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Putsch-Vorwurf gegen Gülen : Und wenn Erdogan recht hat?

Wie einem geschieht, der auch nur indirekt Zweifel an der „Bewegung“ äußert, davon weiß der amerikanische Journalist Andrew Finkel zu berichten. Er war zwar nie „Gülenist“, dafür aber Kolumnist für die Zeitung „Zaman“, die das auf Türkisch und Englisch erscheinende publizistische Flaggschiff der Bewegung war, bis sie vor einigen Monaten von den türkischen Behörden unter fadenscheinigen Vorwänden enteignet und geschlossen wurde.

Als Finkel 2008 das Angebot erhielt, für „Zaman“ zu schreiben, erklärte ihm der Chefredakteur gleich zu Beginn, dass die Zeitung „von der Gülen-Bewegung unterstützt werde und die Gülen-Bewegung unterstütze, was ich zu berücksichtigen hätte“, erinnert sich Finkel. Doch die respektablen Namen anderer „Zaman“-Kolumnisten hätten ihn schließlich überzeugt, so Finkel. Außerdem habe doch jede Zeitung der Welt einen Herausgeber oder Besitzer, der die Linien vorgebe.

Doch für Finkel war nach gut drei Jahren der Zusammenarbeit plötzlich Schluss. Der Auslöser dafür war ein Buch des türkischen Journalisten Ahmet Sik mit dem Titel „Die Armee des Imams“. Das Buch löste noch vor seinem Erscheinen einen Skandal aus in der Türkei. Im März 2011, als Siks Werk noch nicht einmal in den Buchhandlungen war, wurde der Autor unter dem Vorwurf verhaftet, er gehöre der Geheimorganisation „Ergenekon“ an. In seinem Buch, das die Polizei als Entwurf vom Computer weg konfiszierte, schrieb Sik, dass die Gülen-Bewegung den Staat untergrabe und einen Umsturz des Systems plane.

Abhörskandale belasteten Erdogan

Das Buch hat viele Schwächen, denn für seine Behauptung liefert Sik keine handfesten Anhaltspunkte. Der Hauptteil des Buches war 2011 schon veraltet. Sik zitiert darin aus damals bereits bekannten Dokumenten aus den frühen neunziger Jahren, die Manipulationen der „Gülenisten“ bei der Einstellung von Polizisten belegen. Anhänger der Bewegung hatten damals dafür gesorgt, dass Gleichgesinnte in wichtige Abteilungen vordringen konnten.

Die Schwäche des Buches ist, dass es zur (angeblichen oder tatsächlichen) Unterwanderung der türkischen Polizei durch Gülenisten kaum Belege für die Zeit nach dem Jahr 2000 gibt. Doch schon das Kompilieren und Zitieren alter Akten brachte Sik mehr als ein Jahr Haft unter fadenscheinigen Begründungen ein. „Zaman“ unterstützte das seltsame Vorgehen der Justiz gegen den Autor eines nicht erschienenen Buches bedingungslos.

Finkel wurde entlassen, als er sich kritisch mit dem Fall Sik befassen wollte. In seinem Text wandte er sich gegen die „aggressive Verfolgung von Menschen, die Bücher schreiben“. Dann folgte der Satz, der Finkels „Zaman“-Karriere beendete: Das Buch möge unsinnig sein, „aber solange wir es nicht gelesen haben, können wir das nicht wissen. Sondern nur die Motive jener bezweifeln, die nicht wollen, dass wir es lesen.“

Im Gespräch mit der F.A.Z. stellte Finkel seinen Fall damals so da: „Ich dachte, es sei eine Verpflichtung der Zeitung, andere Journalisten nicht im Gefängnis sehen zu wollen. Ahmet Sik wurde beschuldigt, ein Buch gegen die Gülen-Bewegung geschrieben zu haben, und als eine Gülen-Zeitung hatten wir die besondere Verpflichtung, unsere Kritiker zu verteidigen. Aber so wurde das in der Zeitung nicht gesehen“, sagte Finkel. „Das war der Grund, aus dem ich gefeuert wurde.“

Übrigens gab es einen Teil von Siks Buch, der allgemein als überzeugend geschildert wurde. Sik beschreibt darin, wie „die Bewegung“ besonderen Wert darauf legte, ihre Leute in nachrichtendienstliche Abteilungen zu schleusen, die auf das Abhören von Telefongesprächen spezialisiert waren. Fußnote dazu: In den vergangenen Jahren erschütterten immer wieder Abhörskandale die Türkei. Erst landeten abgehörte Gespräche (und sogar Videoaufnahmen) von Oppositionspolitikern im Internet, dann auch Tonaufnahmen von Erdogan, seinem damaligen Außenminister Ahmet Davutoglu und anderen Spitzenleuten der AKP.

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