https://www.faz.net/-gpf-a72wv

Dschihadismus : Warum sich immer mehr Menschen Boko Haram anschließen

Ein nigerianischer Polizist steht zum Schutz vor Terrorangriffen auf einem Markt bei Diffa in Südostniger. (Archivbild vom 23. Dezember 2020) Bild: AFP

Die Dschihadisten terrorisieren mit ihren Angriffen vor allem den Nordosten Nigerias. Doch ihr Einfluss reicht inzwischen in die ganze Sahelzone.

          4 Min.

          In der Regel sind es grausame Nachrichten, wenn über die Terrororganisation Boko Haram berichtet wird. Immer wieder verüben die Dschihadisten Anschläge und Überfälle auf Dörfer, Kirchen oder Schulen in Nigeria und der Tschadsee-Region, ermorden Zivilisten, Sicherheitskräfte und Politiker. Nach Informationen des Nigeria Security Tracker, einer Plattform des amerikanischen Council on Foreign Relations, sind in Nigeria seit 2009 fast 40.000 Menschen dem Konflikt mit Boko Haram zum Opfer gefallen.

          Franca Wittenbrink
          Redakteurin in der Politik.

          Im Dezember aber, etwa eine Woche vor Weihnachten, gab es einen seltenen Moment der Erleichterung: Mehr als 300 Kinder konnten nach einer Entführung durch Mitglieder von Boko Haram zu ihren Familien zurückkehren. Wenige Tage zuvor war eine Schule im Bundesstaat Katsina überfallen worden, unterschiedlichen Schätzungen zufolge wurden dabei zwischen 300 und 600 Schüler verschleppt. Die genauen Umstände ihrer anschließenden Freilassung sind weiterhin unklar.

          Es war die größte Geiselnahme in Nigeria seit dem Jahr 2014. Damals hatte Boko Haram 276 Schülerinnen aus einem Internat in Chibok im Nordosten Nigerias entführt; unter dem Hashtag „Bring Back Our Girls“ fand der Vorfall weltweit Aufmerksamkeit. Seitdem nimmt die Gewalt, die von den Islamisten ausgeht, kontinuierlich zu. Ende November 2020 töteten Boko-Haram-Rebellen mindestens siebzig Zivilisten im Bundesstaat Borno, viele von ihnen Bauern, die auf einem Reisfeld arbeiteten. Medienberichten zufolge fesselten die Angreifer viele der Opfer, um ihnen anschließend die Kehle durchzuschneiden. Die Vereinten Nationen bezeichneten den Vorfall als den gewalttätigsten direkten Angriff auf Zivilisten im vergangenen Jahr.

          Für den Terrorismusfachmann Yan St-Pierre ist dieser Übergriff ein klarer Beleg dafür, dass sich die Sicherheitslage im Nordosten Nigerias – dem Hauptoperationsgebiet Boko Harams – zunehmend verschlechtert. Eine der beiden Fraktionen der Terrororganisation, die sich 2015 dem „Islamischen Staat“ (IS) anschloss und sich „Islamic State West Africa Province“ (Iswap) nennt, kontrolliere im Bundesstaat Borno mittlerweile große Gebiete um die Provinzhauptstadt Maiduguri. „Sie bauen Schulen oder haben Einfluss auf Curricula. Und sie haben ein sehr starkes Wirtschaftssystem entwickelt, ein Monopol auf den Fischfang und -verkauf und auf Kohle“, sagt St-Pierre.

          Laut Human Rights Watch wird der Schutz von Zivilisten immer schwieriger. Im Juni töteten drei raketengetriebene Sprengsätze, die außerhalb Maiduguris abgefeuert wurden, vier Menschen und verletzten drei weitere in der Stadt – einem Gebiet, das zuvor wegen der starken Präsenz der nigerianischen Armee als relativ sicher galt. Die Zeitung „The Guardian“ berichtete kürzlich, dass in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres im Nordosten Nigerias mehr als hundert Menschen durch Landminen getötet oder verletzt wurden, die während des Konflikts zwischen Boko Haram, anderen bewaffneten Gruppen und der nigerianischen Armee gelegt wurden. Die Zahl der Landminenopfer in Nigeria ist nun die fünfthöchste der Welt.

          Aber auch über das traditionelle Operationsgebiet im Nordosten Nigerias hinaus breitet sich die Terrororganisation immer weiter aus. Die Entführung der nigerianischen Schulkinder in diesem Dezember ereignete sich Hunderte Kilometer entfernt in Katsina im Nordwesten des Landes. „Das ist ganz klar ein Zeichen für die generelle Ausbreitung von Boko Haram in Richtung Nordwesten“, sagt St-Pierre. Die Terrororganisation sei dort zunehmend gut vernetzt; immer mehr lokale kriminelle Gruppierungen schlössen sich Boko Haram beziehungsweise Iswap an. „Was sie verbindet, sind vor allem gemeinsame Interessen – erst an zweiter Stelle kommen ideologische und religiöse Verbindungen.“ Für die kleineren Gruppierungen sei es vor allem von finanziellem Vorteil, sich den Boko-Haram-Kämpfern anzuschließen – und diese profitierten im Gegenzug von ihrem wachsenden Einflussgebiet.

          Ist das Militär der Aufgabe gewachsen?

          St-Pierre spricht von einem „perfekten Sturm“: Auf der einen Seite steige die Kriminalität in der Sahelzone insgesamt, während auf der anderen Seite die Kapazitäten der Sicherheitskräfte immer geringer würden. „Das Militär soll fast alle Bereiche der Sicherheit im Land abdecken, aber die materielle und personelle Ausrüstung reicht dafür nicht“, sagt St-Pierre. Nigerias Militär etwa verliere dadurch zunehmend an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Seit Jahren versprechen die politischen Führer des Landes, dass die Niederlage der Dschihadisten unmittelbar bevorstehe – allen voran Präsident Muhammadu Buhari, der das Land seit 2015 regiert. Doch die Bevölkerung spürt davon bislang nur wenig.

          Vor allem im Norden Nigerias, geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit, schließen sich immer mehr Menschen Boko Haram an. Durch die zunehmende Wirtschaftskraft verspricht die Terrororganisation eine scheinbare Perspektive, die die von Korruption geprägte Regierung nicht zu bieten vermag. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt St-Pierre. „Das Hauptproblem liegt darin, dass die unterschiedlichen Akteure nicht an einem Strang ziehen.“ Das Militär sei machtlos ohne die Kooperation mit der Zivilbevölkerung und andersherum – aber das gegenseitige Vertrauen werde immer geringer.

          Freigelassene Schüler in Katsina am 18. Dezember
          Freigelassene Schüler in Katsina am 18. Dezember : Bild: dpa

          Hinzu komme, dass der Kampf gegen Boko Haram allein innenpolitisch längst nicht mehr zu gewinnen sei. Laut St-Pierre gewinnt Boko Haram im gesamten Norden Afrikas an Einfluss, unter anderem im Süden Tschads, im Südosten Nigers oder im Norden Kameruns. „Wie ein Gürtel“ ziehe sich der Terror vom Osten bis in den Westen. In der Sahelzone seien vor allem Iswap und das breitere IS-Netzwerk in Afrika aktiv. Die Unterorganisationen in den verschiedenen Regionen vernetzten sich immer professioneller.

          Militärbündnisse wie etwa die „G5 Sahel“ zwischen Frankreich und den fünf Sahelstaaten Mali, Burkina Faso, Mauretanien, Niger und Tschad verfolgen das Ziel, den Dschihadismus in der Region zurückzudrängen. Noch im Sommer 2020 beglückwünschte der französische Präsident Emmanuel Macron die Allianz zu ihren Erfolgen. „Ein Sieg ist möglich“, sagte er im Juli während des Gipfels der Gruppe in Mauretanien. Doch die aktuelle Situation vermittelt ein anderes Bild.

          Mütter warten am 18. Dezember im nigerianischen Katsina auf die Rückkehr ihrer entführten Kinder.
          Mütter warten am 18. Dezember im nigerianischen Katsina auf die Rückkehr ihrer entführten Kinder. : Bild: AFP

          Kurzfristig, sagt St-Pierre, sei er sehr pessimistisch. „Der Terrorismus in Afrika wächst, und seit etwa drei Jahren beobachte ich eine große Beschleunigung.“ Wenn das Glaubwürdigkeitsproblem der verschiedenen Akteure und deren Unfähigkeit, im Kampf gegen den Dschihadismus zusammenzuarbeiten, irgendwann überwunden werden könnte, dann könne es vorangehen. „Aber das ist eine wahnsinnig komplexe Aufgabe“, sagt St-Pierre. „Bis dahin bleibt vieles ein Tropfen auf den heißen Stein.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Marine Le Pen und Viktor Orbán in Budapest

          Le Pen in Ungarn : Bildtermin bei Orbán

          Europas Nationalisten reisen gerne nach Budapest, Marine Le Pen musste es sogar tun. Ob das die französischen Wähler beeindrucken wird?
          Der umstrittene Demokrat: Joseph Manchin im Oktober 2021 in Washington, DC.

          Senator Joseph Manchin : Der letzte Demokrat

          Ein korrupter Verräter? Joseph Manchin stößt auf viel Kritik innerhalb seiner eigenen Partei. Die Republikaner versuchen indes, den Politiker zu einem Seitenwechsel zu motivieren.
          Für manche der Hexer: Tesla-Chef Elon Musk

          Tesla-Aktie : Die Billionen-Dollar-Wette

          Tesla begeistert die Anleger. Eine Aktie kostet jetzt mehr als 1000 Dollar, das Unternehmen wird mit mehr als einer Billion Dollar bewertet. Kann Tesla halten, was es verspricht?
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreicht Bundeskanzlerin Angela Merkel die Entlassungsurkunde am Dienstag im Schloss Bellevue

          Entlassungsurkunde für Merkel : Am Ende einer Kanzlerschaft

          Der Bundespräsident würdigt die Amtszeit von Angela Merkel als „beispielgebend“. So verabschiedet er die Kanzlerin – und bittet sie, noch ein bisschen weiterzumachen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.