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Macron in Tschad : Was der Fall Déby über Frankreichs Afrikapolitik sagt

Emmanuel Macron (r.) neben Mahamat Idriss Déby am 23. April in N'Djamena Bild: dpa

Der französische Präsident Emmanuel Macron ist zur Trauerfeier für den getöteten tschadischen Diktator Idriss Déby gereist. Nach dem Tod des engen Verbündeten fürchtet Frankreich wachsende Instabilität in der Sahel-Zone.

          3 Min.

          Der französische Präsident Emmanuel Macron hat es sich trotz Sicherheitsbedenken nicht nehmen lassen, dem tschadischen Diktator Idriss Déby Itno am Freitag in N`Djamena das letzte Geleit zu geben. Der Franzose war der einzige westliche Staatschef, der dem Potentaten diese Ehre erwies. Auch Außenminister Jean-Yves Le Drian, der als Verteidigungsminister (2012-2017) die Rüstungszusammenarbeit mit dem autoritären Regime Débys ausgebaut hatte, nahm an der Trauerfeier teil. In einem Kommuniqué würdigte Macron den Staatschef als „tapferen Freund“ und „großen Soldaten“.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Mit französischer Unterstützung hatte Déby 1990 nach einem Militärputsch die Macht ergriffen und seit 30 Jahren an der Spitze eines repressiven Regimes gestanden, bis er bei Kampfhandlungen im Norden des Landes unter nicht geklärten Umständen am Dienstag getötet wurde. Die französische Ehrerbietung für den Diktator folgt dreieinhalb Jahre nach Macrons „Grundsatzrede“ von Ouagadougou, in der er eigentlich einen Bruch mit der neokolonialen Politik seines Landes ankündigt hatte.

          Macron unterstützt den Sohn Débys

          „Ich teile die Trauer einer Nation über den Verlust ihres Soldaten“, sagte Macron bei den Feierlichkeiten. „Frankreich wird nicht zulassen, dass heute oder morgen die staatliche Integrität Tschads bedroht wird“, fügte der Franzose hinzu. Er nahm ostentativ neben dem 37 Jahre alten Sohn des verstorbenen Diktators, Mahamat Idriss Déby, Platz, der die Nachfolge seines Vaters beansprucht.

          Déby junior, der unter anderem an der französischen Militärschule in Aix-en-Provence ausgebildet wurde, hat die Verfassung außer Kraft gesetzt, die vorsieht, dass der Senatspräsident einspringt, sollte der Staatspräsident sein Amt nicht ausüben können. Er beförderte sich selbst an die Staatsspitze und beansprucht den Oberbefehl über die Streitkräfte. An diesem undemokratischen Vorgehen übte Macron keine Kritik. Er traf vor der Trauerfeier zu einem Gespräch mit Déby zusammen und telefonierte mit der Witwe Hinda Déby Itno.

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          Der verstorbene Präsident soll in seiner Heimatregion im Nordosten nahe der sudanesischen Grenze bestattet werden. Macron unterstützt fortan den Sohn, der in Aussicht gestellt hat, nach einer Übergangsphase von achtzehn Monaten Wahlen zu organisieren. Mahamat Déby hat im Gegenzug für diesen Schulterschluss versprochen, die tschadischen Soldaten nicht aus der G-5-Sahel-Eingreiftruppe zurückzuziehen. Seit dem Militärputsch in Mali im vergangenen August ist es bereits das zweite Mal, dass Frankreich offen undemokratische Machtwechsel billigt. Das Parlament in N’Djamena, das größtenteils der parlamentarischen Fassade des Regimes diente, wurde aufgelöst. Die Opposition spricht von einem „Staatsstreich“.

          Macron nutzte die Reise in die tschadische Hauptstadt für ein informelles Gipfeltreffen mit den Staatschefs Burkina Fasos, Mauritaniens, Malis und Nigers, um sich mit ihnen über die Fortsetzung der G-5-Sahelinitiative abzustimmen. Deutschland ist an der Initiative von Anfang an beteiligt, wurde aber nicht einbezogen. Tschad bildet die wichtigste Stütze für den gemeinsamen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus in der Sahelzone. Bis zu 1550 Bundeswehrangehörige sind im Rahmen von Missionen der EU und der Vereinten Nationen in Mali im Einsatz.

          Frankreich befürchtet nach dem Tod des Diktators eine wachsende Instabilität im gesamten Sahel-Gebiet. In der Hauptstadt Tschads hat die französische Militäroperation Barkhane ihr Hauptquartier. Mit mehr als 5000 Soldaten ist die Operation der größte Auslandseinsatz der französischen Armee seit Ende des Algerienkrieges. Die Soldaten kämpfen dort gegen islamistische Gruppierungen, die auch Tschad bedrohen. Im Februar 2019 bombardierten französische Kampfflugzeuge im Norden des Landes eine Kolonne von Rebellen, die aus Libyen eingefallen waren.

          Le Drian rechtfertigte die Intervention damals damit, dass sie auf Bitte der tschadischen Regierung stattgefunden habe. Dieses Mal kam französische Hilfe zu spät, um Déby zu retten. Wie die französische Zeitung „L’Opinion“ recherchiert hat, ist der Potentat der Rebellengruppe Fact („Front pour l’alternance et la concorde au Tchad“) zum Opfer gefallen. Die bewaffneten Kämpfer der Oppositionsgruppe wurden von dem libyschen Warlord General Haftar unterstützt, der lange militärische Hilfe aus Frankreich erhielt. „Die Freunde unserer Freunde haben unsere Freunde getötet“, schrieb „L’Opinion“. Der Fall Déby wirft ein Schlaglicht auf die Widersprüche der französischen Afrikapolitik.

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