenfeindlichkeit in China und Indien. China (von Platz 43 auf 27) sei ein Paradebeispiel für wachsende Unterdrückung durch ein immer repressiveres Regime. 2018 seien dort mehr Christen als in jedem anderen Land inhaftiert worden: 1131 gegenüber 134 im Vorjahr.

          Regierungen in der Türkei (26), Burma (18) und Laos (19), mehr als je zuvor aber auch in Indien (10) trieben ihre religiös-nationalistische Agenda voran, um Anhänger der jeweiligen Mehrheitsreligion hinter sich zu scharen und den Druck auf religiöse Minderheiten zu erhöhen, kritisiert die Hilfsorganisation.

          In Indien lasse die hindu-nationalistische Regierungspartei BJP extremistische Gruppen gewähren. So seien im Jahr 2018 Angriffe auf etwa 100 Kirchen und mindestens 12.500 Christen dokumentiert worden. Mehr als 200 Christen wurden wegen ihres Glaubens verhaftet und mindestens zehn getötet.

          Zunehmende Gewalt gegen Christen bescheinigt Open Doors auch militanten Islamisten. Nach Niederlagen im Nahen Osten infiltrierten Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und anderer Gruppierungen Länder wie Libyen und Ägypten (16). Im islamisch dominierten Norden Nigerias (12) seien mit 3731 mehr Christen um ihres Glaubens willen ermordet worden als in allen Ländern zusammen. Auch bei Angriffen auf Kirchen (569) stehe Nigeria an erster Stelle.

          „Die gegenwärtige Situation der verfolgten Christen und anderer Minderheiten ist katastrophal und alarmierend“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Markus Rode. „Wenn Millionen Betroffene keine Chance haben, selbst auf ihre Situation aufmerksam zu machen, dann müssen Politiker und wir als Christen deutlich mehr tun als bisher.“

          Der ehemalige Unions-Fraktionsvorsitzende, Volker Kauder (CDU), äußerte sich besonders besorgt über „die wachsende Unterdrückung gläubiger Christen in China und Indien“. Er forderte, im Dialog mit den Regierungen die Unterdrückung anzusprechen und für die Einhaltung der Religionsfreiheit einzutreten. Der Vorsitzende des Stephanuskreises in der Unions-Fraktion, Heribert Hirte (CDU), forderte ebenfalls einen verstärkten Einsatz der Außenpolitik für die Religionsfreiheit.

          Die Rangliste wird von manchen Experten kritisch gesehen, weil eine Definition von Verfolgung schwierig ist. Open Doors verteidigt sein Vorgehen: Man lehne sich an den Verfolgungsbegriff des UN-Flüchtlingshilfswerks an. In den vergangenen Jahren hatte Open Doors stets eine konkrete Zahl verfolgter Christen genannt – 2018 war von 200 Millionen die Rede. Das unterblieb in diesem Jahr.

          Die Deutsche Bischofskonferenz teilte auf Anfrage mit, dass die Solidarität mit verfolgten Christen ein wichtiger Teil ihrer weltkirchlichen Arbeit sei. Diese umfasse „konkrete Hilfe für diskriminierte Christen ebenso wie politische Gespräche und Öffentlichkeitsarbeit sowie selbstverständlich das Gebet“. Am 26. Dezember – dem Tag des heiligen Stephanus – werde jedes Jahr der Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen begangen.

          2017 hatten die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche gemeinsam den „Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit 2017“ vorgelegt. Der nächste Bericht soll voraussichtlich 2020 erscheinen.

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