https://www.faz.net/-gpf-9n27z

Israel im Iran-Konflikt : Die plötzliche Stille des Benjamin Netanjahu

Hizbullah gibt sich bereit

Die Propaganda der Hizbullah ist beständig dabei, ihre Anhänger auf den Ernstfall vorzubereiten: „Israel will einen Krieg? Soll es doch in den Krieg ziehen“, sagte Hassan Nasrallah, der Anführer der Organisation, in einer Rede Anfang des Monats. Sollten israelische Einheiten in den Südlibanon vorrücken, würden sie „vor den Augen der Medien und der ganzen Welt vernichtet“.  Zuvor hatte eine Bericht der kuweitischen Zeitung „Al Rai“ Aufsehen erregt. Sie berichtete unter Berufung auf ranghohe Quellen in der Schiitenorganisation, Nasrallah habe die führenden Militärkommandeure in einer privaten Sitzung gewarnt, dass es in diesem Sommer zu einem Krieg mit Israel kommen werde und dass die gesamte erste Reihe einschließlich er, Nasrallah, selbst, getötet werde.

„Es wurden schon Maßnahmen ergriffen und Verfahren erstellt, um bereit zu sein, auch wenn dieser Extremfall eintritt“, soll der Hizbullah-Anführer laut dem Bericht versichert haben. Die Schiitenorganisation tat den Bericht als Erfindung ab, der Reporter erklärte öffentlich, er bleibe bei seiner Darstellung. Dass sich hohe Kommandeure der straff geführten Organisation ohne Genehmigung des Anführers äußern, ist unwahrscheinlich. Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Bericht bewusst lanciert wurde – um ihn später zu dementieren. Auf diese Weise hätte die Organisation vorgebeugt, sollte sie von einem unerwarteten israelischen Schlag getroffen werden, wie es beim jüngsten Krieg von 2006 der Fall war. 

Wahrscheinlicher ist indessen, dass die Auseinandersetzung auf einem anderen Schlachtfeld geführt wird. In Syrien fliegt Israels Luftwaffe regelmäßig Angriffe auf iranische Militäreinrichtungen oder von Teheran gelenkte Stellvertreter. Zudem werden Lieferungen angegriffen, die das ohnehin beträchtliche Raketenarsenal der Hizbullah mit weiteren präzise lenkbaren Flugkörpern vergrößern sollen.

Ein gefährlicher Mehrfrontenkrieg droht

Bislang hat Iran sich darauf beschränkt, mit allenfalls symbolischen Gegenschlägen zu antworten. Sollte sich diese Haltung ändern, drohte eine gefährliche Eskalation in der Levante, die sich zu einem so zerstörerischen wie gefährlichen Mehrfrontenkrieg auswachsen könnte. Sowohl die Hizbullah als auch Israel wissen, dass ein neuer Waffengang mit enormen Opfern verbunden wäre. Falken in Israel haben mehrmals gedroht, es handle sich im Fall der Fälle nicht nur um einen Krieg gegen die Hizbullah, sondern gegen den ganzen Libanon. Israel werde dessen Infrastruktur dem Erdboden gleichmachen und auch Beirut nicht verschonen. Zugleich ist der israelischen Seite bewusst, dass das Raketenarsenal der Hizbullah – nach Schätzungen etwa 130000 Flugkörper – zu umfangreich sein könnte für die eigene Raketenabwehr. Und so könnten die Großstadt Tel Aviv oder Atomreaktoren im Zuge einer militärischen Konfrontation in einen Raketenhagel gelangen.

Das Gleichgewicht gegenseitiger Abschreckung hat bislang gehalten. Keine der beiden Seiten wolle einen Krieg, lautet auch die Analyse westlicher Geheimdienste und Diplomaten. Israel sehe – noch – nicht die Zeit dafür gekommen. Teheran werde seinen schlagkräftigsten Stellvertreter nicht leichtfertig opfern. Und Hizbullah-Führer Nasrallah ziehe es ohnehin vor, die bewaffneten Auseinandersetzungen auf das Nachbarland Syrien zu beschränken. Aber Nasrallah muss gehorchen, sollte er den Marschbefehl aus Teheran erhalten.

In Beirut ist in diesen Tagen in Sicherheitskreisen wieder vermehrt von einem möglichen „heißen Sommer“ die Rede. Weil sich die Spannungen irgendwann entladen müssten – und vor allem, weil das Risiko, dass es im Zuge der zunehmenden Spannungen und gegenseitiger Nadelstiche zu einer unbeabsichtigten Eskalation kommt, stetig steige. Entspannung ist jedenfalls nicht in Sicht.

Weitere Themen

Topmeldungen

CSU-Online-Mitgliedschaft : Die Söder-Flamme am Züngeln halten

Schon seit September kann man deutschlandweit CSU-Online-Mitglied werden, mit eingeschränkten Rechten. Kurz nach dem Streit um die K-Frage meldet die Partei einen „sprunghaften Anstieg“ – will das aber nicht als Sticheln verstanden wissen.
Der Weißkopfseeadler ist das Wappentier der Vereinigten Staaten von Amerika.

Bedrohtes Wappentier : Was vergiftet Amerikas Seeadler?

Seit fast 30 Jahren verenden zahlreiche Tiere in Nordamerika an einem natürlichen Nervengift. Auch der Weißkopfseeadler, das amerikanische Wappentier, ist betroffen. Nun weiß man mehr über das Umweltgift.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.