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Der Volkszorn der Libanesen : Proteste mit zotigen Geschlechtsteilvergleichen

Er sagt aber nicht: Und deshalb trete ich ab. Hariri verkündet vielmehr, er gebe der Regierung zweiundsiebzig Stunden für Lösungen. Es bleibt die Frage, wie in drei Tagen gelingen soll, was in Jahren nicht gelungen ist? Doch selbst wenn Hariri, der Rest des Kabinetts und der Präsident zurückträten, wäre „das Regime“, das die Demonstranten zu Fall bringen wollen, nicht gestürzt. Sie kämpfen gegen eine widerstandsfähige Schicht von Clanführern, Oligarchen und Warlords aus Bürgerkriegszeiten, die sich die Macht immer wieder nach einem festgelegten Proporzsystem entlang der Bevölkerungsgruppen untereinander aufteilen. Und die zum Teil wie Feudalherren über ihre Anhängerschaft gebieten.

Viel zu plündern haben sie nicht mehr, die Zahlen sind dramatisch. Die Staatsverschuldung liegt bei rund 150 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Staatsanleihen sind laut Ratingagenturen Ramsch-Ware. Und langsam bekommen auch die Libanesen im Alltag zu spüren, dass der Wert der Landeswährung verfällt und die Devisenreserven schwinden. Seit 1997 bekommt man für einen Dollar 1500 Lira. Als hätte das Land zwei Währungen, werden amerikanische und libanesische Banknoten freihändig vermischt.

Aber inzwischen fragen die Eintreiber der Parkplatzwucherer, der Stromgeneratoren-Mafia, ob es nicht möglich wäre, die Rechnungen in Dollar zu zahlen. Wer von sich aus mit der amerikanischen Zweitwährung bezahlt, erntet die erstaunte Antwort: „Dollar? Sind Sie sicher?“ Die Geldautomaten geben nur noch in begrenzter Menge Dollar aus, an Inhaber ausländischer Kreditkarten gar nicht. Bankfilialen haben die Ausgabezeiten an den Schaltern so verändert, dass es Berufstätigen schwer gemacht wird, Dollar abzuholen. Auf dem Schwarzmarkt gelten schon längst ganz andere Kurse. Die einfachen Leute fürchten um ihre bescheidenen Renten, die in Landeswährung ausgezahlt werden.

Viele bringen ihr Geld lieber in Sicherheit

Das bewegt auch Leute, denen es an Geld nicht fehlt. Wenige Tage bevor der Proteststurm losbricht, sitzen in einem der Bankentürme von Beirut einflussreiche Banker um einen großen Konferenztisch und schlagen einstimmig Alarm. „Nicht mehr lange und alles fährt gegen die Wand“, sagt einer, der sich gut in der Zentralbank auskennt, die seit Jahren um die Kursbindung kämpft. „Die Zentralbank hat zu lange den Job der Regierung gemacht“, erklärt er. „Aber sie kann deren Versagen nicht länger ausbügeln.“ Zumal auch Zentralbankchef Riad Salamé, der gemeinhin als gewiefter Zauberer zur Rettung der Staatsfinanzen gilt, unter dem Postenschacher der politischen Führer leide. „Wichtige Direktoren- und Stellvertreterposten können seit Ewigkeiten nicht besetzt werden“, sagt der Banker.

Und auch Salamés Kniffe sind eine riskante Wette auf die Zuversicht der Reichen, von denen viele im Ausland leben. Denn sie haben der Zentralbank über die libanesischen Privatbanken Devisen auf Pump zur Verfügung gestellt – mit traumhaften Renditen. Jetzt bringen aber viele ihr Geld lieber in Sicherheit. So wie der Jungunternehmer, der aus so gutem Hause stammt, dass er namentlich lieber nicht genannt werden will. „Ich habe all mein Geld in Sicherheit gebracht. Verstehe mich nicht falsch – ich liebe dieses Land. Aber finanziell habe ich alle Verbindungen gekappt“, sagt er. Es dürfte sich um eine eher sieben- statt einer sechsstelligen Summe handeln.

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