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Südamerika : Washington und Moskau wollen über Venezuela sprechen

Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro Bild: Reuters

Russland und China haben Milliarden in Venezuela investiert. Für beide Länder gilt es abzuwägen, ob und wie lange sie sich noch hinter Maduro stellen.

          Moskau geht es mit Blick auf die Krise in Venezuela, den drohenden Kollaps der Erdölindustrie und einen möglichen Sturz des Regimes von Nicolás Maduro nicht mehr so sehr um Politik, wie man bisher annehmen konnte. Und China hält sich mit Kritik am Oppositionsführer Juan Guaidó, der Venezuela zu Neuwahlen führen will, noch mehr zurück. Die beiden Länder, die Venezuela in den vergangenen Jahren immer neue Milliardenkredite gewährt haben, fürchten zusehends um ihre Investitionen.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Und es sieht ganz so aus, als würde zumindest Russland nun auch das Szenario eines politischen Übergangs in Betracht ziehen: Laut dem amerikanischen Außenministerium soll es in dieser Woche in Rom zu einem Treffen zwischen dem Sondergesandten Washingtons für Venezuela, Elliott Abrams, und dem russischen Vizeaußenminister Sergej Ryabkow kommen. Ryabkow sagte russischen Medien, dass Moskau die Vereinigten Staaten davor warne, Gewalt anzuwenden, und alles unternehmen werde, um die Zusammenarbeit mit Caracas zu schützen. Moskau und Washington hätten diametral unterschiedliche Positionen, sagte Ryabkow, doch das bedeute nicht, dass man nicht miteinander sprechen sollte.

          Der venezolanische Erdölminister Manuel Quevedo und Vorsitzende des staatlichen Ölkonzerns PdVSA sagte am Montag im Rahmen einer Sitzung der Opec-Staaten, dass Venezuela Erdöllieferungen nach Russland und andere Länder umleiten könnte, die zuvor für die Vereinigten Staaten gedacht waren. Venezuela versucht damit die von Washington verhängten Sanktionen gegen Venezuela zu umgehen, die zu einem Importstopp venezolanischen Erdöls in die Vereinigten Staaten führten. Die Vereinigten Staaten sind historisch der größte Abnehmer und damit die wichtigste Devisenquelle für Venezuela, während Exporte nach Russland und China überwiegend dem Schuldendienst dienen. In den vergangenen Tagen hatte ein landesweiter Stromausfall unter anderem das wichtigste Exportterminal für venezolanischen Erdöl lahmgelegt und weiteren erheblichen finanziellen Schaden verursacht.

          Venezuela verspricht Einhaltung der Verträge

          Venezuela werde seine Verträge einhalten und seine Beziehungen mit Russland weiter stärken, sagte der Quevedo. Es fragt sich allerdings, ob Moskau an mehr Öl aus Venezuela interessiert ist. Wahrscheinlich wären die Russen schon dankbar, wenn Venezuela dem Schuldendienst nachkäme. In den vergangenen Jahren hat der staatliche russische Energiekonzern Rosneft rund neun Milliarden Dollar in Projekte mit seiner venezolanischen Partnerin PdVSA gepumpt - während andere Ölkonzerne das Land verließen. Laut der Agentur Reuters, der interne Berichte und E-Mails von Rosneft vorliegen, sollen Manager die Konzernspitze bereits 2015 hinsichtlich der Investitionen in Venezuela gewarnt haben. Die Produktion der gemeinsamen Projekte war kleiner als angenommen. Zudem stießen sie auf eine Reihe weiterer technischer und administrativer Probleme mit PdVSA. Noch immer schuldet PdVSA Rosneft mehr als zwei Milliarden Dollar – ohne Aussicht auf eine Begleichung.

          Bei Rosneft erkannte man die gravierenden finanziellen Probleme von PdVSA schon vor Jahren. Trotzdem wurde weiter in die Partnerschaft investiert. Die Entscheidung soll laut Quellen aus dem Umfeld von Rosneft und der russischen Erdölindustrie politischer Natur gewesen sein. Bereits der verstorbene Präsident Hugo Chávez pflegte eine enge Beziehung mit Wladimir Putin und mit dem Rosneft-Chef Igor Sechin. Am Sitz von Rosneft in Caracas soll eine Büste von Chávez stehen. Venezuela ist zudem ein wichtiger Abnehmer von russischen Waffen. Moskau streitet politische Überlegungen ab. Rosneft handle in allen Teilen der Welt aus kommerziellen Interessen, sagte ein Sprecher des Kremls zu Reuters. Die Regierung übe bezüglich der Strategie in Venezuela keinen Druck auf Rosneft aus.

          Ob die Gespräche zwischen Abrams und Ryabkow in Rom die Türen für Verhandlungen zwischen den beiden Seiten in Venezuela öffnen, wird sich zeigen. Die Opposition um den breit anerkannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó hatte bisher Verhandlungen ausgeschlossen. Und Maduro seinerseits sendete hatte auch keine klaren Signale ausgesendet. Maduro kündigte stattdessen eine Kabinettsumbildung an. Wie diese ausfallen wird, ist offen. In Regierungskreisen ist von einer Radikalisierung die Rede. Beobachter vermuten, dass Maduro der Armee, die seine letzte Machtbasis bildet, noch mehr Platz in der Regierung einräumen wird.

          Der Opposition ihrerseits gelang es am Montag, drei diplomatische Einrichtungen in den Vereinigten Staaten zu besetzen. Venezuelas Außenminister Jorge Arreaza verurteilte das Vorgehen und rief Washington dazu auf, die „irreguläre Situation“ zu korrigieren.

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