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Weltbevölkerungskonferenz : Der Vatikan ist nicht dabei

Organisiert wird die Veranstaltung vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und den Regierungen Kenias und Dänemarks. Im Bild: Die dänische Kronprinzessin Mary, der dänische Entwicklungsminister Rasmus Prehn und Kanias Präsident Uhuru Kenyatta Bild: EPA

Hunderte Regierungsvertreter suchen in Nairobi Strategien gegen das Bevölkerungswachstum. Dazu gehören Verhütung und Sexualaufklärung. Der Vatikan boykottiert das Treffen ebenso wie kenianische Bischöfe.

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          In der kenianischen Haupstadt Nairobi hat am Dienstag eine Weltbevölkerungskonferenz begonnen. Es sei „ein Menschenrecht, den Zeitpunkt (der Geburt) und die Zahl der Kinder selbst zu bestimmen“, sagte die stellvertretende UN-Generalsekretärin Amina Mohammed bei der Eröffnung. Kronprinzessin Mary von Dänemark forderte, immer noch bestehende Tabus rund um Verhütung und Sexualaufklärung müssten beseitigt werden. Das Treffen, an dem etwa 6000 Vertreter aus mehr als 160 Ländern teilnehmen werden, soll drei Tage dauern. Organisiert wird die Veranstaltung vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und den Regierungen Kenias und Dänemarks.

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Auf dem Treffen soll über Strategien diskutiert werden, wie das Bevölkerungswachstum begrenzt werden kann, unter anderem Familienplanung, Aufklärung und mehr Rechte für Frauen. Danach soll eine gemeinsame Erklärung verabschiedet werden, die allerdings nicht bindend sein wird. Die Beteiligung der Staaten findet auf freiwilliger Basis statt. Die Bundesregierung wird unter anderem von der parlamentarischen Staatssekretärin im Entwicklungsministerium, Maria Flachsbarth, vertreten. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) hingegen wird nicht erwartet.

          Am schnellsten wächst Afrika

          Es wird die erste Veranstaltung dieser Art seit 25 Jahren sein. Damals hatten die Vertreter von 179 Staaten im ägyptischen Kairo ein Aktionsprogramm verabschiedet, das unter anderem vorsah, die Müttersterblichkeit zu senken und den Zugang zu Familienplanung und Sexualaufklärung zu verbessern. Zu jener Zeit betrug die Weltbevölkerung fünf Milliarden Menschen, heute liegt sie bei mehr als 7,743 Milliarden. Jede Sekunde wächst die Weltbevölkerung statistisch um 2,6 Menschen, pro Jahr um mehr als 80 Millionen.

          Nach Schätzungen der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) wird die Zahl der Menschen bis zum Jahr 2100 auf rund 11,2 Milliarden steigen. Allerdings müsste bereits für diese Prognose die Voraussetzung erfüllt sein, dass die Fruchtbarkeitsraten, also die Zahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens gebärt, weiter sinken.

          Besonders stark wächst die Bevölkerung auf dem ärmsten Kontinent. Von derzeit etwa 1,3 Milliarden würde die Zahl der Afrikaner auf rund 2,5 Milliarden steigen. Die Hälfte des weltweiten Bevölkerungswachstums, das bis zum Jahr 2050 prognostiziert wird, dürfte nach Angaben der DSW auf gerade einmal neun Länder zurückgehen, davon liegen sechs in Afrika: Nigeria, Kongo, Äthiopien, Tansania und Uganda. Im Schnitt gebiert jede Afrikanerin 4,8 Kinder – in Kongo sind es 5,9, in Nigeria 5,6. Der Bevölkerungsanstieg beträgt in Afrika 2,52 Prozent im Jahr, in Lateinamerika nur 1 Prozent.

          Nach DSW-Berechnungen werden im Jahr 2050 gleich drei afrikanische Länder zu den zehn bevölkerungsreichsten der Welt gehören, unter ihnen Nigeria, Kongo und Äthiopien. Derzeit schafft es nur Nigeria auf diese Liste. Im Moment leben in dem westafrikanischen Ölstaat 190 Millionen Menschen, im Jahr 2050 könnten es 411 Millionen sein. Nicht günstiger sieht die Prognose für Äthiopien aus. 1950 hatte das Land, das damals noch Abessinien hieß, 18 Millionen Einwohner; derzeit sind es 105 Millionen, und 2050 werden es wahrscheinlich 190 Millionen sein.

          „Sklaven einer fremden Ideologie“

          Allerdings gibt es nicht nur schlechte Nachrichten aus Afrika. Einer Studie der Organisation „Family Planning 2020“ zufolge steigt die Zahl der Frauen, die auf moderne Familienplanung zurückgreifen, nirgendwo so rasant wie hier. So nutze im Moment jede vierte Afrikanerin Verhütungsmittel, die größten Fortschritte würden dabei im südlichen und östlichen Afrika erzielt. Besonders Länder wie Ruanda oder Äthiopien haben in den vergangenen Jahren große Erfolge bei der Geburtenkontrolle erzielt.

          Nicht alle betrachten das jedoch als Fortschritt. Die katholische Kirche geht zu der Veranstaltung in Ostafrika auf Distanz. Der Vatikan lehnte es ab, einen eigenen Vertreter nach Nairobi zu schicken, und die kenianischen Glaubensbrüder kündigten gemeinsam mit Kenias Kirchenrat, evangelischen Theologen und Ärzten eine Gegenveranstaltung an. Kenianische Bischöfe erklärten, auf der Konferenz werde „der Versuch unternommen, unsere Jugend zu korrumpieren und sie zu Sklaven einer fremden Ideologie zu machen“. Unter dem Deckmantel der Frauenförderung würden „Verhütung und Abtreibung“ propagiert, was der „afrikanischen Kultur“ widerspreche: „Von einem sinnvollen Gipfel würde man ein Programm erwarten, das Frauen und Kinder stärkt, die in extremer Armut leben.“ Gegenwind kommt auch von Abtreibungsgegnern in den Vereinigten Staaten und Europa.

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