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Psychogramm eines IS-Anhängers : „Ich bin bereit, alles zu opfern“

Kämpfer des „Islamischen Staats“ in Raqqa (Archivbild) Bild: AP

Was treibt einen jungen Ägypter in die Arme der Terrormiliz „Islamischer Staat“? Eine Begegnung mit einem, der sich in seinem Land wie ein Fremder fühlt.

          Etwas unsicher sitzt er da, die Augen hinter einer großen Sonnenbrille verborgen, die langen Haare mit Pomade gebändigt, den Bart gestutzt. Am Handgelenk trägt er eine klobige Uhr von asiatischer Straßenhändlerqualität, sein weißes Hemd hat Flecken, die Enden der Ärmel sind abgenutzt. Hazem, wie er genannt werden möchte, will nicht auffallen. Er sieht aus wie Abertausende junge Männer, die in den Einfacheleutevierteln der ägyptischen Städte die Zeit totschlagen. Hazem ist ein schmächtiger, feingliedriger Bursche, und es fällt schwer, ihn sich mit Sturmgewehr auf dem Schlachtfeld vorzustellen. Bis er den Mund aufmacht.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „Für die Regierung bin ich ein Terrorist“, sagt er stolz zur Einführung. Hazem spricht mit leiser, schnarrender Stimme. Aus seinen Worten spricht Verblendung und Hass. „Ich bin bereit, alles zu opfern“, sagt er. Hazem hat eine besondere Mission: Er will sich, zumindest behauptet er das, auf den Weg nach Syrien machen und sich dem selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi anschließen. Viele aus Hazems Freundeskreis sind schon in Syrien. „Neunzig Prozent“, sagt er. Sie schicken über Facebook Botschaften in die Heimat. Sie haben zum Teil abenteuerliche Routen genommen, weil das Regime auf die gängigen Reisewege zu genau achte. „Ich muss noch den richtigen Moment abwarten“, sagt Hazem. So lange bleibt er in Deckung.

          Mit harter Hand: Der ägyptische Präsident Abd al Fattah al Sisi (Mitte) am Mahnmal für den Unbekannten Soldaten in Kairo.

          Er stammt aus einem konservativen Viertel einer der größeren ägyptischen Städte. Es ist eine der ärmlichen Gegenden mit grauen Häusern und staubigen Gassen, in denen islamistische Prediger den Ton angeben. Ein Freund hat das Treffen arrangiert, nur deshalb hat er eingewilligt. Seine Eltern, sagt Hazem, hätten ihn zu einem frommen Muslim erzogen. Er hat sich auch mit Ideologien wie dem Kommunismus beschäftigt, aber er fühlte sich bei den salafistischen Hasspredigern im Internet besser aufgehoben, deren Parolen auch seine Freunde Glauben schenkten. „Mit meinen Freunden konnte ich mich austauschen“, sagt er.

          Hazems Hass hat Präsident Abd al Fattah al Sisi entfacht. „Das Massaker von Rabaa“, sagt Hazem, „hat mich entschlossen gemacht.“ Es ist der Großangriff des Regimes auf die Protestlager der Muslimbruderschaft im Sommer 2013, der immer wieder als Wendepunkt genannt wird. Tausende hatten dort gegen die Absetzung des aus den Reihen der Muslimbrüder stammenden Präsidenten Muhammad Mursi demonstriert. Hunderte wurden getötet in den Tränengasschwaden, nicht wenige durch scharfe Munition. Die vom Militär eingesetzte Regierung, deren eigentlicher Chef der damalige Verteidigungsminister und heutige Präsident Sisi war, verfolgt die Muslimbrüder seither mit harter Hand.

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