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Terrorismus : Erlebniswelt Dschihad

Vorbild für andere: Radikalisierte deutsche Salafisten im Einsatz für den „Islamischen Staat“. Bild: © HR

Die Zahl ist alarmierend: 600 Menschen sind schon aus Deutschland in den Krieg nach Syrien gezogen. Was macht den „Islamischen Staat“ so attraktiv für junge Salafisten und so gefährlich?

          3 Min.

          Die Zahlen alarmieren: Die Zahl der Dschihadisten weltweit wird auf mehr als 50.000 geschätzt. Davon kämpfen mehr als 30.000 für den „Islamischen Staat“. Aus Deutschland sind 600 Menschen in den Krieg nach Syrien gezogen; als gefährlich wird jeder vierte Rückkehrer eingestuft. Doch auf 7000 wird in Deutschland das Potential der radikalisierten jugendlichen Salafisten geschätzt. Wenn sie einmal in die Welt des IS eingetaucht sind, sind sie kaum mehr zu erreichen. Sie leben dann in einer eigenen Welt – der „Erlebniswelt Dschihad“.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Internetpropaganda der Dschihadisten berichtet in jugendgerechter Sprache live aus dem Krieg, sie macht aus den Kämpfern Helden, ästhetisiert die Gewalt. Vor allem macht sie Jugendlichen, die sonst kaum wahrgenommen werden, klar, dass gesehen wird, wer in den Dschihad nach Syrien zieht. Sprüche wie „Lebe für nichts, stirb für etwas“ zieren die Propagandaseiten. Dass er nicht aus dem Koran stammt, sondern von John Rambo, wissen die wenigsten der jungen Dschihadisten, deren Wissen über den Islam ohnehin meist gering ist. Offenbar geht es bei der extremistischen Gewalt nicht allein um den Islam. Von einem der Ideologen des Dschihadismus, Anwar al Aulaqi, stammt der Ausspruch: „Man kann als Feigling oder als Märtyrer sterben.“

          Radikaler und extremistischer

          Der Diskurs der Salafisten und Dschihadisten wird in Europa radikaler und extremistischer. Unter den konkurrierenden Gruppen hat sich der IS in der Gunst der jungen Salafisten und Dschihadisten als Spitzenreiter durchgesetzt. Die Staatengemeinschaft hat es noch nicht geschafft, etwas dagegen zu unternehmen, dass ihm jeden Tag neue Rekruten zulaufen. Zudem konnte sich der IS mit einer enormen Anpassungsfähigkeit immer wieder aus der Defensive befreien.

          So hat er in den vergangenen Monaten seine Herrschaft über ein Gebiet konsolidiert, das so groß ist wie Großbritannien und in dem etwa zwölf Millionen Menschen leben. Das ist neu gegenüber Al Qaida: Dem IS ist es gelungen, große Territorien zunächst rasch zu erobern, dann zu halten und sie nun schrittweise auszubauen.

          Derweil ist unklar, was das Ziel der Staatengemeinschaft im Kampf gegen den IS ist: Der amerikanische Präsident Barack Obama hat zwar im vergangenen September das Ziel ausgegeben, den IS zu „zerstören“. Amerikanische Medien berichten jedoch auch von Äußerungen Obamas aus derselben Zeit, der IS solle auf ein „handhabbares Problem“ reduziert werden. So unklar das Ziel ist, so schwammig ist die Politik. Denn die Koalition von mehr als 60 Staaten unter Führung Amerikas ist lose; große Meinungsverschiedenheiten, vor allem zum Vorgehen in Syrien, trennen die Regierungen.

          Der IS ist straff durchorganisiert

          Die Strategie im Krieg gegen den IS muss in Syrien, wo der Westen sowohl gegen den IS wie gegen das Regime Assad kämpft, anders sein als im Irak, wo der Westen die Zentralregierung in Bagdad stärken will, seit dort der schiitische Ministerpräsident Haidar al Abadi in einer inklusiven Regierung wieder auf die Sunniten zugeht. In Syrien sieht sich das Regime von Präsident Assad militärisch nicht mehr gefährdet; andererseits leiden die beiden wichtigsten Alliierten Assads, Russland und Iran, massiv unter dem Ölpreisverfall.

          Unterdessen konsolidiert sich der IS weiter. Der Staat ist straff durchorganisiert. Dem „Kalifen“ steht ein Kabinett zur Seite. Ein Schura-Rat mit elf Mitgliedern legitimiert ihn und regelt die Scharia-Gerichte. Der Militärrat organisiert die mutmaßlich 30000 Kämpfer bis hinab auf die lokale Ebene; jeweils ein Gouverneur, ein Militär-„Emir“ und ein Schariabeauftragter stehen den 16 Provinzen vor; hinzu kommen ein Finanzrat und ein Medienrat. In der Führungsebene dominieren ehemalige hohe Offiziere aus der Armee von Saddam Hussein; sie sorgen für eine professionelle militärische Organisation, sie haben auch administrative Fähigkeiten.

          Aus Raqqa, der Hauptstadt des IS in Syrien, wird berichtet, dass die Schulen seit Monaten geschlossen sind und der IS gezielt Kinder indoktriniert. Mossul, wo sich der „Kalif“ aufhalten soll, sei fest im Griff relativ weniger Kämpfer. Obwohl die Elektrizität häufig abgestellt und das Benzin knapp ist, mündet die Unzufriedenheit nicht in eine Revolte. Attraktiv ist der IS für Kämpfer, die einen monatlichen Sold von bis zu 500 Dollar erhalten. Offenbar fließen alle Einnahmen in Sold und Waffen. Investitionen werden nicht getätigt, so dass die Qualität der „staatlichen“ Dienstleistungen abnimmt. Auf dieser schmalen wirtschaftlichen Basis kann der IS nicht überleben. Daher wird er versuchen, durch fortgesetzte Expansion die dringend benötigten Einnahmen zu verschaffen.

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