https://www.faz.net/-gpf-9n27z

Israel im Iran-Konflikt : Die plötzliche Stille des Benjamin Netanjahu

Benjamin Netanjahu, Premierminister von Israel, hat sich bislang mit Äußerungen zum Iran zurückgehalten. Bild: dpa

Jahrelang machte Netanjahu Stimmung gegen Teheran. Doch während der Konflikt zwischen Amerika und Iran weiter eskaliert, bleibt er auffallend ruhig. Was ist seine Strategie?

          4 Min.

          Benjamin Netanjahu lässt üblicherweise keine Gelegenheit aus, um vor den Gefahren aus Teheran zu warnen. Jahrelang warb Israels Ministerpräsident in Washington mit allen Mitteln für den Ausstieg aus dem Atomabkommen und für härtere Sanktionen gegen Iran. Jetzt, wo beides eingetreten ist und Iran mit Gegenmaßnahmen droht, ist Israel in der Sache so still wie nie zuvor. Kriegstrommeln werden weder im Militärhauptquartier in Tel Aviv noch in Jerusalem geschlagen. Zum Jahrestag der amerikanischen Botschaftsverlegung nach Jerusalem beschwor Netanjahu jetzt die Allianz mit Amerika. Zu Iran äußerte er sich nur knapp: „Wir sind vereint in unserem Verlangen, die iranische Aggression zu stoppen.“ Kein Wort zu möglichen Militärschlägen, keine solche Aufforderung an die Adresse Washingtons. Netanjahu weiß um das Risiko einer weiteren Eskalation.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          So bleibt unklar, ob der Minister für regionale Sicherheit, Tzachi Hanegbi, für seine Regierung sprach, als er am Donnerstag im Radio deklamierte: „Beides wäre gut: Wenn es keinen Krieg gibt, gut – wenn es einen Krieg gibt, wissen wir wie er ausgeht, die Vereinigen Staaten sind eine Supermacht.“ Zumindest scheint klar, dass Israel selbst keinen Krieg gegen Iran führen will, sollte es einen militärischen Konflikt überhaupt gutheißen. Wenn, dann wäre Amerika am Zug.

          Mehr wird in Israel derzeit auch nicht verbreitet. Das Militär will sich weder offen noch in Hintergrundgesprächen äußern. „Es ist nicht in Israels Interesse, sich an die Spitze der Angelegenheit zu stellen“, sagt die Iran-Spezialistin Emily Landau vom Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, die Netanjahus Iran-Positionen immer recht nahe stand. „Iran ist ein internationales Problem, über Israel und auch über die Region hinaus.“

          Die Dinge werden „heißer“

          So strebt Israel nach den Worten des früheren Generals Amos Jadlin einen Zusammenbruch des Atomabkommens an – und damit die totale wirtschaftliche Schwächung Irans, die Volksaufstände und letztlich einem Regimewechsel herbeiführen sollen. Anscheinend hat Israels Geheimdienst daran mitgewirkt, dass die Falken in Amerika die Politik gegen Iran zuletzt verschärfen konnten. Das israelische Fernsehen hatte von israelischen Geheimdienstinformationen berichtet, die Washington vor iranischen Sabotageakten gegen die saudische Ölproduktion gewarnt hätten. Und die „New York Times“ meldete, die amerikanische Entscheidung für eine Truppenverstärkung im Persischen Golf basiere teilweise auf israelischer Aufklärung. Der Geheimdienst habe Washington unter anderem vor Angriffen auf amerikanische Ziele im Irak gewarnt.

          Energieminister Juval Steinitz sagte jedenfalls, dass die Dinge „heißer“ werden. Gegenüber dem Nachrichtenportal „Ynet“ lobte er kürzlich die amerikanischen Sanktionsverschärfungen gegen Iran. Doch er gab zu, dass das nicht ohne Risiko ist. Die Sanktionen „brechen der iranischen Wirtschaft das Genick“, sagte Steinitz – was dazu führen könne, dass Teheran „verrückte Dinge“ tue. Er sprach von Angriffen auf Israel durch Alliierte Teherans oder seine Stellvertreter.

          Das wohl verheerendste Szenario wäre das eines Krieges mit der libanesischen Hizbullah. Grundsätzlich sind die Militärplaner in Tel Aviv darauf seit Jahren vorbereitet – auch wenn in Israel derzeit kaum jemand von einem unmittelbaren Angriff der Schiitenorganisation ausgeht. Daran scheint auch die derzeitige Lage am Golf wenig zu ändern. Truppenverschiebungen oder gar Einberufungen werden in Israel nicht vermeldet.

          Hizbullah gibt sich bereit

          Die Propaganda der Hizbullah ist beständig dabei, ihre Anhänger auf den Ernstfall vorzubereiten: „Israel will einen Krieg? Soll es doch in den Krieg ziehen“, sagte Hassan Nasrallah, der Anführer der Organisation, in einer Rede Anfang des Monats. Sollten israelische Einheiten in den Südlibanon vorrücken, würden sie „vor den Augen der Medien und der ganzen Welt vernichtet“.  Zuvor hatte eine Bericht der kuweitischen Zeitung „Al Rai“ Aufsehen erregt. Sie berichtete unter Berufung auf ranghohe Quellen in der Schiitenorganisation, Nasrallah habe die führenden Militärkommandeure in einer privaten Sitzung gewarnt, dass es in diesem Sommer zu einem Krieg mit Israel kommen werde und dass die gesamte erste Reihe einschließlich er, Nasrallah, selbst, getötet werde.

          „Es wurden schon Maßnahmen ergriffen und Verfahren erstellt, um bereit zu sein, auch wenn dieser Extremfall eintritt“, soll der Hizbullah-Anführer laut dem Bericht versichert haben. Die Schiitenorganisation tat den Bericht als Erfindung ab, der Reporter erklärte öffentlich, er bleibe bei seiner Darstellung. Dass sich hohe Kommandeure der straff geführten Organisation ohne Genehmigung des Anführers äußern, ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Bericht bewusst lanciert wurde – um ihn später zu dementieren. Auf diese Weise hätte die Organisation vorgebeugt, sollte sie von einem unerwarteten israelischen Schlag getroffen werden, wie es beim jüngsten Krieg von 2006 der Fall war. 

          Wahrscheinlicher ist indessen, dass die Auseinandersetzung auf einem anderen Schlachtfeld geführt wird. In Syrien fliegt Israels Luftwaffe regelmäßig Angriffe auf iranische Militäreinrichtungen oder von Teheran gelenkte Stellvertreter. Zudem werden Lieferungen angegriffen, die das ohnehin beträchtliche Raketenarsenal der Hizbullah mit weiteren präzise lenkbaren Flugkörpern vergrößern sollen.

          Ein gefährlicher Mehrfrontenkrieg droht

          Bislang hat Iran sich darauf beschränkt, mit allenfalls symbolischen Gegenschlägen zu antworten. Sollte sich diese Haltung ändern, drohte eine gefährliche Eskalation in der Levante, die sich zu einem so zerstörerischen wie gefährlichen Mehrfrontenkrieg auswachsen könnte. Sowohl die Hizbullah als auch Israel wissen, dass ein neuer Waffengang mit enormen Opfern verbunden wäre. Falken in Israel haben mehrmals gedroht, es handle sich im Fall der Fälle nicht nur um einen Krieg gegen die Hizbullah, sondern gegen den ganzen Libanon. Israel werde dessen Infrastruktur dem Erdboden gleichmachen und auch Beirut nicht verschonen. Zugleich ist der israelischen Seite bewusst, dass das Raketenarsenal der Hizbullah – nach Schätzungen etwa 130000 Flugkörper – zu umfangreich sein könnte für die eigene Raketenabwehr. Und so könnten die Großstadt Tel Aviv oder Atomreaktoren im Zuge einer militärischen Konfrontation in einen Raketenhagel gelangen.

          Das Gleichgewicht gegenseitiger Abschreckung hat bislang gehalten. Keine der beiden Seiten wolle einen Krieg, lautet auch die Analyse westlicher Geheimdienste und Diplomaten. Israel sehe – noch – nicht die Zeit dafür gekommen. Teheran werde seinen schlagkräftigsten Stellvertreter nicht leichtfertig opfern. Und Hizbullah-Führer Nasrallah ziehe es ohnehin vor, die bewaffneten Auseinandersetzungen auf das Nachbarland Syrien zu beschränken. Aber Nasrallah muss gehorchen, sollte er den Marschbefehl aus Teheran erhalten.

          In Beirut ist in diesen Tagen in Sicherheitskreisen wieder vermehrt von einem möglichen „heißen Sommer“ die Rede. Weil sich die Spannungen irgendwann entladen müssten – und vor allem, weil das Risiko, dass es im Zuge der zunehmenden Spannungen und gegenseitiger Nadelstiche zu einer unbeabsichtigten Eskalation kommt, stetig steige. Entspannung ist jedenfalls nicht in Sicht.

          Weitere Themen

          Was wollten wir mehr?

          Corona in Israel : Was wollten wir mehr?

          In Israel sind wir jetzt nahezu coronafrei. Aber haben wir die Normalität zurückgewonnen? Ein Rückblick auf das letzte Jahr für mich und mein Land.

          Topmeldungen

          September 2020: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verfolgt im Bayerischen Landtag eine Rede von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

          Die K-Frage der Union : Söder muss nur noch zuschauen

          Die Unterstützung in der CDU für die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet bröckelt Stück für Stück. Umso entschlossener wirkt die CSU. Die christsoziale Kampfmaschine funktioniert reibungslos.
          Hedwig Richter, Geschichtsprofessorin an der Bundeswehr-Universität München

          Porträt Hedwig Richter : Die Pop-Historikerin

          Hedwig Richter ist ein Star der Geschichtswissenschaft. Ein neuer Ton macht ihre Bücher über deutsche Demokratie und Kaiserreich zu Bestsellern. Er stößt aber auch auf fachliche Kritik. Ein Porträt.
          Der Herausforderer: Kühlregal mit Yamo-Produkten in einem Schweizer Supermarkt

          Babynahrung : Zoff ums Gläschen

          Wie füttert man sein Baby am besten? Um diese Frage tobt ein Rechtsstreit zwischen Marktführer Hipp und dem Start-up Yamo. Er gibt einen Einblick in einen Markt, in dem vor allem Vertrauen zählt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.