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Benefizkonzert für Venezuela : Entzweit durch die Musik

  • -Aktualisiert am

Richard Branson: „Wir müssen diese Sackgasse durchbrechen.“ (Archivbild) Bild: dpa

Mit einem Benefizkonzert will der britische Unternehmer Richard Branson die Not der Venezolaner lindern. Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters kritisiert das Projekt – und wirft Branson vor, an einem Regimewechsel zu arbeiten.

          Mit der Parole „Geeint durch die Musik“ hat Sir Richard Branson für das Benefizkonzert „Venezuela Aid Live“ geworben, das er zur Linderung der Not der Venezolaner am Freitag in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta organisiert. Die Initiative des britischen Unternehmers, dessen Mischkonzern Virgin Group auch in der Musik- und Unterhaltungsindustrie tätig ist, wird verglichen mit dem 1985 von Bob Geldof veranstalteten Live-Aid-Konzert zugunsten der Hungernden in Äthiopien. Branson will innerhalb von sechzig Tagen hundert Millionen Dollar für Venezuela aufbringen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Politische Differenzen trüben jedoch schon vor der Veranstaltung die idealistische Vorstellung von der einigenden Kraft der Musik. Nicht nur, dass der umstrittene venezolanische Präsident Nicolás Maduro, der sich nach dem infrage gestellten Wahlergebnis vom vergangenen Jahr mit chinesischer und russischer Unterstützung an der Macht hält, ein gleichzeitig stattfindendes „Megakonzert“ an der anderen Seite der Grenze angekündigt hat – unter dem Schlagwort „Hände weg von Venezuela“.

          Auch der Sänger, Bassist und Lyriker Roger Waters, der als Mitgründer von Pink Floyd zu Weltruhm gelangte, hat sich zu Wort gemeldet. Er bestreitet, dass das Konzert irgendetwas zu tun habe mit den Bedürfnissen der venezolanischen Bevölkerung, mit Demokratie, Freiheit oder humanitärer Hilfe. Vielmehr unterstellt er dem Gründer der Virgin-Gruppe, dessen Namen er in einem verächtlichen Ton nannte, die amerikanische Politik zu vertreten.

          Diese bringt Waters auf die plumpe Formel: „Wir haben beschlossen, Venezuela zu übernehmen, was immer unsere Gründe sein mögen.“ Die Hilfsaktionen gehörten zu den Bemühungen der Vereinigten Staaten, ein falsches Bild von Venezuela zu vermitteln, um einen Regimewechsel herbeizuführen, behauptete Waters in einem Twitter-Video. 

          Damit macht er sich freilich die Haltung Maduros zu eigen, der westliche Hilfsaktionen ablehnt, weil er hinter ihnen einen Vorwand für eine amerikanische Militärintervention vermutet. Ungeachtet der alarmierenden Befunde der Menschenrechtsorganisation Amnesty International behauptet Waters unter Berufung auf Freunde in Caracas, dass es in Venezuela „bis jetzt keinen Bürgerkrieg, kein Chaos, keinen Mord, keine wahrnehmbare Diktatur, keine Masseninhaftierungen, keine Unterdrückung der Presse“ gebe.

          Vorbereitungen für Bransons „Venezuela Aid Live“-Konzert in Cúcuta

          Mit dem beißenden Sarkasmus, den er oft in seine polemischen politischen Texte einbringt, wirft er Branson vor, sein tränendes Herz auf seinem Virgin-Atlantic-Airways-T-Shirt zu tragen. Zudem flehte Waters den Rockmusiker Peter Gabriel an, der als Teilnehmer des Benefizkonzertes im Gespräch gewesen war, ihn anzurufen. Er müsse seinen „Freund“ unbedingt sprechen. Es sei leicht, auf den Holzweg geführt zu werden, der zum Regimewechsel führe. Waters verband seinen Aufruf mit der Warnung, dass es Venezuela so ergehen könne wie dem Irak, Syrien oder Libyen.

          Mit der Forderung, die humanitäre Hilfe nicht zu politisieren und dem venezolanischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung zu überlassen, zielt Waters wohl auf Bransons Verbindung zur Opposition. Sir Richard hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass der selbsternannte venezolanische Interimspräsident Juan Guaidó, der von Washington und zahlreichen europäischen und lateinamerikanischen Ländern unterstützt wird, und der seit 2017 unter Hausarrest gestellte Oppositionsführer Leopoldo López ihn aufgefordert haben, das Wohltätigkeitskonzert zu veranstalten. Dennoch hat ein Sprecher seines Konzernes hervorgehoben, dass das „Venezuela Aid Live“-Konzert keine politische Erklärung sei und dass die Vereinigten Staaten in keiner Weise beteiligt seien. Branson wolle dazu beitragen, die Aufmerksamkeit für die Krise in Venezuela zu erhöhen sowie dringend benötigtes Geld aufzubringen.

          Der frühere Pink-Floyd-Sänger Roger Waters im November in Mexiko City bei einem Konzert

          Obwohl Roger Waters in Venezuela vor politischer Einmischung warnt, hält sich der 75 Jahre alte Musiker mit öffentlicher Kritik an den Entwicklungen im Nahen Osten, den Vereinigten Staaten, wo er lebt, und Lateinamerika sonst keineswegs zurück. Er hat als Anhänger der BDS-Bewegung, die einen vollständigen Boykott Israels fordert, wiederholt zur Solidarität mit den Palästinensern aufgerufen und die israelische Regierung aufgrund ihrer „rassistischen Politik“ mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime und dem nationalsozialistischen Deutschland gleichgestellt.

          Besonderen Anstoß erregte ein aufblasbares Schwein mit aufgemaltem Davidstern, das Waters vor einigen Jahren bei einem Konzert in Belgien in die Luft steigen ließ. Seine Interventionen haben ihm den Vorwurf des Antisemitismus eingetragen. Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair bezeichnete Waters’ Kritik an Israel als überzogen – sie drücke eine grundsätzliche Animosität gegen die Idee eines Heimatlandes für das jüdische Volk aus.

          Im vergangenen Jahr lenkte Waters Aufmerksamkeit auf sich, als er bei einem Konzert in Brasilien wenige Wochen vor der Wahl den Kandidaten Jair Bolsonaro – der inzwischen Präsident ist – als Neo-Faschisten bezeichnete. Er warf ihn in einen Topf mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump, dem britischen Brexit-Befürworter Nigel Farage, dem ungarischen Präsidenten Viktor Orbán und der französischen rechten Politikerin Marine Le Pen.

          Unter Schimpf und Zuspruch aus dem Publikum legte er den Zuschauern mit der Warnung vor dem Wiederaufstieg des Faschismus in aller Welt nahe, nicht für Bolsonaro zu stimmen. Waters sagte, dass er als Anhänger der Menschenrechte lieber nicht unter der Herrschaft von jemandem leben wolle, der die Militärdiktatur gutheiße. Er erinnere sich noch an die bösen alten Zeiten der südamerikanischen Juntas. Die seien hässlich gewesen.

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