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Der Volkszorn der Libanesen : Proteste mit zotigen Geschlechtsteilvergleichen

Demonstranten tragen bei ihrem Protest gegen die Regierung Flaggen ihres Landes. Bild: Reuters

Im Libanon bricht sich eine lange aufgestaute Wut auf die Mächtigen und deren faule Kompromisse Bahn. Die Demonstranten wollen nicht länger hinnehmen, dass ihr Land heruntergewirtschaftet wird – und fordern den „Sturz des Regimes“.

          7 Min.

          Anfangs ist es noch wie immer. In einer Runde libanesischer Herren werden Witze über die neuesten Absurditäten der politischen Führer gerissen. „Weißt du was sie jetzt machen wollen?“, fragt einer, als wäre er nicht selbst ein Funktionär in der Regierung „dieser Leute“. Es ist Donnerstagnachmittag, das Kabinett hat wieder einmal verkündet, dass die einfachen Leute zur Kasse gebeten werden. Tabak soll teurer werden, ebenso Benzin. Der Staat will außerdem kassieren, wenn internetbasierte Dienstleister wie Whatsapp für Anrufe benutzt werden – während sich zwei staatliche Mobilfunkunternehmen wie Monopolisten aufführen und Gebühren verlangen, die zu den höchsten in der ganzen Region gehören. „Das ist verrückt“, sagt der Funktionär.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Einige Stunden später platzt den Libanesen der Kragen. In Beirut gehen erst Dutzende, dann Hunderte, dann Tausende auf die Straße. Im ganzen Land brechen spontane, wütende Proteste aus. Demonstranten blockieren wichtige Verkehrsadern. Schulen und Banken schließen. Der übliche Smog im Zentrum von Beirut weicht den Abgasen der Revolution: Zuerst ist es Brandgeruch, als Barrikaden aus Gummireifen angezündet werden. Bei einigen schlägt der Frust in Zerstörungswut um. Geldautomaten werden zertrümmert, das Erdgeschoss eines Rohbaus geht in Flammen auf. Am Freitagabend kommt Tränengas hinzu, als die Sicherheitskräfte die Demonstrationen mit Gewalt aufzulösen versuchen.

          Es geht längst ums Prinzip

          Aber die Leute gehen weiter auf die Straße. Auch, als die Whatsapp-Steuer längst wieder kassiert ist und hauptverdächtige Kabinettsmitglieder beteuert haben, es sei nicht ihre Idee gewesen. Es geht längst ums Prinzip. Zu Zehntausenden, womöglich Hunderttausenden strömen sie in die Innenstadt von Beirut, die eigentlich eine Insel der Kaufkräftigen und deshalb meistens menschenleer ist.

          Jetzt kommen sich auch aus den nahen Einfacheleutevierteln, wie die harten Jungs auf den Motorrollern, die die Demonstrationen umkreisen wie ein Kavallerieregiment, das einen Treck wehrloser Siedler im wilden Westen beschützt. Sie kommen aus den schiitischen Vorstädten im Süden, die von der Hizbullah beherrscht werden, wo es eigentlich keinen Widerspruch zu geben scheint. Und auch aus dem christlichen Kernland und den Oberschichtenquartieren kommen Demonstranten.

          Der Volkszorn richtet sich gegen alle politischen Führer. Sie werden alle gleichermaßen mit zotigen Geschlechtsteilvergleichen bedacht: der Chef der schiitschen Hizbullah, Hassan Nasrallah, ebenso wie der sunnitische Regierungschef Saad Hariri und der christliche Staatspräsident Michel Aoun. Am lautesten rufen die Protestierer, wenn der Name von dessen verhasstem Schwiegersohn genannt wird – Außenminister Gebran Bassil. Was sonst nur im Privaten gesagt wird, ist jetzt ein Schlachtruf auf der Straße. Und dort ertönt immer wieder auch der Slogan der Arabellion von 2011: „Das Volk will den Sturz des Regimes!“

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