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Afghanistans Regierungschef : Ein Mann Pakistans?

Mullah Mohammad Hassan Akhund, der Führer der Taliban-Regierung Bild: ddp/abaca press

Mullah Hassan Akhund war schon unmittelbar vor dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 Regierungschef. Was bedeutet es, dass nun ausgerechnet er diese Funktion wieder einnimmt?

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          Nur wenig von dem, was an Informationen über den neuen Regierungschef Afghanistans kursiert, ist wirklich gesichert. Für die Führungsleute der Taliban, die lange im Verborgenen agierten, ist das nur typisch. Die Sanktionsliste der Vereinten Nationen, auf der sich Muhammad Hassan Akhund seit dem Jahr 2001 befindet, nennt ein Dorf in der Provinz Kandahar als seinen Geburtsort. Dort soll er irgendwann zwischen 1945 und 1958 zur Welt gekommen sein. Während der ersten Herrschaft der Taliban diente er zunächst als Gouverneur seiner Heimatprovinz, wurde später Außenminister und übernahm kurz vor dem Sturz des Regimes 2001 schon einmal die Führung der Regierung. Man könnte aus seiner Ernennung also die Botschaft herauslesen, dass die Taliban nach ihrer Machtübernahme dort anknüpfen wollen, wo sie vor 20 Jahren aufgehört haben.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Doch wie klar eine Botschaft ist, kann in der derzeitigen Lage Afghanistans selten gesagt werden. Das fängt schon mit der Frage an, ob Mullah Hassan, wie Akhund unter den Taliban genannt wird, ein Kompromisskandidat ist oder nicht. Zeitzeugen der ersten Taliban-Herrschaft berichteten, dass er damals eher für eine konfrontative Haltung bekannt gewesen sei. Auch der verbreiteten These, dass er mehr als spiritueller denn als militärischer oder politischer Führer aufgetreten sei, wird mit Verweis auf seine Rolle im ersten Taliban-Regime widersprochen. Zudem soll er schon vor der Taliban-Zeit als Mudschahedin-Kommandeur gekämpft haben. Autorität verschafft ihm jedenfalls, dass er ein enger Vertrauter des ersten Taliban-Emirs Mullah Omar gewesen sein soll und Berichten zufolge zu den Gründern der Bewegung gehörte.

          Nach dem Sturz des ersten Taliban-Regimes 2001 half er Mullah Omar offenbar, die Führungsstrukturen von Pakistan aus wieder aufzubauen. Er gehörte dem obersten Führungsrat an, der damals nach dem vermuteten Tagungsort in Pakistan Quetta-Schura genannt wurde. 2013 wurde er bei von Pakistan eingefädelten geheimen Verhandlungen in China gesehen.

          Sein Verhältnis zu Pakistan wird wohl nun genau beobachtet werden. Erst am Wochenende hatte der ungewohnt öffentlichkeitswirksame Besuch des pakistanischen Geheimdienstchefs Faiz Hameed in Kabul für Aufsehen gesorgt. Auch innerhalb der Taliban soll um das Verhältnis zum Nachbarland gerungen werden, das die Organisation einst mit aufgebaut hat. Hameeds Besuch fiel in die Zeit, in der die Vorstellung der neuen Regierung immer wieder verschoben wurde. In den Tagen zuvor hatte Mullah Abdul Ghani Baradar, der bisherige Leiter des politischen Büros der Taliban, noch als aussichtsreichster Kandidat für das Amt des Regierungschefs gegolten. Baradar saß aber viele Jahre in einem pakistanischen Gefängnis und soll nicht zu den Freunden des Nachbarlands zählen.

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