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Radikale Geste : Warum Nawalnyj erstmals im Hungerstreik ist

Alexej Nawalnyj bei einer Gerichtsverhandlung am 2. Februar in Moskau Bild: Reuters

Obwohl der russische Oppositionelle schon oft in Haft war, verweigert er in Pokrow zum ersten Mal Nahrung. Zu diesem Mittel könne nur greifen, wer bereit ist, bis zum Ende zu gehen, zitiert eine Mitarbeiterin Nawalnyj.

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          Alexej Nawalnyj war schon oft in Haft, aber in Hungerstreik war er bisher nie getreten. Nun sah der russische Oppositionsführer offenkundig keine andere Möglichkeit mehr: Seit Wochen plagen den in einer Strafkolonie in Pokrow hundert Kilometer östlich von Moskau inhaftierten russischen Oppositionsführer nach seinen Angaben immer heftigere Rückenschmerzen. Inzwischen führen sie zu Lähmungserscheinungen in beiden Beinen. Ärztlich behandelt wird er demnach nicht, bekommt lediglich schwache Schmerzmittel.

          Friedrich Schmidt
          (frs.), Politik

          Bis ein von ihm selbst gewählter Arzt zu ihm vorgelassen wird, will Nawalnyj nun nichts mehr essen, nur weiter trinken. Nawalnyj habe Hungerstreiks stets als „radikale politische Geste bezeichnet, zu der nur greifen kann, wer bereit ist, bis zum Ende zu gehen. Dieser Moment ist für ihn offensichtlich gekommen“, schrieb Marija Pewtschich, die Leiterin der Rechercheabteilung von Nawalnyjs Stiftung zum Kampf gegen Korruption (FBK), auf Twitter.

          „Keine andere Methode des Kampfes“

          Darin, Druck aufzubauen und mit Druck zu leben, ist Nawalnyj erfahren. Der 44 Jahre alte Jurist hat den FBK in den vergangenen zehn Jahren gegen endlose Widrigkeiten mit wenigen dutzend Mitarbeitern und Spendengeldern zum wichtigsten Feind des Machtapparats gemacht. Nach der knapp überlebten Vergiftung mit dem Nervengift Nowitschok im vergangenen August hat Nawalnyj an der Enttarnung des mutmaßlichen Mordkommandos des Geheimdiensts FSB mitgewirkt. Er hat einen zigmillionenfach geschauten Film über einen „Palast für Putin“ am Schwarzen Meer veröffentlicht, erhöhte so den Einsatz weiter.

          Noch die Prozesse gegen ihn nach seiner Rückkehr aus Deutschland Mitte Januar und die sofortige Festnahme nutzte Nawalnyj als Bühne. Jetzt das extreme, verzweifelte Mittel. „Warum treten Häftlinge in den Hungerstreik?“, hieß es in einer Erklärung in seinem Namen in sozialen Netzwerken. Diese Frage stelle man sich nur in Freiheit, „von innen“, als Häftling, sei „alles einfach: Du hast keine andere Methode des Kampfes“.

          Die Strafkolonie in Pokrow, in der Alexej Nawalnyj inhaftiert ist.
          Die Strafkolonie in Pokrow, in der Alexej Nawalnyj inhaftiert ist. : Bild: AP

          Vorige Woche hatten Nawalnyjs Anwälte – sie sind sein einziger Kontakt zur Außenwelt – bekannt gemacht, dass er schon seit einem Monat in der Haft an starken Rückenschmerzen leide, denen Lähmungen des rechten Beins gefolgt seien. Der Politiker, der sich stets fit und unterhaltsam präsentiert, hatte lange vermieden, darüber zu klagen.

          Doch am Mittwoch erschien in Nawalnyjs Social-Media-Auftritten eine Erklärung an den Leiter der Strafkolonie in Pokrow. Darin schreibt Nawalnyj, dass er seit einem Monat jeden Tag sein gesetzlich vorgesehenes Recht auf ärztliche Hilfe und Medikamente einfordere. Mittlerweile hätten sich die Lähmungen vom rechten auf das linke Bein ausgeweitet. „Mit einem würde ich es ja noch irgendwie schaffen. Aber zwei Beine will ich nicht verlieren.“

          Das brachte Nawalnyj in Zusammenhang mit möglichen Spätfolgen des Nowitschok-Anschlags und mit „drei Wochen Schlafentzugsfolter“. Der freiwillig aus Deutschland zurückgekehrte, aber als „fluchtanfällig“ eingestufte Politiker wird in Pokrow nach seinen Angaben nachts jede Stunde geweckt und gefilmt; die Gefängnisverwaltung behauptet dagegen, ihre Kontrollen beeinträchtigten das Recht der Verurteilten auf acht Stunden ununterbrochenen Schlafes nicht.

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