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Weltpolitik : Saudi-Arabiens Wiedergeburt als Führungsmacht

In Mekka sollen Hamas und Fatah ihren „Bruderkampf” beilegen Bild: picture-alliance/ dpa

König Abdullah stellt sich Iran entgegen und lädt die rivalisierenden Palästinensergruppen zu einem Versöhnungsgespräch. Das Königreich hat sich als Führungsmacht der arabisch-islamischen Welt zurückgemeldet. Eine Analyse von Rainer Hermann.

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          Saudi-Arabien konferiert mit Iran über den Irak und den Libanon, und König Abdullah lädt die rivalisierenden Palästinenser zu einer Aussprache nach Mekka ein. Fern von ausländischen Einflüssen sollen Hamas und Fatah dort ihre Meinungsverschiedenheiten beilegen. Das Königreich hat sich als Führungsmacht der arabisch-islamischen Welt zurückgemeldet.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Als erstes sichtbares Ergebnis forderte auf saudisches Drängen Teheran die Hizbullah dazu auf, bereits am Abend des ersten Tages die eigentlich auf mehrere Tage angelegten Straßenblockaden im Libanon wieder aufzuheben. Bei den Palästinensern mag auch die Stimme Ägyptens noch gehört werden. Dagegen kann der iranischen Herausforderung in der arabischen Welt offenbar nur Saudi-Arabien entgegentreten.

          Engste Beziehungen zu den Bushs

          Mit den jüngsten Initiativen untermauert Saudi-Arabien seinen Führungsanspruch in der arabischen Welt. Im Gegenzug bietet sich Iran die Chance, über Riad einen indirekten Dialog mit Washington zu führen. An einer weiteren Destabilisierung der Region ist keinem der beiden Golfanrainer gelegen.

          König Abdullah trifft Ali Laridschani

          Daher hatte in der vergangenen Woche zunächst der Generalsekretär des Nationalen Sicherheitsrats Irans, Ali Laridschani, Riad besucht. Unter dem Eindruck der gewalttätigen Auseinandersetzungen im Libanon brach dann der Generalsekretär des saudischen Nationalen Sicherheitsrats, Prinz Bandar Bin Sultan, rasch zu einem Gegenbesuch nach Teheran auf. Bandar ist der saudische Politiker mit den besten Beziehungen nach Washington. Jahrzehnte hatte der Sohn des Kronprinzen und Verteidigungsministers Sultan Bin Abdalaziz als saudischer Botschafter in Washington amtiert und dort engste Beziehungen zur Familie Bush gepflegt.

          Saudi-Arabien handelt zum einen im eigenen Interesse. So hatte König Abdullah am Wochenende Iran davor gewarnt, in sunnitischen Ländern den schiitischen Glauben zu verbreiten. Nie würden sich sunnitische Muslime darauf einlassen, ihre aus der Geschichte abgeleitete Stellung durch eine Hinwendung zum schiitischen Islam aufzugeben, sagte er in einem Interview mit der kuweitischen Zeitung „al Siyasa“. Abdullah dementierte ferner, dass Saudi-Arabien an einer gegen Iran gerichteten Allianz arbeite. Nie werde Saudi-Arabien einen Angriff auf ein anderes Land gutheißen, auch nicht gegen Iran, betonte Abdullah.

          Verhandeln ohne Einflüsterer

          Zum anderen bietet Saudi-Arabien Iran die Chance zu einem indirekten Dialog mit den Vereinigten Staaten. Kurz vor den Treffen von Laridschani und Bandar hatte der irakische Staatspräsident Talabani gesagt, von seinem jüngsten Besuch in Teheran sei er mit dem Eindruck zurückgekehrt, Iran sei dazu bereit, mit Washington über eine Palette von Themen zu verhandeln, die von Afghanistan über den Irak bis in den Libanon reichten. Zur selben Zeit äußerte der iranische Präsident Ahmadineschad in einer Fernsehansprache, seine Regierung setze alles daran, eine weitere Resolution des UN-Sicherheitsrats gegen die Islamische Republik zu verhindern.

          Seit der Wahlschlappe im Dezember verzichtet Ahmadineschad auf seine frühere radikale Rhetorik. Zuletzt sagte am Sonntag der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Mohammad Ali Hosseini, Teheran habe von amerikanischen Politikern und Beamten eine schriftliche Botschaft zur Beilegung der bilateralen Meinungsverschiedenheiten erhalten. Auf Details ging er nicht ein.

          Trotz der guten Dienste Saudi-Arabiens ist dem Königreich vor allem daran gelegen, seine Rolle als Führungsmacht der arabischen Welt und des Islams zu unterstreichen. Gegen Iran zielte die Formulierung im Brief König Abdullahs an die Fatah und die Hamas, der innerpalästinensische Machtkampf diene nur „den Feinden des Islams und der Araber“. So hatte Laridschani in Damaskus mit Hamas-Führer Meschal konferiert, bevor dieser mit dem Palästinenserpräsidenten Abbas von der Fatah zusammenkam. In Mekka sollen nun Fatah und Hamas ohne iranische Einflüsterer verhandeln.

          Die Hamas von Syrien lösen

          Dort soll die Hamas die islamische Oberhoheit Saudi-Arabiens anerkennen und aus dem syrischen Einflussbereich herausgelöst werden. An der Seite Irans konterkariert Syrien den saudischen Führungsanspruch gleich zweifach: In Palästina, wo Damaskus die radikale Hamas unterstützt, und im Libanon, wo Saudi-Arabien die Sunniten von Ministerpräsident Siniora unterstützt, Syrien aber die schiitische Opposition der Hizbullah.

          Die erhöhte Präsenz der saudischen Diplomatie fällt in eine Zeit, in der sich Ägypten über die iranische Einmischung im Irak zunehmend frustriert zeigt. Teheran versuche, Kairo von der irakischen Politik fernzuhalten, berichtete jüngst die staatliche Tageszeitung al Ahram unter Berufung auf Regierungsquellen. In einem Leitartikel beschuldigte der Chefredakteur von Ahram die Islamische Republik Iran, sie wolle mit der Missionierung unter sunnitischen Muslimen das schiitische Reich der Safawiden wiederherstellen. Dazu schüre Iran im Irak, im Libanon und in Palästina Unruhe.

          Ahram gab auch die Anschuldigungen wieder, iranische Geheimdienstkreise hätten im Juni 2005 die Entführung und mutmaßliche Tötung des designierten ägyptischen Botschafters in Bagdad Ihab al Scharif veranlasst.

          Unbehagen bei den Sunniten

          Mit Unbehagen verfolgen die arabisch-sunnitischen Staaten die Aufrüstung Irans. Russland hat nach Moskauer Angaben die Lieferung von TOR-M1-Luftabwehrraketen abgeschlossen, von denen Washington sagt, sie eigneten sich auch für offensive Ziele. Am vergangenen Wochenende besuchte der Generalsekretär des russischen Nationalen Sicherheitsrats, Iwanow, Teheran, um Einzelheiten zum iranischen Atomkraftwerk Buschehr zu besprechen, das mit russischer Hilfe bis zum September 2007 fertiggestellt wird und das näher an allen Hauptstädten der arabischen Golfanrainer liegt als an Teheran.

          Beunruhigt sind die arabischen Nachbarn Irans auch über die iranischen Fortschritte bei der Entwicklung von Raketen, die Satelliten in eine Erdumlaufbahn bringen können und damit das strategische Gleichgewicht am Golf weiter zugunsten Teherans verschieben. Die Fachzeitschrift „Aviation Week & Space Technology“ hatte am 26. Januar den Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschusses des iranischen Parlaments, Alaeddin Borudscherdi, mit den Worten zitiert, Iran habe eine seiner Raketen in einen Satellitenträger umgebaut. Der Träger werde „bald“, so Borudscherdi, einen iranischen Satelliten ins All befördern. Mutmaßlich handelt es sich bei dem Träger um eine Weiterentwicklung der iranischen Shahab-3-Rakete.

          Wie bei der Atomtechnologie werden die arabischen Golfanrainer mit großer Wahrscheinlichkeit darauf antworten und eigene Satelliten entwickeln.

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