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Washington : Ein Zufall der Anständigen?

  • -Aktualisiert am

T-Shirts mit politischen Botschaften: Teilnehmer der „Restoring-Honor”-Demonstration Bild: AFP

Eine Kundgebung für die Ehre Amerikas am Jahrestag der Traum-Rede Martin Luther Kings - das will der Initiator und Fox-News-Moderator Glenn Beck so gar nicht bedacht haben. Aber ihm gefällt, was Obama weh tut. Und er mobilisiert damit Tausende.

          Glenn Beck hat am Samstag einen grandiosen Erfolg errungen. Ob es nun knapp 100.000 Menschen waren, wie der Fernsehsender CBS schätzte, oder drei- oder gar fünfmal so viele, wie Becks Arbeitgeber „Fox News“ ermittelt haben wollte, die seinem Aufruf zur Massenkundgebung zur „Wiederherstellung der Ehre“ Amerikas gefolgt waren, ist dabei zweitrangig. Dass überhaupt aus allen Teilen des Landes Zehntausende Menschen dem Aufruf eines konservativen Nachrichtenmoderators im Radio und Fernsehen folgten und lange Busfahrten auf sich nahmen, zeugt von dem Einfluss des ebenso kontroversen wie erfolgreichen Journalisten und Buchautors.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Laut Becks Website sollte mit der Veranstaltung Militärangehörigen sowie all jenen Menschen Anerkennung gezollt werden, die die amerikanischen „Gründungsprinzipien von Anstand, Aufrichtigkeit und Ehre verkörpern“. Mit der Veranstaltung solle zudem „die Bürgerrechtsbewegung zurückerobert“ werden, ließ Beck wissen. Dennoch versicherte er, es sei Zufall und eine Laune seines übervollen Terminkalenders gewesen, dass die Kundgebung ausgerechnet auf den 28. August festgesetzt worden sei.

          Zur Gegendemo kamen nur einige Hunderte

          Freilich hatten Ort und Termin der Veranstaltung erheblich dazu beigetragen, dass schon Tage vor ihrem Beginn das halbe Land über sie redete. Der Protest gegen Werteverfall, Schuldenmacherei sowie die staatliche Entscheidungs- und Regulierungswut fand vor dem Lincoln Memorial auf der National Mall in Washington statt. Dort hatte Martin Luther King beim „Marsch auf Washington“ für Jobs und Gerechtigkeit von 1963 seine historische Rede vom Traum eines mit sich selbst versöhnten Amerika gehalten. Und das am 28. August, dem gleichen Datum, an welchem nun 47 Jahre später Glenn Beck die Massen zum Protest auch gegen die Politik des ersten schwarzen Präsidenten des Landes aufrief.

          Lauter und entschiedener Kritiker Barack Obamas: Glenn Beck, der zu der Kundgebung aufgerufen hatte

          Glenn Beck ist einer der lautesten und entschiedensten Kritiker von Präsident Barack Obama, in dem er einen Sozialisten reinsten Wassers sieht und den er bei Gelegenheit einen Rassisten gescholten und ihm einen „tiefsitzenden Hass auf Weiße und auf weiße Kultur“ vorgeworfen hat. Später hat sich Beck zwar von seiner Tirade gegen den Präsidenten vorsichtig distanziert, aber eher von deren Stil als von deren Inhalt. Der schwarze Pastor, Bürgerrechtler und Politiker Al Sharpton hatte mit zahlreichen Weggefährten zur Gegendemonstration unter dem Motto „Den Traum erneuern“ aufgerufen und Beck das Recht abgesprochen, an historischem Ort gleichsam das Erbe Kings anzutreten.

          Doch zu Sharpton kamen nur einige Hunderte (immerhin jedoch Martin Luther King III., der Sohn des ermordeten Friedensnobelpreisträgers). Dagegen vermochte Beck die konservative Pastorin, Autorin und politische Aktivistin Alveda King zu mobilisieren, eine Nichte von Martin Luther King, die mit Glenn Beck etwa die entschiedene Ablehnung des „Rechts“ auf Abtreibung teilt und ihre Rede auf Becks Kundgebung mit zahlreichen „Halleluja“-Rufen schmückte. Neben ihr standen auch einige schwarze Pastoren wie Bischof Harry Jackson, der ein entschiedener Gegner der Homosexuellenehe wie auch der Abtreibung ist.

          Applaus für stark religiös gefärbte Reden

          Zu Beginn der Kundgebung sprachen die Teilnehmer den Fahneneid und sangen die Nationalhymne. Etliche Führungsfiguren der konservativen Graswurzelbewegung namens „Tea Party“ kamen zu Wort, allen voran die frühere republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin und einstige Gouverneurin von Alaska Sarah Palin. Beck selbst, der zugleich als ein Hauptredner und als Moderator auftrat, rief in stark religiös gefärbten Reden immer wieder dazu auf, die „Ehre“ Amerikas wiederherzustellen. „Etwas, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt, vollzieht sich soeben“, rief der 56 Jahre alte Beck, und die Menge klatschte und jubelte. „Amerika beginnt heute, sich wieder Gott zuzuwenden“, fuhr Beck dann in der Diktion eines Predigers fort. Und wieder brandete rauschender Applaus auf.

          Becks tägliche Nachrichtensendung beim konservativen Fernsehsender „Fox News“ wird im Schnitt von zwei Millionen Zuschauern verfolgt. Mit anderen „Anchors“ des Senders wie Bill O’Reilly, Sean Hannity und Greta van Susteren liegt Beck in der Zuschauergunst weit vor der Konkurrenz der linksliberalen Nachrichtensender – zur Freude der Geschäftsführer des Senders, die sich über besonders hohe Werbeeinnahmen freuen.

          „Wir müssen Amerika wiederherstellen, wir müssen die Ehre Amerikas wiederherstellen“, rief Palin der Menge zu, die sich beiderseits des „Reflecting Pools“ an der National Mall erstreckte, so weit das Auge reichte. Gegen die Politik Obamas und der Mehrheit der Demokraten im Kongress gerichtet, fügte sie an, die Vereinigten Staaten dürften nicht „fundamental umgeformt“ werden. Beck mahnte, das Land befinde sich „am Scheideweg“. Die Amerikaner müssten sich wieder „Glaube, Hoffnung und Nächstenliebe“ zuwenden und sich einer Regierung widersetzen, die auf immer mehr Lebensbereiche Einfluss nehme und diese bestimmen wolle.

          Viele der überwiegend weißen Demonstrationsteilnehmer am Lincoln Memorial gaben auf T-Shirts ihre politischen Überzeugungen kund, denn Beck hatte die Teilnehmer gebeten, auf Banner mit Aufschriften zu verzichten. Schließlich gehe es auch um die Ehrung der Truppen, die überall in der Welt die amerikanischen Werte verteidigten, sagte Beck. Die Demonstration von Washington war nicht allein ein weiteres Indiz für den anhaltenden Einfluss der „Tea Party“-Bewegung, sondern warf ein weiteres Schlaglicht auf den Zorn vieler Konservativer, die sich in Washington ignoriert fühlen. Die nächsten Vorwahlen und dann die Kongresswahlen vom 2. November werden zeigen, ob die konservative Graswurzelbewegung die Republikaner zu dem angestrebten Mehrheitswechsel in beiden Kongresskammern und zum Richtungswechsel in Washington tragen wird.

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