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Migration und Staatsbankrott : Warum Tunesien besonders unter den Corona-Folgen leidet

Von der tunesischen Küstenwache gerettete Migranten Ende Juni in Ben Guerdane am 24. Juni Bild: AFP

Immer mehr junge Tunesier fliehen vor den verheerenden Folgen der Pandemie und einem drohenden Staatsbankrott. Die aktuelle Corona-Welle ist das Symptom einer größeren Krise.

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          In Tunesien füllen sich die Friedhöfe. Mehr als 40 Tote bargen die Rettungskräfte in den vergangenen Tagen vor den Küsten des nordafrikanischen Landes. Mehrere überfüllte Migrantenboote waren auf der Fahrt in Richtung Italien gesunken. Aber fast jeden Tag spült das Meer neue Leichname an den Strand, wenn sie nicht in den Netzen der Fischer hängen bleiben. Auf dem „Friedhof der Unbekannten“ im Küstenort Zarzis finden viele der namenlosen Toten ihre letzte Ruhe.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Neben den Westafrikanern und Asiaten sind auf den Booten immer mehr Tunesier. Im vergangenen Jahr stellten sie mit gut 13.000 die größte Gruppe unter den Ankömmlingen in Italien; im Jahr vor Corona waren es weniger als tausend. Viele von ihnen fliehen vor den Folgen der Pandemie, die die Wirtschaftskrise in dem nordafrikanischen Land weiter verschärft hat und die Tunesien gerade mit einer neuen verheerenden Welle heimsucht. Manche sprechen schon von einem regelrechten Covid-„Tsunami“: Allein im Juni wurden 2000 Tunesier bestattet, die wegen oder mit dem Virus gestorben sind; insgesamt sind es schon mehr als 15.000 Tote in dem Land mit nur gut elf Millionen Einwohnern.

          Überfüllte Krankenhäuser, zu wenig Pfleger

          Die Krankenhäuser sind hoffnungslos überfüllt. Auf den Intensivstationen kämpfen 600 Patienten um ihr Leben. Kranke liegen auf den Gängen, einige unter freiem Himmel auf Matratzen, wie die lokale Presse berichtet. Es fehle Personal, so dass Tote manchmal 24 Stunden in ihren Betten blieben, bis sie jemand in die Leichenhalle bringen könne, erzählten Krankenpfleger in Kairouan der Nachrichtenagentur AFP. An einigen Orten wurden schon Feldlazarette aufgeschlagen. Gleichzeitig wird der Sauerstoffvorrat knapp. Die Bundesregierung half schon mit 25 Beatmungsgeräten. Auch Italien hat Unterstützung versprochen.

          In Tunesien macht sich schmerzlich bemerkbar, dass die Impfkampagne erst im März verspätet begann und seitdem nur langsam vorankommt. Nach Angaben des tunesischen Pasteur-Instituts erhielt das nordafrikanische Land bis Ende Juni 1,8 Millionen Impfdosen. Jetzt wird über eine größere Lieferung des Einmal-Impfstoffs von Johnson verhandelt. Nur rund vier Prozent der Bevölkerung sind bisher vollständig geschützt – viel zu wenig, um gegen die ansteckende Delta-Variante anzukommen, die sich auch in Tunesien ausbreitet. 18 Fälle wurden schon registriert, wobei die Labore nur wenige Proben sequenzieren.

          „Die Situation ist besorgniserregend, Tunesien ist das Land mit der höchsten Sterblichkeitsrate auf dem afrikanischen Kontinent“, sagte der WHO-Vertreter in Tunesien, Yves Souteyrand. In der Provinz Siliana stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf 700 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Wie schon im vergangenen Sommer wurden viele Tunesier wieder unvorsichtiger. Sie feierten große Hochzeiten, während des islamischen Zuckerfestes besuchten sich die Familien. Traditionell reisen in der Zeit viele Tunesier, die in Europa leben, in ihre Heimat.

          Jetzt zog die Regierung die Notbremse. Im ganzen Land gilt eine nächtliche Ausgangssperre, die Gastronomie muss schon am späteren Nachmittag schließen. Die Armee hilft dabei, die Restriktionen durchzusetzen. Fachleute halten jedoch einen strengen Lockdown im ganzen Land für nötig, der mehrere Wochen dauern soll. Dazu entschlossen sich bisher nur sechs Regionen. Für die Hauptstadt Tunis wird das am kommenden Wochenende der Fall sein.

          Abhängig vom Tourismus

          Für die strauchelnde Wirtschaft des Landes ist das fatal. Viele Tunesier arbeiten als Tagelöhner. Sie leben von der Hand in den Mund und hatten schon vor Corona zu kämpfen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 18 Prozent, ist aber besonders unter jungen Tunesiern viel höher. Der Tourismusbranche, von der fast ein Viertel der Bevölkerung direkt oder indirekt abhängig ist, droht ein zweites verlorenes Jahr. Seit sich das Land Ende April wieder öffnete, kehren auch die Touristen zurück. Sie kommen nicht mehr wie früher aus West-, sondern aus Osteuropa; unter ihnen sind viele Russen. Vor dem Ausbruch der Pandemie waren es im Jahr 2019 insgesamt fast zehn Millionen Urlauber. In diesem Jahr hofft man wenigstens auf eine Million. Doch es könnten noch weniger werden. So hat das deutsche Robert-Koch-Institut Tunesien als Hochinzidenzgebiet eingestuft, die Tschechische Republik verbietet ihren Bürgern Reisen in das Land.

          Das Wiederaufleben der Pandemie ist jedoch nur das Symptom einer größeren Krise, mit der die tunesische Regierung seit Jahren nicht fertig wird. Das letzte verbliebene Hoffnungsland des „Arabischen Frühlings“ ist praktisch bankrott. Die Regierung verhandelt mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Kredit in Höhe von 3,3 Milliarden Euro. Im Gegenzug verlangen die Geber einschneidende Reformen und einen Abbau von Subventionen, die vor allem der mächtige Gewerkschaftsdachverband UGTT ablehnt. Die Zeit drängt, denn Tunesien muss in diesem Jahr alte Schulden von mehreren Milliarden Euro zurückzahlen. Doch das Land ist seit Monaten durch einen Machtkampf zwischen dem Präsidenten Kaïs Saïed und dem Ministerpräsidenten Hichem Mechichi politisch blockiert.

          Die Unzufriedenheit unter den Tunesiern wächst. Seit Beginn des Jahres reißen die Demonstrationen gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und die steigenden Preise nicht ab. Oft ertönt dabei der alte Revolutionsslogan „Das Volk will den Sturz des Systems“, der nun der demokratisch gewählten Führung gilt, deren Sicherheitskräfte immer härter durchgreifen. Im Januar wurden 2000 junge Tunesier festgenommen. Doch weder Tränengas noch die wachsende Infektionsgefahr stoppt die Demonstranten. Im Juni hatten mehr als 40 Organisationen zu Protesten gegen die Polizeigewalt aufgerufen.

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