https://www.faz.net/-gpf-a2813

Videobotschaft Tichanowskajas : „Viele werden mich verstehen, viele verurteilen, viele hassen“

Bild: AFP

Offenkundig unter großem Druck des Regimes hat Swetlana Tichanowskaja Belarus verlassen. Lukaschenka scheint nicht davor zurückzuschrecken, Familie, Freunde und Mitarbeiter seiner Gegner zu bedrohen.

          7 Min.

          Während Belarus die zweite Protestnacht infolge durchlebte, hat Swetlana Tichanowskaja, die sich am Montag zur Siegerin der Präsidentenwahlen im Land erklärt hat, das Land verlassen. Sie sei nun in Litauen und in Sicherheit, teilte der Außenminister des Nachbarlandes, Linas Linkevicius, am Dienstagmorgen auf Twitter mit. Nach Litauen hatte Tichanowskaja zuvor schon ihre beiden Kinder in Begleitung der Großmutter geschickt; ihr Mann, der Blogger Sergej Tichanowskij, sitzt seit Ende Mai in Minsk unter diversen Vorwürfen, die als politisch motiviert gelten, in Untersuchungshaft.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Linkevicius sagte im Radioprogramm seines Landes, Tichanowskaja sei am Vorabend vor ihrer Ausreise in Minsk sieben Stunden lang festgehalten worden. Ihr Stab hatte angegeben, die Verbindung zu ihr verloren zu haben, nachdem sie in der Zentralen Wahlkommission Beschwerde gegen das offizielle Wahlergebnis eingelegt hatte; ihre Sprecherin sagte, Tichanowskaja habe gesagt, „eine Entscheidung getroffen“ zu haben, und sei in unbekannter Richtung verschwunden. Später hieß es aus dem Stab, man habe Tichanowskaja erreicht, es gehe ihr gut.

          „Passt bitte auf euch auf“

          Die belarusische Grenzbehörde bestätigte am Morgen, dass Tichanowskaja in der Nacht zum Dienstag das Land in Richtung Litauen verlassen habe. Bald darauf veröffentlichte Tichanowskaja eine kurze Videobotschaft, in der sie sichtlich erschöpft und gezeichnet wirkt, ganz so, als sei sie enorm unter Druck gesetzt worden – ganz so, als habe man der Frau, die den Belarusen im Wahlkampf, wie sie selbst und viele andere sagten, „die Angst genommen“ hat, schreckliche Angst gemacht. Sie habe geglaubt, durch die Wahlkampagne so viele Kräfte bekommen zu haben, „dass ich alles aushalte“, sagt Tichanowskaja darin. „Doch ich bin wahrscheinlich genau die schwache Frau geblieben, die ich zu Anfang war.“ Die 37 Jahre alte Hausfrau war für ihren an der Kandidatur gehinderten Mann in den Wahlkampf eingestiegen und hat stets gesagt, sie würde lieber wieder für die Familie da sein. Offenkundig über ihre Ausreise sagt Tichanowskaja, die „für mich sehr schwierige Entscheidung“ habe sie „absolut selbständig“ getroffen. „Ich weiß, viele werden mich verstehen, viele verurteilen, viele hassen. Aber, wisst ihr, Gott bewahre, dass sie vor einer solchen Entscheidung stehen, wie ich es jetzt tat. Darum, Leute, passt bitte auf euch auf. Das, was jetzt passiert, ist kein Leben wert. Kinder sind das Wichtigste, was es in unserem Leben gibt.“

          Etwas Klarheit in die Umstände der Ausreise hatte kurz vor Veröffentlichung dieser Botschaft schon Olga Kowalkowa gebracht, eine Vertraute Tichanowskajas. Sie sagte dem belarusischen Newsportal Tut.by, dass Letztere durch die Machthaber aus dem Land gebracht worden sei. Nur so habe Tichanowskaja ihre Stabschefin, Marija Moros, freibekommen können, die mit ihr gefahren sei, sagte Kowalkowa. Moros war am Samstag, als sie sich in Gesellschaft der Kandidatin vor deren Stab aufhielt, von Männern in Zivil in einen Kleinbus gesetzt und fortgebracht worden; später hieß es, am Montag solle sie vor Gericht gestellt werden, weshalb, blieb unklar. „Swetlana hatte keine Wahl“, sagte Kowalkowa. „Wichtig ist, dass sie in Freiheit ist und lebt.“ Doch befänden sich weitere Mitglieder von Tichanowskajas Team „in Geiselhaft“.

          Das könnte dafür sprechen, dass die Machthaber, deren Geheimdienst KGB nach eigenen Angaben offiziell die „Bewachung“ von Tichanowskaja wegen angeblicher Gefahren für deren Leben übernommen hatte, neben dem Faustpfand des Ehemanns in Untersuchungshaft weitere Druckhebel gegen Tichanowskaja einsetzten; denkbar erscheinen angesichts der Äußerung Tichanowskajas am Ende der Botschaft Drohungen gegen die Kinder von Mitstreitern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Korrekt bezahlt?

          Gewerkschafts-Marketing : Die Plünderung der Tarifautonomie

          Der Deutsche Gewerkschaftsbund rechnet vor, dass den Sozialversicherungen „durch Tarifflucht und Lohndumping jährlich etwa 30 Milliarden Euro verlorengehen“. Nicht nur die Begriffe sind höchst fragwürdig.
          Das Wasserwerk in Rastatt-Rauental

          Skandal in Baden-Württemberg : Gift im Boden und im Wasser

          In Baden-Württemberg ist eine Fläche etwa so groß wie der Ammersee mit Chemikalien verseucht. Die Aufarbeitung des Umweltskandals verläuft zäh. Doch es ist nicht das einzige Bundesland mit solchen Vorfällen.

          Kartenzahlung : Es geht auch ohne Maestro

          Banken dürfen bald keine Maestro-Karten an ihre Kunden mehr ausgeben. Das klingt schlimm, ist für Verbraucher aber halb so wild.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.